Cover: Schneewittchen

Deutschland

Schneewittchen

Wald, sieben kleine Hausherren, Eifersucht, Freundschaft

Land
Deutschland
Alter
6–10 Jahre
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Schneewittchen

Eines Winters, als der Schnee wie weiche weiße Mützen auf den Fensterbrettern lag, saß eine junge Königin am Fenster und stickte. Der Rahmen war aus dunklem Holz, und dahinter fielen langsam große Schneeflocken.

Die Königin war in Gedanken versunken und stach sich versehentlich mit der Nadel in den Finger. Drei kleine rote Tropfen fielen auf den weißen Schnee.

Sie schaute sie an und sagte leise:

„Wenn ich doch eines Tages ein Töchterchen hätte, mit einer Haut so hell wie ein Wintermorgen, Wangen so rot wie diese Tropfen und Haaren so dunkel wie das Holz des Fensterrahmens …“

Später wurde in der königlichen Familie tatsächlich ein Mädchen geboren. Man nannte es Schneewittchen.

Doch das Glück hielt nicht lange an. Die Mutter des Mädchens starb, als Schneewittchen noch ganz klein war. Einige Jahre später heiratete der König erneut.

Die neue Königin war klug, schön und sehr stolz darauf, überall Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. In ihrem Zimmer hing ein alter Zauberspiegel. Er konnte nicht schmeicheln und sagte immer nur die Wahrheit.

Jeden Morgen fragte die Königin:

„Spieglein, sag mir: Wer ist die Schönste im Königreich?“

Lange antwortete der Spiegel:

„Du, Königin.“

Die Jahre vergingen. Schneewittchen wuchs heran. Sie las gern am offenen Fenster, kannte die Namen der Pferde im Stall, half dem Gärtner, junge Rosen anzubinden, und grüßte den Küchenjungen immer, selbst wenn sie es eilig hatte.

Eines Morgens stellte die Königin ihre übliche Frage.

Der Spiegel antwortete:

„Du bist schön, Königin. Doch Schneewittchen ist herangewachsen, und die Menschen sehen in ihr ein Leuchten, das sich nicht am Äußeren messen lässt.“

Die Königin hörte nur eines: Schneewittchen wurde mehr geliebt.

Statt darüber nachzudenken, warum ihr das so wehtat, ließ sie die Eifersucht in ihr Herz einziehen.

Sie rief den Förster.

„Bring das Mädchen weit in den Wald“, befahl sie. „So weit, dass es nicht zum Schloss zurückkehrt.“

Der Förster wurde blass.

„Eure Majestät …“

„Das ist ein Befehl.“

Am nächsten Morgen sagte er Schneewittchen, er wolle ihr eine besondere Lichtung zeigen. Lange gingen sie zwischen den Fichten hindurch, bis das Schloss hinter den Hügeln verschwunden war.

Dann blieb der Förster stehen.

„Verzeih mir“, sagte er. „Ich kann den Befehl der Königin nicht ausführen. Sie will, dass du verschwindest und niemals zurückkommst.“

Schneewittchen wurde ganz kalt ums Herz.

„Was soll ich denn tun?“

„Geh auf diesem Pfad zu den Bergen. Dort leben gute Menschen. Ich kehre zurück und sage nur, dass ich dich nicht mehr gesehen habe.“

„Danke“, flüsterte sie.

Der Förster gab ihr seinen Mantel und einen Beutel mit Brot. Schneewittchen ging allein weiter.

Bis zum Abend war sie sehr müde geworden. Der Wald wurde dunkler, Baumwurzeln verfingen sich an ihren Schuhen, und jedes Rascheln klang wie Schritte.

Plötzlich flimmerte zwischen den Stämmen ein Licht.

Auf einer Lichtung stand ein kleines Haus mit sieben schmalen Fenstern.

Schneewittchen klopfte. Niemand antwortete.

Die Tür war nicht verschlossen.

Drinnen war alles ungewöhnlich klein: sieben Stühle, sieben Schüsselchen, sieben Becher und sieben ordentlich gemachte Betten. Auf dem Tisch lag Brot.

