Cover: Blaubart

Frankreich

Blaubart

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Frankreich
Alter
9–12 Jahre
Dauer
9 Min.
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Blaubart

Ein sehr reicher Mann besaß ein Haus in der Stadt, ein großes Schloss auf dem Land, herrliche Möbel, silbernes Geschirr, Kutschen und Pferdeställe. Doch die Menschen merkten sich vor allem eines an ihm: seinen ungewöhnlichen blauen Bart.

Dadurch wirkte er strenger, als er tatsächlich war. Außerdem gingen seltsame Gerüchte über ihn um. Man sagte, er sei schon mehrmals verheiratet gewesen. Doch niemand wusste genau, wohin seine früheren Frauen verschwunden waren.

In der Nachbarschaft lebte eine angesehene Frau mit zwei Töchtern. Blaubart besuchte ihr Haus oft. Eines Tages bat er um die Hand einer der Schwestern.

Beide jungen Frauen zögerten. Sie fürchteten weder den blauen Bart noch das düstere Schloss. Sie fürchteten das Geheimnis, über das niemand laut sprechen wollte.

Um ihre Zweifel zu zerstreuen, lud Blaubart die Mutter, die Töchter, deren Freunde und die Nachbarn auf sein Landgut ein. Eine ganze Woche lang gab es dort Spaziergänge, Musik, Tänze, Spiele und prächtige Abendessen. Der Gastgeber war höflich, aufmerksam und großzügig.

Die jüngere Schwester dachte:

„Vielleicht übertreiben die Menschen einfach. Er benimmt sich überhaupt nicht so furchterregend, wie man ihn beschreibt.“

Bald darauf heirateten sie.

Etwa ein Monat verging. Eines Morgens sagte Blaubart zu seiner Frau:

„Ich muss wegen wichtiger Geschäfte verreisen. Ich komme nicht so bald zurück. Lade deine Schwester und deine Freunde ein. Geht im Garten spazieren und benutzt alles, was im Haus ist.“

Er legte einen großen Schlüsselbund vor sie.

„Dieser ist für die Bibliothek. Dieser für die Silbertruhen. Dieser für die Zimmer mit den Kostbarkeiten. Diese sind für die Galerien und Vorratsräume. Du darfst jede Tür öffnen.“

Dann nahm er einen kleinen Schlüssel.

„Aber am Ende der unteren Galerie gibt es ein Zimmer. Das darfst du nicht öffnen.“

Seine Frau wunderte sich.

„Warum?“

„Weil ich es befohlen habe“, antwortete er scharf. „Alles andere steht dir zur Verfügung. Nur dieses Zimmer nicht.“

Seine Stimme wurde so kalt, dass die junge Frau nicht weiterfragte.

Als Blaubarts Kutsche hinter dem Tor verschwunden war, kamen ihre Schwester Anna und einige Freundinnen ins Schloss. Sie gingen durch die Zimmer, bewunderten Wandteppiche, Spiegel und alte Uhren und öffneten Schränke und Truhen.

Blaubarts Frau aber nahm kaum etwas davon wahr.

In ihrer Tasche lag der kleine Schlüssel.

Sie dachte nur an die verbotene Tür.

„Was ist dort, das ich nicht einmal ansehen darf?“

Sie versuchte, sich abzulenken. Sie ging in den Garten, kehrte zu ihren Gästen zurück und spielte ein paar Töne auf dem Cembalo. Doch ihre Neugier wuchs.

Schließlich ging sie leise in die untere Galerie hinunter.

Ganz am Ende stand eine schmale, dunkle Tür.

Die junge Frau steckte den Schlüssel ins Schloss.

„Ich schaue nur kurz hinein“, flüsterte sie.

Das Schloss klickte.

Hinter der Tür war es kühl und still. Zunächst konnte sie kaum etwas erkennen. Dann gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit.

An der Wand hingen Frauenporträts. Darunter standen Kästchen mit Briefen, Schmuck und persönlichen Dingen. Auf einem Tisch lagen mehrere unvollendete Briefe an Angehörige.

Die junge Frau las einige Zeilen und spürte, wie ihre Hände kalt wurden.

Jede der Frauen schrieb von Angst. Davon, dass der Herr des Schlosses sie nicht gehen ließ. Davon, dass sie nach dem Öffnen dieses Zimmers in Gefahr geraten war.

Nun verstand Blaubarts Frau: Die früheren Frauen waren nicht einfach verschwunden. Ihnen war etwas Schlimmes geschehen, und Blaubart verbarg die Wahrheit.

Sie wich zur Tür zurück, stieß an einen Stuhl und ließ den kleinen Schlüssel auf den Steinboden fallen.

Sofort wurde der Schlüssel dunkel, als hätte sich ein schwarzer Fleck daraufgelegt.

Die junge Frau hob ihn auf und eilte in ihr Zimmer. Sie wusch den Schlüssel mit Wasser, rieb ihn mit einem Tuch und scheuerte ihn mit Asche. Doch der Fleck verschwand nicht.

Im Gegenteil: Sobald sie eine Seite abwischte, erschien die dunkle Spur auf der anderen.

