Cover: Die Bienenkönigin

Deutschland

Die Bienenkönigin

tierische Helfer, Güte, Prüfungen

Land
Deutschland
Alter
5–9 Jahre
Audioversion

Märchen anhören

Die Bienenkönigin

Es lebten einmal drei Brüder. Die beiden älteren liebten Abenteuer, Lärm und Scherze. Der jüngste war ruhiger. Deshalb lachten seine Brüder oft über ihn und sagten:

„Mit dir kommt man nicht weit. Du denkst zu lange nach, bevor du etwas tust.“

Doch der Jüngste nahm es ihnen nicht übel. Er schaute einfach genauer hin als die anderen.

Eines Tages zogen die drei Brüder in die Welt hinaus. Ihr Weg führte sie durch einen großen Wald.

Unter einer Kiefer entdeckten die älteren Brüder einen Ameisenhaufen.

„Lasst ihn uns mit einem Stock aufwühlen“, schlug einer vor. „Dann sehen wir, wie die Ameisen herumrennen.“

Der Jüngste stellte sich vor den Ameisenhaufen.

„Lasst das. Sie haben länger an ihrem Zuhause gebaut, als wir hier stehen. Lasst sie in Frieden leben.“

Die Brüder schnaubten, gingen aber weiter.

Bald kamen sie an einen See. Auf dem Wasser schwammen zwei Wildenten.

„Die würde ich gern fangen!“, sagte der Älteste.

„Wozu?“, fragte der Jüngste. „Sie haben uns nichts getan. Schaut nur, wie schön sie schwimmen.“

So ließ man auch die Enten in Ruhe.

Gegen Abend sahen die Wanderer einen alten Baum, in dessen Höhlung Bienen summten. Aus einer Spalte duftete es nach Honig.

„Wir machen Feuer und treiben sie hinaus“, beschlossen die Älteren. „Dann können wir den Honig holen.“

Wieder hielt der Jüngste sie zurück.

„Für ein paar Löffel Honig darf man kein ganzes Zuhause zerstören.“

Nun wurden die Brüder allmählich ärgerlich.

„Dir tun alle leid: Ameisen, Enten, Bienen!“

„Warum denn nicht?“, erwiderte er ruhig. „Ein kleines Leben ist deshalb nicht weniger wichtig.“

Bald tauchte zwischen den Bäumen ein Schloss auf. Das Tor stand offen, doch drinnen herrschte eine seltsame Stille. Auf dem Hof bellten keine Hunde, aus den Ställen waren keine Pferde zu hören, und in den Fenstern brannte kein Licht.

Im großen Saal sahen die Brüder steinerne Menschengestalten. Es schien, als sei das ganze Schloss durch einen Zauber eingeschlafen.

Auf dem Tisch lag ein Zettel:

„Wer vor Sonnenuntergang drei Aufgaben erfüllt, wird das Schloss erwecken.“

Die erste Aufgabe lautete: Im Wald waren unter dem Moos tausend Perlen verstreut. Alle mussten bis zum Mittag gefunden sein.

Der älteste Bruder machte sich auf die Suche. Er schob das Moos beiseite, wendete Blätter und schaute unter Wurzeln. Doch bis zum Mittag fand er nur ein paar Dutzend.

Plötzlich wirbelte silbriger Nebel um ihn herum. Als er sich verzog, stand der älteste Bruder reglos da wie eine steinerne Statue. Das war der Zauber des Schlosses und kein wirkliches Unheil. Dennoch erschrak der zweite Bruder sehr.

Am nächsten Tag versuchte er es. Das Ergebnis war dasselbe.

Da ging der Jüngste in den Wald.

Er setzte sich neben das Moos und überlegte:

„Wie soll ich tausend kleine Perlen zwischen einer Million Blättern finden?“

Da hörte er ein leises Rascheln.

Unter einer Wurzel kam die Ameisenkönigin hervor, hinter ihr ein ganzes Heer von Ameisen.

„Du hast unser Zuhause bewahrt“, schienen ihre Bewegungen zu sagen. „Nun helfen wir dir.“

Die Ameisen schwärmten durch den Wald. Eine Perle nach der anderen fanden sie und trugen sie zu einem Häufchen zusammen. Noch vor Mittag glänzte die letzte Perle neben den übrigen.

An der Schlosstür erschien die zweite Aufgabe:

„Auf dem Grund des Sees liegt ein goldener Schlüssel. Finde ihn.“

Der Jüngste ging ans Wasser und sah dieselben Enten. Sie schwammen ganz nah heran, tauchten unter, und nach einer Minute brachte eine von ihnen einen kleinen goldenen Schlüssel im Schnabel herauf.

„Danke, meine Freunde“, sagte der junge Mann.

Nun blieb die dritte Aufgabe.

Im höchsten Turm schliefen drei Prinzessinnen. Sie sahen sich so ähnlich, dass man sie kaum auseinanderhalten konnte. Auf dem Zettel stand:

„Finde die jüngste Schwester. Erst dann wird der Zauber verschwinden.“

Der junge Mann wusste nicht weiter. Er wollte nicht einfach raten.

Plötzlich flog eine Biene durch das offene Fenster.

Eine zweite folgte, eine dritte, und dann erschien die Bienenkönigin selbst.

Sie flog über die erste Prinzessin, dann über die zweite. Bei der dritten verweilte sie und setzte sich auf ihre Hand.

Der junge Mann schaute genauer hin. Auf dem Tisch neben den Betten standen drei Tässchen: eines mit Milch, eines mit Sirup und eines mit Honig. Die jüngste Prinzessin hatte vor dem Schlafengehen Honig gekostet, und die Biene erkannte seinen Duft.

„Das ist sie“, sagte der junge Mann.

Im selben Augenblick erfüllten Geräusche das Schloss.

Die steinernen Gestalten wurden lebendig. Auf den Fluren sprachen Menschen, in der Küche klapperten Töpfe, im Stall wieherten Pferde. Auch die beiden älteren Brüder waren wieder ganz sie selbst.

Zunächst konnten sie nicht glauben, dass ihr jüngster Bruder alle Aufgaben erfüllt hatte.

„Wie hast du das geschafft?“, fragten sie.

Der junge Mann lächelte.

„Allein habe ich fast nichts getan. Ich habe nur einmal andere nicht daran gehindert, ihr eigenes Leben zu leben.“

Die älteren Brüder schwiegen.

Sie dachten an den Ameisenhaufen, die Enten und die Bienen.

Als sie von da an weiter durch die Welt zogen, lachten sie nicht mehr über den Jüngsten, wenn er stehen blieb, um eine Schnecke vom Weg zu tragen oder um ein Vogelnest herumzugehen.

Denn alle drei wussten: Manchmal kann der kleinste Freund dort helfen, wo selbst der stärkste Held nichts ausrichten kann.