

Dänemark
Das Holundermütterchen
Holunder, Erinnerungen, Zauber im Haus
- Land
- Dänemark
- Alter
- 5–9 Jahre

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Das Holundermütterchen
An einem kalten Abend kam ein kleiner Junge mit nassen Füßen nach Hause. Er war lange spazieren gegangen, hatte eine Pfütze übersehen und seine Schuhe durchnässt. Nun lag er im warmen Bett, fast bis zur Nasenspitze eingewickelt.
„Ich glaube, du hast dich erkältet“, sagte seine Mutter und berührte seine Stirn. „Jetzt wärmen wir dich mit Tee auf.“
Sie brachte eine große Teekanne, legte duftende Holunderblüten hinein und goss heißes Wasser darüber. Bald zog ein süßer Sommerduft durch das Zimmer, ganz anders als der Winterabend vor dem Fenster.
Der Junge atmete den Duft ein und lächelte.
„Es riecht nach Garten.“
„Ganz genau“, antwortete die Mutter. „Trink in kleinen Schlucken.“
Da klopfte es an der Tür. Der alte Nachbar kam zu Besuch. Er schaute oft bei der Familie vorbei und konnte Geschichten so erzählen, dass ein gewöhnlicher Stuhl zum Schiff wurde, ein Schatten an der Wand zum Drachen und ein Teelöffel zum silbernen Ruder.
„Ich habe gehört, wir haben hier einen kranken Zuhörer“, sagte er. „Dann geht es wohl nicht ohne ein Märchen.“
„Aber ein richtiges!“, bat der Junge. „Nicht so eins, bei dem Sie sagen: ‚Es war einmal ein König‘, und danach vergessen, warum er überhaupt dort lebte.“
Der Alte lachte.
„Gut. Aber weißt du, die besten Märchen beginnen manchmal gar nicht mit Königen.“
Er sah zur Teekanne.
„Zum Beispiel mit Holunder.“
Auch der Junge schaute zur Kanne.
Da geschah etwas Seltsames.
Unter dem Deckel schien ein dünner grüner Zweig hervorzulugen. Er wuchs höher und entfaltete seine Blätter. Ein zweiter folgte, ein dritter. Einen Augenblick später sah die Kanne schon aus wie ein kleiner Strauch.
Der Junge riss die Augen auf.
„Sehen Sie das?“
„Ich sehe vieles, wenn heißer Tee und ein aufmerksamer Zuhörer in der Nähe sind“, antwortete der Alte.
Die Zweige wuchsen weiter. Sie streckten sich über den Tisch, zum Fenster und bis zur Decke. Weiße Blütenschirme öffneten sich daran. Im Zimmer roch es nach Juni.
Mitten im Grün saß eine kleine alte Frau in einem grünen Kleid. Auf ihren Schultern lag ein leichter Schal, mit Holunderblüten bestickt. Ihr Gesicht war freundlich und fröhlich.
„Guten Abend“, sagte sie.
Der Junge setzte sich im Bett auf.
„Wer sind Sie?“
„Man nennt mich Holundermütterchen. Aber das ist nicht mein einziger Name.“
„Wie heißen Sie denn noch?“
Die Alte legte einen Finger an die Lippen.
„Namen muss man sich mit einer Geschichte verdienen.“
Der alte Nachbar lächelte.
„Einmal“, begann er, „sah ich in einem gemütlichen kleinen Garten ein altes Ehepaar. Die beiden saßen unter einem großen Holunderstrauch und hielten sich an den Händen. Es sah aus, als täten sie fast nichts. Sie saßen einfach da.“
„Das ist doch kein Märchen“, widersprach der Junge.
„Warte nur.“
Der Alte erzählte weiter:
„Sie sahen die Blüten an und erinnerten sich. Wie sie als Kinder barfuß herumgelaufen waren. Wie sie zum ersten Mal das Meer gesehen hatten. Wie sie zu Verwandten gefahren waren. Wie im Winter weiße Muster die Fensterscheiben bedeckt hatten und im Frühling die ersten Blumen neben dem Haus aufgeblüht waren. Sie erinnerten sich an Menschen, die sie lange nicht gesehen hatten, an Lieder, die sie früher gesungen hatten, an lustige Fehler, weite Wege und stille Abende.“
„Aber das sind trotzdem Erinnerungen und kein Märchen“, sagte der Junge.
