

Weltweit
Alice im Wunderland
An einem warmen Tag saß Alice am Ufer neben ihrer Schwester und langweilte sich fürchterlich.
- Land
- Weltweit
- Alter
- 7–11 Jahre
- Dauer
- 16 Min.

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Alice im Wunderland
An einem warmen Tag saß Alice am Ufer neben ihrer Schwester und langweilte sich fürchterlich.
Ihre Schwester las ein Buch.
Alice schaute zweimal über ihre Schulter und entdeckte darin kein einziges Bild.
„Wozu ist ein Buch gut, wenn es weder Bilder noch Gespräche enthält?“, dachte sie.
Die Sonne wärmte, es roch nach Gras, und Alice überlegte schon, ob sie einen Kranz aus Gänseblümchen flechten sollte, als ein weißes Kaninchen mit rosa Augen an ihr vorbeilief.
Das allein überraschte sie noch nicht besonders.
Doch plötzlich sagte das Kaninchen:
„Zu spät! Ich komme schrecklich zu spät!“
Dann zog es eine Uhr aus der Westentasche, sah darauf und lief noch schneller.
Da sprang Alice auf.
Ein Kaninchen mit Weste hatte sie noch nie gesehen. Eines mit Taschenuhr erst recht nicht.
Sie rannte über das Feld hinter ihm her und sah, wie es unter einer Hecke in ein großes Kaninchenloch sprang.
Alice dachte nicht lange nach.
Sie sprang hinterher.
Zuerst verlief der Gang geradeaus, doch plötzlich fiel er steil nach unten ab wie ein sehr tiefer Brunnen.
Alice fiel langsam. So langsam, dass sie Zeit hatte, die Regale an den Wänden, Schränkchen, Bücher und Landkarten zu betrachten.
Auf einem Regal stand ein Glas mit der Aufschrift „Orangenmarmelade“.
Es war leer.
„Wie schade“, sagte Alice und stellte das Glas vorsichtig auf ein anderes Regal, an dem sie gerade vorbeiflog.
„Wie lange falle ich wohl schon? Vielleicht lande ich bald auf der anderen Seite der Erde?“
Schließlich fiel sie weich auf einen Haufen trockener Blätter.
Vor ihr huschte das weiße Kaninchen vorbei.
„Meine Ohren und Schnurrhaare! Ich komme zu spät!“
Alice lief hinterher, doch hinter einer Kurve war es verschwunden.
Sie stand nun in einem langen Saal mit vielen Türen. Alle waren verschlossen.
In der Mitte stand ein Glastisch. Darauf lag ein kleiner goldener Schlüssel.
Zu den großen Türen passte er nicht, doch hinter einem Vorhang entdeckte Alice eine winzige Tür, die sich damit öffnen ließ.
Dahinter lag ein wunderschöner Garten mit Brunnen, Blumen und leuchtenden Wegen.
Es gab nur ein Problem: Die Tür war kaum höher als eine Puppentür.
Alice kehrte zum Tisch zurück und sah eine kleine Flasche, die vorher nicht dort gestanden zu haben schien. Auf dem Etikett stand: „Trink mich“.
„Zuerst muss ich nachsehen, ob irgendwo eine Warnung steht“, sagte Alice vernünftig.
Es gab keine.
Sie nahm einen kleinen Schluck.
Der Geschmack war merkwürdig: ein wenig nach Kirsche, ein wenig nach Vanille, ein wenig nach Kuchen und noch nach etwas, für das Alice keinen Namen fand.
Sie begann zu schrumpfen.
„Ausgezeichnet! Jetzt passe ich in den Garten.“
Doch der Schlüssel lag noch auf dem hohen Tisch.
„Das habe ich ja großartig gemacht“, seufzte Alice.
Unter dem Tisch fand sie einen kleinen Kuchen mit der Aufschrift „Iss mich“.
Nach einem Bissen wuchs Alice plötzlich so hoch, dass sie mit dem Kopf fast die Decke berührte.
„Jetzt kann ich mich nicht einmal mehr zu der kleinen Tür hinunterbeugen!“
Das machte sie so traurig, dass sie zu weinen begann. Bald hatte sie so viele Tränen vergossen, dass auf dem Boden ein ganzer See entstand.
Später wurde Alice wieder kleiner, rutschte aus und landete in ihrem eigenen Tränensee.
