

Weltweit
Brüderchen und Schwesterchen
Es lebten einmal ein Brüderchen und ein Schwesterchen. Sie liebten einander sehr, doch zu Hause hatten sie es nicht leicht. Ihre Stiefmutter hatte ein finsteres Gemüt, wurde oft zornig und verstand sich auf Zauberei.
- Land
- Weltweit
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 9 Min.

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Brüderchen und Schwesterchen
Es lebten einmal ein Brüderchen und ein Schwesterchen. Sie liebten einander sehr, doch zu Hause hatten sie es nicht leicht. Ihre Stiefmutter hatte ein finsteres Gemüt, wurde oft zornig und verstand sich auf Zauberei.
Eines Morgens sagte das Brüderchen leise:
„Lass uns fortgehen. Irgendwo auf der Welt muss es doch einen Ort geben, an dem man uns nicht wegen jedes kleinen Schrittes schimpft.“
Das Schwesterchen nahm ihn an der Hand.
„Dann gehen wir zusammen. Ich lasse dich nicht allein.“
Noch vor Sonnenaufgang verließen sie das Haus und gingen in den Wald. Tagsüber regnete es, am Abend wurde es kalt. Die Kinder suchten Schutz unter einer großen Eiche und schliefen eng aneinandergekuschelt ein.
Als die Stiefmutter am nächsten Morgen bemerkte, dass sie fort waren, erriet sie sofort, dass sie weggelaufen waren. Sie nahm ihren Zauberstab und belegte alle Quellen im Wald mit einem Fluch.
Am nächsten Morgen erwachte das Brüderchen mit großem Durst.
„Ich möchte so gern etwas trinken“, sagte er.
Bald hörten sie das Plätschern eines Baches.
Das Brüderchen wollte sich schon über das Wasser beugen, doch dem Schwesterchen war, als flüstere jemand im Murmeln des Baches:
„Wer von diesem Wasser trinkt, wird zum wilden Tiger geschwind.“
„Trink nicht!“, rief sie. „Ich höre einen Zauber. Du könntest dich in einen wilden Tiger verwandeln.“
Das Brüderchen trat zurück, obwohl sein Durst immer stärker wurde.
Sie gingen weiter und fanden einen zweiten Bach. Das Wasser war vollkommen klar.
Doch wieder hörte das Schwesterchen ein Flüstern:
„Wer von diesem Wasser trinkt, wird zum Wolf, der durch die Wälder springt.“
„Halte noch ein wenig durch“, bat sie. „Ich möchte dich nicht verlieren.“
Das Brüderchen nickte und ging weiter.
Schließlich kamen sie zu einer dritten Quelle. Zwischen kleinen Steinen plätscherte das Wasser und glitzerte in der Sonne.
Das Schwesterchen lauschte und wurde blass.
„Wer von diesem Wasser trinkt, wird zum Rehlein, das durch die Büsche springt.“
„Brüderchen, warte!“
Doch der Junge war viel zu durstig. Er beugte sich hinunter und nahm einige Schlucke.
Im selben Augenblick wurde er zu einem kleinen goldbraunen Rehkitz.
Das Schwesterchen begann zu weinen, und das Rehkitz schmiegte sich an ihre Knie.
„Hab keine Angst“, sagte sie unter Tränen. „Du bist trotzdem mein Brüderchen. Ich werde auf dich aufpassen.“
Sie nahm ihren goldenen Gürtel ab und legte ihn dem Rehkitz vorsichtig um den Hals. Dann flocht sie aus weichem Gras eine lange Schnur, damit sie einander im Dickicht nicht verlieren konnten.
Lange wanderten sie durch den Wald, bis sie ein verlassenes Häuschen fanden. Darin standen ein Tisch, eine Bank und ein kleines Bett.
„Hier werden wir wohnen“, entschied das Schwesterchen.
Jeden Morgen sammelte sie Beeren, Nüsse und Kräuter. Das Rehkitz lief neben ihr her, und am Abend kehrten sie gemeinsam zum Häuschen zurück. So verging viel Zeit.
Eines Tages erklangen Jagdhörner im Wald.
Das Rehkitz stellte die Ohren auf.
„Du möchtest sehen, was dort los ist, nicht wahr?“, fragte das Schwesterchen.
Das Rehkitz sprang vergnügt umher.
„Gut“, sagte sie. „Aber komm am Abend zurück. Klopf an und sag: ‚Schwesterchen, lass mich herein.‘ Dann öffne ich dir.“
Das Rehkitz lief in den Wald.
Die Jäger entdeckten es, doch es war so schnell, dass niemand es einholen konnte. Am Abend kehrte das Brüderchen zurück.
„Schwesterchen, lass mich herein!“
Sofort öffnete sich die Tür.