Das Holundermütterchen beugte sich zu ihm.
„Glaubst du, da liegt ein großer Unterschied?“
„Natürlich. In einem Märchen muss es ein Wunder geben.“
„Dann schau genauer hin.“
Sie berührte seine Stirn mit einem kühlen grünen Zweig.
Und das Zimmer verschwand.
Der Junge lag nicht mehr im Bett. Er stand mitten auf einer sonnigen Lichtung. Neben ihm war keine alte Frau mehr, sondern ein fröhliches Mädchen ungefähr in seinem Alter. Auf ihrem Kopf saß ein Kranz aus weißen Holunderblüten.
„Komm!“, sagte sie.
„Bist du das Holundermütterchen?“
„Vielleicht. Vielleicht bin ich jetzt aber auch einfach deine Freundin.“
Sie nahm ihn an der Hand, und sie liefen los.
Der Sommer schlug sich vor ihnen auf wie ein großes grünes Buch. Sie rannten auf Wegen zwischen Feldern, über deren hohem Roggen der Wind Wellen rollen ließ. Über den Wiesen summten Bienen. An den Teichen quakten Frösche. Die Gärten waren voller Beeren, und der Himmel schien so hoch, dass man ohne jeden Grund lachen wollte.
„Merk dir das“, sagte das Mädchen. „Nicht, weil ich es dir befehle. Sondern weil dieser Duft dir eines Tages einen ganzen Tag zurückbringen wird.“
„Welcher Duft?“
„Sonnenwarmes Gras. Holunder. Eine warme Holzbank. Erinnerungen haben viele Türen.“
Sie liefen weiter, und plötzlich wurde aus dem Sommer Herbst.
Die Bäume leuchteten mit gelben und roten Blättern. Kastanien rollten über den Weg. Irgendwo in der Ferne klapperte ein Wagen. Regen glänzte auf den Dächern, und in den Häusern wurden warme Lampen angezündet.
„Sieh, wie sich alles verändert“, sagte das Mädchen.
„Es ist ein bisschen traurig, dass der Sommer vorbei ist.“
„Wenn er niemals zu Ende ginge, würdest du gar nicht merken, wie wunderbar er ist.“
Sie hob ein rotes Blatt vom Boden auf und legte es dem Jungen in die Hand.
„Auch das merk dir.“
Ein kälterer Wind kam auf.
In einem einzigen Augenblick bedeckte Schnee die Felder. Der Winter war da.
Nun fuhren sie auf einem Schlitten. Die Kufen glitten leise, die Bäume waren weiß über weiß, und aus den Schornsteinen stieg Rauch. In den Fenstern der Häuser flackerte Licht.
„Frierst du nicht?“, fragte das Mädchen.
„Nein. Seltsam, aber mir ist warm.“
„Weil manche Wintererinnerungen wärmer sind als Sommererinnerungen.“
Sie schauten durch das Fenster eines Hauses. Drinnen saß eine Familie am Tisch. Jemand goss Tee ein, jemand reparierte ein Spielzeug, jemand las laut vor. Nichts Außergewöhnliches geschah.
„Sollte man sich auch daran erinnern?“, fragte der Junge.
„Das am allermeisten“, antwortete sie.
Wieder veränderte sich die Luft. Der Schnee wurde durchscheinender, die ersten grünen Triebe schauten aus der Erde. Bäche begannen zu fließen. An den Zweigen zeigten sich Knospen.
Frühling.
Die Vögel kamen aus fernen Ländern zurück, die Gärten erwachten, und der Holunder bekam frische Blätter.
„Vier Jahreszeiten“, sagte der Junge. „Und wir haben alle gesehen.“
„Jetzt sehen wir etwas, das du noch nicht sehen kannst.“
„Was denn?“
„Die Zeit.“
Das Mädchen berührte seine Hand.