Schneewittchen hatte Hunger, wollte aber nichts Fremdes nehmen. Sie brach von jeder Scheibe ein winziges Stück ab und nahm aus jedem Becher nur einen Schluck, damit niemandem viel fehlen würde. Dann war sie so erschöpft, dass sie quer über drei Bettchen einschlief.

Spät am Abend kamen die Bewohner des Hauses heim. Es waren sieben kleine Handwerker aus den Bergen. Jeden Tag arbeiteten sie in Felsstollen, suchten Kristalle und reparierten Werkzeuge. Sie wussten mehr über die Berge, als die meisten Menschen über ihren eigenen Garten wussten.

„Jemand hat auf meinem Stuhl gesessen“, sagte der erste.

„Und jemand hat ein Stück von meinem Brot genommen“, bemerkte der zweite.

„Von meinem auch“, sagte der dritte.

Schließlich entdeckten sie das schlafende Mädchen.

Als Schneewittchen erwachte, schauten sieben Augenpaare sie neugierig an.

Sofort erzählte sie alles.

Der älteste Handwerker rieb sich den Bart.

„Bleib hier, bis du wieder sicher bist. Aber in den Bergen helfen wir alle einander.“

„Ich kann kochen, nähen, vorlesen und den Garten pflegen“, sagte Schneewittchen.

„Und hoffentlich kannst du auch die Tür schließen, wenn sonst niemand zu Hause ist“, fügte der Jüngste hinzu.

Alle lachten.

So blieb Schneewittchen in dem kleinen Haus.

Morgens gingen die Handwerker in die Berge, und sie kümmerte sich um das Haus. Sie lernte, im kleinen Ofen Roggenbrot zu backen, und zuckte allmählich nicht mehr bei jedem Geräusch zusammen.

Bevor ihre Freunde aufbrachen, erinnerten sie sie immer:

„Öffne keinen Fremden. Die Königin könnte nach dir suchen.“

Inzwischen wandte sich die Königin im Schloss wieder an ihren Spiegel.

„Wer ist jetzt die Schönste?“

Der Spiegel antwortete:

„Schneewittchen lebt. Sie wohnt hinter sieben Hügeln in einem kleinen Haus bei den Bergen.“

Die Königin begriff, dass der Förster ihr nicht gehorcht hatte.

Die Eifersucht flüsterte ihr einen bösen Plan ein.

Sie verkleidete sich als fahrende Händlerin und kam mit einem Korb voller Bänder zu dem Haus.

„Schöne Bänder! Feste Schnüre!“, rief sie.

Schneewittchen schaute aus dem Fenster.

„Ich brauche nichts.“

„Nicht einmal dieses rote Band? Sieh nur, wie hübsch es ist.“

Das Mädchen zögerte. Die Händlerin sah aus wie eine gewöhnliche ältere Frau. Schneewittchen öffnete für einen Augenblick die Tür.

„Lass mich dir zeigen, wie man es bindet.“

Die Königin zog das Band viel zu fest zu. Schneewittchen bekam keine Luft mehr und wurde ohnmächtig.

Die Königin lief davon.

Am Abend kamen die Handwerker zurück, lösten rasch das Band und öffneten die Fenster. Schneewittchen kam wieder zu sich.

„Ich habe mein Versprechen gebrochen“, sagte sie.

„Wichtig ist, dass du daraus gelernt hast“, antwortete der Älteste.

Doch die Königin gab nicht auf.

Beim zweiten Mal kam sie mit Kämmen. Einer davon war verzaubert und konnte einen tiefen Schlaf hervorrufen. Diesmal ließ Schneewittchen die Fremde nicht hinein, doch die reichte ihr den Kamm durchs Fenster.

„Nimm ihn nur einmal in die Hand.“

Sobald der Kamm ihr Haar berührte, schlief Schneewittchen ein.

Zum Glück kamen die Handwerker früher zurück, fanden den Kamm und zogen ihn heraus. Der Zauber verflog.

„Jetzt werde ich wirklich mit niemandem mehr durch Türen oder Fenster sprechen“, versprach das Mädchen.