Am nächsten Tag jagte der König wieder in diesem Wald. Er befahl:
„Tut dem goldbraunen Rehkitz nichts. Findet nur heraus, wohin es läuft.“
Ein Jäger folgte ihm bis zu dem Häuschen und hörte die geheimen Worte.
Als das Rehkitz am folgenden Morgen wieder fortlief, kam der König selbst zum Häuschen. Er trat an die Tür und sagte:
„Schwesterchen, lass mich herein.“
Das Mädchen öffnete und staunte sehr, als sie einen Fremden vor sich sah.
Der König erklärte ehrlich, wer er war und wie er sie gefunden hatte.
Sie unterhielten sich lange. Ihm gefielen ihre Güte und ihr Mut, und ihr gefiel, dass der König seinen Jägern verboten hatte, dem Rehkitz etwas anzutun.
Mit der Zeit bat der König sie, seine Frau zu werden.
„Ich willige nur unter einer Bedingung ein“, sagte das Schwesterchen. „Mein Rehkitz lebt bei mir, und niemand darf ihm etwas zuleide tun.“
„Das verspreche ich“, antwortete der König.
So wurde das Mädchen Königin, und das Rehkitz bekam ein Zuhause im königlichen Garten. Es spazierte zwischen den Rosen umher, fraß Äpfel aus der Hand seiner Schwester und kam jeden Morgen zu ihr, um sie zu begrüßen.
Einige Zeit später bekamen der König und die Königin ein Kind.
Doch die alte Stiefmutter erfuhr, wo die Geschwister lebten. Es machte sie wütend, dass das Schwesterchen Königin geworden war und das Brüderchen glücklich bei ihr lebte.
Gemeinsam mit ihrer eigenen Tochter kam sie verkleidet zum Palast und schmiedete einen Plan.
Als der König auf Reisen war, schlich die Stiefmutter in die Gemächer der Königin und versetzte sie mit einem Zauber in tiefen Schlaf. Dann versteckte sie sie in einem stillen Zimmer eines alten Turmes, wo der Zauber sie tagsüber nicht erwachen ließ.
Ihre eigene Tochter zog sie in königliche Kleider und befahl ihr, sich als Herrin des Palastes auszugeben.
Doch die Täuschung war nicht vollkommen. Die falsche Königin wusste nicht, wie sie das Kind beruhigen sollte. Sie wusste auch nicht, wo das Schwesterchen sein liebstes Band aufbewahrte. Vor allem aber fürchtete sie sich vor dem goldbraunen Rehkitz, das sofort spürte, dass diese Frau nicht seine Schwester war.
Nachts wurde der Zauber schwächer.
Die wirkliche Königin erwachte im Turm und fand wie im Traum den Weg zum Kinderzimmer. Sie nahm ihr Kind auf den Arm, wiegte es leise, strich danach dem Rehkitz über den Kopf und kehrte vor Tagesanbruch in den Turm zurück.
Eines Nachts sah die alte Amme sie und konnte kaum glauben, was sie beobachtete.
In der nächsten Nacht kam die Königin wieder.
„Wie geht es meinem Kind?“, flüsterte sie. „Wie geht es meinem Rehkitz?“
Die Amme erzählte dem König von den seltsamen nächtlichen Besuchen.
Als er zurückkehrte, machte er keinen Aufruhr, sondern blieb selbst beim Kinderzimmer und wartete.
Um Mitternacht öffnete sich leise die Tür.
Die wirkliche Königin trat ein.
„Du bist es!“, rief der König.
Er nahm ihre Hand. Im selben Augenblick zerfiel der Zauber der Stiefmutter wie Eis in der Sonne. Die Königin erwachte vollständig und erzählte alles, woran sie sich erinnern konnte.
Die Stiefmutter und ihre Tochter wurden entlarvt. Man verbannte sie aus dem Königreich und verbot ihnen, jemals zum Palast zurückzukehren.
Als die letzte Lüge ausgesprochen und der letzte Zauber gebrochen war, blieb das goldbraune Rehkitz plötzlich mitten im Garten stehen.
Ein sanftes Licht flammte um es herum auf.
Einen Augenblick später stand vor der Königin ihr Brüderchen, genauso wie vor dem Trunk aus der verzauberten Quelle.
Das Schwesterchen fiel ihm um den Hals.
„Ich habe doch gesagt, dass ich dich nicht verlasse.“
„Und ich wusste, dass ich eines Tages wieder ich selbst sein würde“, lächelte er.
Von da an lebte das Brüderchen im Palast in der Nähe seiner Schwester. Oft ging er in denselben Garten, in dem er einst als Rehkitz herumgelaufen war, und die drei Waldquellen vergaß er niemals.
Das Schwesterchen brachte ihrem Sohn später eine einfache Regel bei: Wenn du jemanden wirklich liebst, beschütze ihn nicht nur dann, wenn alles leicht ist. Die wertvollste Treue ist die, die bleibt, selbst wenn die Welt ringsum kaum wiederzuerkennen ist.
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