„Was ist geschehen?“, fragte Anna, als sie das blasse Gesicht ihrer Schwester sah.

Die junge Frau erzählte ihr alles.

„Wir müssen sofort von hier fort“, sagte Anna.

Genau in diesem Augenblick rumpelten Räder im Hof.

Blaubart war früher zurückgekommen.

Er betrat das Haus ganz ruhig, als wäre nichts geschehen.

„Ich habe meine Geschäfte schneller erledigt, als ich dachte“, sagte er. „Ich hoffe, du hast eine schöne Zeit gehabt.“

„Ja“, antwortete seine Frau und versuchte, ihre Angst nicht zu zeigen.

Am nächsten Morgen streckte Blaubart die Hand aus.

„Die Schlüssel.“

Sie gab ihm den Bund.

Er betrachtete einen Schlüssel nach dem anderen.

„Und der kleine?“

„Ich glaube, ich habe ihn oben liegen lassen.“

„Hol ihn.“

Die junge Frau kehrte mit dem Schlüssel zurück.

Blaubart sah den dunklen Fleck und verstand sofort alles.

„Du hast das Zimmer geöffnet.“

„Ja“, sagte sie. „Und jetzt weiß ich, warum du es verborgen hast.“

Sein Gesicht veränderte sich.

„Ich habe dir verboten, hineinzugehen.“

„Und ich habe die Briefe dieser Frauen gesehen. Du hattest kein Recht, sie in Angst zu halten. Du hast auch kein Recht, mich einzuschüchtern.“

Blaubart trat näher.

„Du hast zu viel gesehen.“

Die junge Frau wich zurück.

„Gib mir wenigstens ein wenig Zeit“, sagte sie. „Ich möchte mit meiner Schwester sprechen.“

Er stimmte zu, warnte sie jedoch:

„Nicht lange.“

Die junge Frau lief nach oben.

„Anna, Schwester Anna, steig auf den Turm“, flüsterte sie. „Unsere Brüder wollten heute kommen. Schau nach, ob du sie auf der Straße siehst.“

Anna stieg auf die höchste Plattform.

„Siehst du jemanden?“, rief ihre Schwester von unten.

„Nein. Nur die Sonne über den Feldern und Gras, das sich im Wind bewegt.“

Von unten erklang Blaubarts Stimme.

„Die Zeit ist um!“

„Noch eine Minute!“, antwortete seine Frau.

„Anna, Schwester Anna, siehst du jemanden?“

„Ich sehe Staub auf der Straße!“

„Sind sie es?“

Anna sah genauer hin.

„Nein. Es ist eine Schafherde.“

Wieder rief Blaubart:

„Komm herunter!“

Die junge Frau presste die Hände zusammen.

„Anna, schau noch einmal!“

Einige lange Sekunden vergingen.

Plötzlich rief Anna:

„Zwei Reiter! Sie kommen schnell hierher! Es sind unsere Brüder!“

Vom Turm aus schwenkte sie ihr Tuch.

Im selben Augenblick kam Blaubart die Treppe herauf.

„Genug!“, sagte er. „Du wirst von hier fortgehen und niemandem etwas erzählen.“

„Nein“, antwortete seine Frau fest. „Ich habe keine Angst mehr vor dir.“

Es donnerte am Tor.

Die Brüder stürmten ins Schloss, zusammen mit einigen Dienern und Stadtwächtern, denen sie unterwegs begegnet waren. Anna hatte bereits vom Turm gerufen, dass ihre Schwester in Gefahr sei.

Blaubart versuchte, durch den hinteren Hof zu fliehen. Doch man versperrte ihm das Tor.

Er wurde festgenommen.

Im verbotenen Zimmer fand man Briefe, persönliche Dinge und weitere Beweise dafür, dass er seine früheren Frauen eingeschüchtert und ihr Schicksal verborgen hatte. Eine Untersuchung begann, und endlich wurden die Geheimnisse des Schlosses allen bekannt.

Seine Frau kehrte zu ihrer Mutter und ihrer Schwester zurück. Sie sorgte dafür, dass die Dinge der verschwundenen Frauen an deren Familien zurückgegeben wurden. Ein Teil des Vermögens wurde genutzt, um Menschen zu helfen, die ohne Unterstützung geblieben waren.

Ihre Schwester Anna heiratete bald einen Mann, den sie schon lange liebte. Die Brüder kehrten in ihren Dienst zurück.

Die junge Frau selbst aber erinnerte sich noch lange an den kleinen Schlüssel.

Nicht nur, weil er eine verbotene Tür geöffnet hatte.

Sondern weil er sie etwas Wichtiges gelehrt hatte: Ein prächtiges Haus, Kostbarkeiten und höfliche Worte sind nichts wert, wenn neben ihnen die Angst wohnt.

Von da an redete sie sich nie wieder ein, dass sie ein beunruhigendes Gefühl schweigend verbergen müsse.

Denn manchmal sind die wichtigsten Türen diejenigen, hinter denen die Wahrheit verborgen liegt.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