Neben ihr schwamm eine Maus, dahinter eine Ente, ein Dodo und andere durchnässte Tiere und Vögel.
„Wir müssen trocken werden“, erklärte der Dodo, als alle das Ufer erreicht hatten.
„Wie denn?“
„Wir veranstalten ein Wettlaufen ohne Regeln.“
„Wo ist der Start?“
„Wo immer wir wollen.“
„Und das Ziel?“
„Wenn wir entscheiden, dass es genug ist.“
Alle liefen in verschiedene Richtungen. Nach einigen Minuten verkündete der Dodo:
„Das Rennen ist vorbei! Alle haben gewonnen!“
„Und die Preise?“
Alle sahen Alice an.
Sie musste Bonbons verteilen, die zufällig noch in ihrer Tasche steckten.
„Was für ein merkwürdiges Land“, sagte sie.
„Du hast noch fast gar nichts gesehen“, antwortete der Dodo.
Bald erschien wieder das weiße Kaninchen.
Es war so beschäftigt, dass es Alice für sein Dienstmädchen hielt.
„Mary Ann! Schnell nach Hause! Hol meine Handschuhe und meinen Fächer!“
Alice wollte erklären, dass sie überhaupt nicht Mary Ann war, doch ihre Neugier gewann.
Im Haus des Kaninchens fand sie eine weitere Flasche, nahm einen Schluck und begann plötzlich zu wachsen.
Ein Arm ragte aus dem Fenster, ein Bein steckte im Kamin.
„Schon wieder!“, stöhnte Alice.
Draußen brach Panik aus.
Das Kaninchen und seine Freunde konnten nicht verstehen, wer das ganze Haus ausfüllte. Sie schickten die Eidechse Bill durch den Schornstein, warfen kleine Steine durchs Fenster und schlugen einander immer unsinnigere Lösungen vor.
Kaum landeten die Steine auf dem Boden, verwandelten sie sich in kleine Kuchen.
Alice aß einen davon und schrumpfte.
Sie rannte aus dem Haus und versteckte sich im Wald.
Dort saß auf einem großen Pilz eine blaue Raupe und blies gelassen Rauchringe in die Luft.
„Wer bist du?“, fragte die Raupe.
„Im Augenblick bin ich mir nicht ganz sicher“, antwortete Alice. „Heute habe ich mich schon so oft verändert.“
„Deine Größe beantwortet nicht die Frage, wer du bist.“
„Das sagt sich leicht. Sie sind den ganzen Tag gleich groß.“
„Nicht den ganzen Tag“, sagte die Raupe trocken. „Auch ich werde mich verändern.“
Alice erinnerte sich daran, dass aus einer Raupe ein Schmetterling wird, und beruhigte sich ein wenig.
Die Raupe erklärte, dass eine Seite des Pilzes größer und die andere kleiner mache.
„Welche Seite denn?“, fragte Alice.
„Die eine und die andere.“
„Sehr hilfreich.“
Alice brach zwei Stücke ab und lernte nach einigen missglückten Versuchen, ihre Größe so zu verändern, wie sie es brauchte.
Bald kam sie zu einem kleinen Haus. Drinnen herrschte völliges Durcheinander.
Die Herzogin hielt ein Baby im Arm, die Köchin schüttete so viel Pfeffer in die Suppe, dass alle ständig niesen mussten, und auf dem Herd saß eine große Katze mit einem breiten Grinsen.
„Warum grinst Ihre Katze so?“, fragte Alice.
„Weil sie eine Grinsekatze ist“, antwortete die Herzogin, als erklärte das alles.
Als Alice das Haus verließ, erschien die Grinsekatze auf einem Ast über dem Weg.
„Wohin soll ich gehen?“, fragte Alice.
„Wo möchtest du denn ankommen?“
„Das weiß ich nicht.“
„Dann ist fast jeder Weg geeignet.“
„Und wer wohnt hier?“
„Dort der Hutmacher. Dort der Märzhase. Beide sind ziemlich verrückt.“
„Ich möchte aber nicht zu Verrückten.“
Die Katze grinste noch breiter.
„Das ist hier schwierig.“
Dann begann sie zu verschwinden. Zuerst der Schwanz, dann die Pfoten, der Körper, der Kopf. Schließlich blieb nur noch das Grinsen in der Luft zurück.