Plötzlich wurde der Junge älter. Zuerst nur ein wenig. Dann noch mehr. Er sah sich als Schuljungen, der mit seinen Büchern eilte. Er sah sich als jungen Mann, der auf Reisen ging. Er sah unzählige Orte: Straßen in Städten, Wege auf dem Land, das Meer, einen Hafen, Wälder und Felder.
An jedem Ort gab es etwas Neues. Doch ab und zu roch er plötzlich Holunder. Dann sah er für einen Augenblick wieder sein Kinderzimmer, die Teekanne, die Hand seiner Mutter auf der Bettdecke und den alten Erzähler am Tisch.
„Siehst du?“, hörte er die Stimme seiner Begleiterin. „Ein einziger kleiner Augenblick kann dein ganzes Leben lang mit dir reisen.“
Der Junge sah sich als erwachsenen Mann. Zwischen den Seiten eines alten Buches lag eine getrocknete Holunderblüte. Sobald er das Buch aufschlug, wurde die Vergangenheit lebendig.
Dann wurde er noch älter.
Nun saß er in einem Garten unter einem großen Holunderstrauch. Neben ihm saß eine grauhaarige Frau. Sie hielten sich an den Händen und erinnerten sich an ihre Jugend.
„Das sind doch die alten Leute aus Ihrer Geschichte!“, rief der Junge.
„Vielleicht“, hörte er neben sich.
Das Mädchen war wieder zu einer kleinen alten Frau im grünen Kleid geworden.
„Vielleicht hat aber auch jede Familie irgendwann ihre eigene Bank unter dem Holunder.“
„Wie heißen Sie denn nun wirklich?“, fragte der Junge.
Das Holundermütterchen lächelte.
„Mein ältester Name ist Erinnerung.“
„Erinnerung?“
„Ja. Ich wohne nicht nur in alten Büchern. Ich verstecke mich in Düften, Liedern und Worten, im vertrauten Knarren einer Gartenpforte, in der Tasse, aus der du als Kind getrunken hast, und in der Stimme eines Menschen, den du liebst. Manchmal glauben die Menschen, sie hätten etwas für immer vergessen. Dann blüht der Holunder, und plötzlich öffnet sich eine Tür.“
Leicht berührte sie seine Stirn.
Der Junge öffnete die Augen.
Er lag wieder in seinem Bett.
Auf dem Tisch stand die Teekanne. Von einem riesigen Strauch war nichts zu sehen. Der alte Nachbar saß lächelnd im Sessel. Die Mutter rückte die Decke zurecht.
„Na, war das Märchen echt?“, fragte der Alte.
Der Junge sah sich um.
„Wo ist denn das Holundermütterchen?“
Die Mutter hob den Deckel der Teekanne.
„Hier sind nur Holunderblüten.“
„Nein, sie war da. Sie hat gesagt, dass ihr richtiger Name Erinnerung ist.“
Der alte Nachbar nickte.
„Dann hat sie dir ihren Namen richtig genannt.“
Der Junge trank einen Schluck warmen Tee. Nun schien er noch stärker zu duften.
„Mama, werde ich mich an diesen Abend erinnern, wenn ich groß bin?“
„Das weiß ich nicht“, antwortete sie. „Aber wenn du irgendwann im Winter plötzlich blühenden Holunder riechst, erinnerst du dich vielleicht an die Teekanne, dieses Zimmer und uns alle.“
Der Junge kuschelte sich bequem in sein Kissen.
Draußen fiel kalter Regen. Doch im Zimmer duftete es nach Sommer.
Bevor er einschlief, sah er noch einmal zur Teekanne.
Ihm schien, als hätte sich zwischen den weißen Blüten ein winziger grüner Ärmel bewegt.
Vielleicht war es aber auch nur ein Schatten.
Von da an wusste der Junge: Nicht jedes Wunder donnert laut oder glänzt wie Gold. Manche Wunder sitzen still neben uns, warten jahrelang und kehren mit einem einzigen vertrauten Duft zurück.