Doch beim dritten Mal kam die Königin nicht an die Tür. Sie stellte einen Korb mit Äpfeln auf die Bank am Brunnen und versteckte sich in der Nähe.

Schneewittchen sah einen reifen roten Apfel. Sie dachte, wahrscheinlich habe ein Reisender ihn vergessen.

„Ich lasse ihn bis zum Abend liegen“, beschloss sie.

Doch der Apfel duftete so frisch, und der Tag war heiß. Schließlich biss Schneewittchen ein kleines Stück ab.

Es war ein verzauberter Apfel.

Das Mädchen fiel in so tiefen Schlaf, dass die Handwerker es diesmal nicht wecken konnten.

Sie riefen Kräuterkundige aus dem Wald, Ärzte aus den Nachbardörfern und sogar eine alte Frau, die alle Pflanzen der Berge kannte. Niemand konnte erklären, warum Schneewittchen nicht erwachte.

Ihre Freunde wollten sie nicht in der dunklen Erde zurücklassen. Sie bauten eine durchsichtige Truhe, stellten sie im Garten unter die Fichten und brachten jeden Tag Blumen dorthin.

Die Tage vergingen.

Eines Tages ritt ein junger Fürst mit einem kleinen Gefolge durch die Berge. Ein Sturm zog auf, und die Reisenden baten darum, im Haus der Handwerker übernachten zu dürfen.

Im Garten sah der Fürst die durchsichtige Truhe.

„Wer ist dieses Mädchen?“, fragte er.

Die Handwerker erzählten ihre Geschichte.

„In unserer Stadt gibt es eine Ärztin, die seltene giftige und magische Pflanzen erforscht hat“, sagte der Fürst. „Lasst mich Schneewittchen zu ihr bringen. Vielleicht kann sie helfen.“

Die Freunde stimmten zu und fuhren selbst mit.

Der Weg war holprig. In einer Kurve geriet ein Wagenrad in ein Loch. Die Truhe schaukelte leicht, und das Stück des verzauberten Apfels, das in Schneewittchens Hals festgesteckt hatte, löste sich.

Das Mädchen atmete tief ein.

Dann öffnete es die Augen.

„Warum schauen mich alle so an?“, fragte Schneewittchen heiser.

Die sieben Handwerker redeten auf einmal los, lachten und hätten vor Freude beinahe geweint.

Danach kehrte Schneewittchen nicht allein zur Stiefmutter zurück. Zuerst erholte sie sich. Dann reiste sie mit ihren Freunden, dem Fürsten, dem Förster und den Ratgebern zum königlichen Schloss.

Die Wahrheit ließ sich nicht länger verbergen.

Der König erfuhr von den Befehlen seiner Frau. Er war erschüttert, dass er nicht bemerkt hatte, wie weit ihre Eifersucht sie getrieben hatte. Die Königin verlor ihre Macht. Sie musste den Hof verlassen und weit von denen entfernt leben, denen sie geschadet hatte.

Ein letztes Mal antwortete ihr der Zauberspiegel:

„Man wird nicht schöner, indem man andere kleiner macht.“

Schneewittchen kehrte nicht in ihr altes Leben zurück. Sie begann ein neues. Oft besuchte sie die Berge, half, sicherere Werkstätten bei den Bergwerken zu bauen, und vergaß niemals die sieben Freunde, die ihr ein Zuhause gegeben hatten, als sie ihres verloren hatte.

Mit dem jungen Fürsten blieb sie lange befreundet. Sie besuchten einander und beschlossen erst später, zu heiraten.

Zur Hochzeit kamen die sieben Handwerker aus den Bergen. Der Jüngste brachte Schneewittchen ein Geschenk: einen schlichten Holzkamm.

„Der ist garantiert ohne Zauber“, sagte er.

Schneewittchen lachte.

Wenn sich von da an jemand im Königreich allzu sehr für Spiegel begeisterte, erinnerten die Leute an die alte Geschichte: Ein Spiegel kann ein Gesicht zeigen, aber keine Güte, keinen Mut und kein Herz messen. Und gerade diese machen einen Menschen oft erst wirklich schön.