„Eine Katze ohne Grinsen habe ich schon gesehen“, sagte Alice, „aber ein Grinsen ohne Katze sehe ich zum ersten Mal.“
Sie ging zum Haus des Märzhasen.
Vor dem Haus stand ein langer Tisch. Daran saßen der Märzhase, der Hutmacher und die Haselmaus, die fast die ganze Zeit schlief.
„Kein Platz!“, riefen der Hase und der Hutmacher, obwohl der größte Teil des Tisches leer war.
„Hier ist jede Menge Platz“, sagte Alice und setzte sich.
„Möchtest du Wein?“
„Ja.“
Auf dem Tisch stand kein Wein.
„Warum bieten Sie ihn dann an?“
„Und warum setzt du dich ohne Einladung?“
Danach wurde das Gespräch noch merkwürdiger.
Der Hutmacher stellte Rätsel ohne Antworten. Der Hase goss Tee in fremde Tassen. Die Haselmaus wachte für ein paar Sekunden auf, erzählte eine Geschichte von drei Schwestern, die am Grund eines Brunnens lebten, und schlief wieder ein.
„Warum trinken Sie die ganze Zeit Tee?“, fragte Alice.
„Weil die Zeit böse auf mich ist“, erklärte der Hutmacher. „Bei uns ist es für immer sechs Uhr.“
„Und Sie spülen nie die Tassen?“
„Wir rücken einfach einen Platz weiter.“
Alice beschloss, dass dies die unsinnigste Teegesellschaft ihres Lebens war, und ging.
Hinter den Bäumen fand sie endlich die Tür zu demselben wunderschönen Garten, den sie ganz am Anfang gesehen hatte.
Bei den Rosenbüschen strichen drei Gärtnerkarten weiße Rosen rot an.
„Warum macht ihr das?“, fragte Alice.
„Wir haben die falsche Sorte gepflanzt“, flüsterte einer. „Wenn die Königin es bemerkt, wird sie schrecklich zornig.“
In diesem Augenblick erklang Musik.
Auf dem Weg erschien die Herzkönigin, hinter ihr der König, die Hofleute und eine ganze Prozession von Spielkarten.
Die Königin sah Alice.
„Wer ist das?“
„Alice.“
„Und wer sind diese da?“ Sie zeigte auf die Gärtner.
„Woher soll ich das wissen?“, antwortete Alice. „Ich arbeite hier nicht.“
Die Königin wurde rot.
„Den Kopf ab!“
„Das glaube ich kaum“, sagte Alice. „Das ist doch Unsinn.“
Alle erstarrten.
Der König räusperte sich leise.
„Vielleicht spielen wir zuerst Krocket?“
So geriet Alice in das seltsamste Spiel der Welt.
Statt Schlägern hielten die Spieler Flamingos in den Händen, statt Bällen krochen Igel über den Rasen, und die Tore waren Spielkarten, die sich auf Hände und Füße stellten.
Die Flamingos drehten ihre Köpfe. Die Igel liefen weg. Die Königin befahl wütend, ständig irgendwen fortzuführen, doch ihre Befehle wurden nicht besonders eifrig ausgeführt, sodass fast alle bald wieder auftauchten.
Während des Spiels erschien der Kopf der Grinsekatze in der Luft.
„Wie findest du die Königin?“, fragte sie.
„Sehr laut“, flüsterte Alice.
Die Königin stand gerade hinter ihr.
„Was hast du gesagt?“
„Dass Sie das Spiel sehr … laut leiten.“
Die Katze grinste.
Der König wollte sie fortschicken, doch nun stellte sich ein Problem: Wie schickt man einen Kopf ohne Körper fort?
Während alle darüber stritten, verschwand die Katze einfach.
Nach dem Krocket befahl die Königin dem Greif, Alice zur Falschen Schildkröte zu bringen.
Die Falsche Schildkröte saß auf einem Stein und seufzte schwer.
„Warum ist sie traurig?“, fragte Alice.
„Das ist ihre Lieblingsbeschäftigung“, sagte der Greif.
Die Schildkröte begann von ihrer Schule unter dem Meer zu erzählen.
„Wir hatten Lesen, Schreiben, Tauchen, Schweigen und außerdem das Wenigerwerden.“
„Wenigerwerden?“
„Jeden Tag gab es eine Unterrichtsstunde weniger. Am elften Tag war der Unterricht ganz vorbei.“
Danach zeigten der Greif und die Schildkröte Alice die Hummerquadrille. Sie drehten sich im Sand, zählten Schritte, stritten darüber, wer ein Hummer sein sollte, und sangen ein Lied, in dem die Reime ständig dorthin liefen, wo niemand sie erwartet hatte.
Alice begann sich schon daran zu gewöhnen, dass im Wunderland niemand den eigenen Unsinn merkwürdig fand.
Plötzlich erklang aus der Ferne ein Ruf:
„Der Prozess beginnt!“
In einem großen Saal saßen König und Königin auf dem Thron. Vor ihnen stand der Herzbube.
Auf dem Tisch lag ein Tablett mit Törtchen.
Das weiße Kaninchen verlas die Anklage:
„Die Königin hat Törtchen gebacken, und jemand hat sie genommen. Verdächtigt wird der Herzbube.“
Die Geschworenenkarten schrieben fleißig jedes Wort auf, sogar ihre eigenen Namen, damit sie diese bis zum Ende des Prozesses nicht vergaßen.
Als erster Zeuge wurde der Hutmacher gerufen. Er kam mit einer Teetasse in der Hand.
„Wann habt Ihr den Buben gesehen?“, fragte der König.
„Ich weiß es nicht mehr.“
„Woran habt Ihr gedacht?“
„An Tee.“
„Das ist eine wichtige Angelegenheit!“
„Für mich ist Tee auch wichtig.“
Der Prozess erinnerte immer weniger an einen Prozess.
Dann fand das weiße Kaninchen ein Blatt Papier mit einem Gedicht, unter dem kein Name stand.
„Hier ist der Beweis!“
„Wofür ist das ein Beweis?“, fragte Alice.
„Weil etwas darauf geschrieben steht.“
„Aber wir wissen nicht, von wem.“
„Gerade deshalb ist es besonders verdächtig“, erklärte der König.
Alice spürte, dass sie wieder wuchs.
Sie wollte nicht länger schweigen, nur weil alle anderen so selbstsicher auftraten.
„Das ist kein Beweis“, sagte sie. „Ihr habt zuerst entschieden, wer schuldig sein soll, und versucht jetzt, alles andere passend zu machen.“
Die Königin sprang auf.
„Erst das Urteil, danach sehen wir weiter!“
„So geht das nicht.“
„Wer hat dir erlaubt, zu widersprechen?“
Alice richtete sich zu ihrer ganzen Größe auf.
„Der gesunde Menschenverstand.“
Im Saal wurde es still.
Die Königin fuchtelte mit den Armen.
„Bringt sie weg!“
Die Karten flogen in die Luft und wirbelten um Alice herum.
Sie hob die Hände, um sich zu schützen.
Und plötzlich wachte sie auf.
Über ihr raschelten die Blätter. Ihr Kopf lag auf dem Schoß ihrer Schwester. Es gab keine Spielkarten, nur ein paar trockene Blätter, die vom Baum auf ihr Gesicht gefallen waren.
„Was für ein seltsamer Traum!“, rief Alice.
Schnell erzählte sie vom weißen Kaninchen, von der Raupe, der Grinsekatze, dem Hutmacher, der Königin, dem Krocket und dem Prozess.
Ihre Schwester hörte lächelnd zu.
„Und jetzt lauf nach Hause. Es ist Zeit zum Tee.“
Alice rannte über das Feld.
Ihre Schwester blieb noch eine Weile mit geschlossenen Augen am Fluss sitzen.
Im Rascheln des Grases glaubte sie das eilige Trippeln von Kaninchenpfoten zu hören. Das Summen der Insekten erinnerte an das Stimmengewirr der seltsamen Teegesellschaft. Irgendwo in der Ferne lachte ein Kind, und für einen Augenblick schien es, als grinse die Grinsekatze.
Sie dachte daran, dass Alice eines Tages erwachsen sein würde. Vielleicht würde sie ein ernsthafter Mensch mit vielen Aufgaben werden.
Doch hoffentlich würde sie eine wichtige Sache nie vergessen: Manchmal wird die Welt gerade dann verständlicher, wenn man keine Angst hat, eine einfache Frage zu stellen.
„Warum?“
Und noch besser ist es, wenn man Unsinn nicht nur deshalb akzeptiert, weil eine Königin ihn besonders laut ausspricht.
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