

China
Der Zauberbottich
Magie, Wünsche
- Land
- China
- Alter
- 5–9 Jahre

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Der Zauberbottich
In einem kleinen Dorf lebte einst ein Mann mit seiner Frau und seinem alten Großvater. Die Familie besaß ein kleines Feld, einen Garten und eine einfache Hütte. Reich waren sie nicht, doch sie arbeiteten jeden Tag: Sie säten Getreide, gossen die Beete, reparierten den Zaun und hüteten jede Handvoll ihrer Ernte.
Eines Morgens grub der Mann am Rand seines Feldes. Plötzlich stieß sein Spaten klirrend gegen etwas Hartes.
„Was liegt denn da? Ein Stein?“, murmelte er.
Er schob die Erde mit den Händen beiseite und entdeckte einen großen Tonbottich. Er war alt, schwer und staubig, aber heil.
„Wie schön!“, freute sich der Mann. „Jetzt haben wir ein Gefäß für Wasser oder Getreide.“
Zusammen mit einem Nachbarn schleppte er seinen Fund nach Hause und stellte ihn in den Hof.
„Zuerst müssen wir ihn gründlich waschen“, sagte seine Frau.
Sie nahm eine Bürste und begann, den Bottich von innen zu schrubben. Doch kaum berührte die Bürste den Boden, geschah ein Wunder. Neben ihr erschien eine zweite Bürste. Dann eine dritte. Dann eine vierte.
„Komm und sieh dir das an!“, rief die Frau.
Der Mann schaute in den Bottich und sperrte den Mund auf. Es wurden immer mehr Bürsten. Er nahm sie eine nach der anderen heraus, doch am Boden erschienen neue.
An diesem Tag brachten sie einige Bürsten zum Markt. Die Leute kauften sie gern. Am nächsten Tag verkaufte die Familie noch ein paar. Zum ersten Mal seit Langem gab es in der Hütte genug Reis, Gemüse und Öl für die Lampe.
„Ein guter Fund“, sagte der Großvater lächelnd. „Aber denkt daran: Mit jedem Geschenk sollte man vernünftig umgehen.“
Zunächst tat der Mann genau das. Er nahm nur so viele Bürsten aus dem Bottich, wie er ohne Hast verkaufen konnte. Doch eines Abends zählte er seine Einnahmen und ließ versehentlich eine Münze hineinfallen.
Kling!
Die Bürsten verschwanden.
Stattdessen glänzten am Boden Münzen.
Eine, zwei, zehn, hundert … Der Bottich füllte sich so schnell mit Geld, dass der Mann kaum mit dem Herausschöpfen nachkam.
„Wir sind reich!“, rief er. „Jetzt müssen wir nicht mehr arbeiten!“
Von da an ging er kaum noch aufs Feld. Morgens setzte er sich an den Bottich und holte Münzen heraus. Abends zählte er sie. Und am nächsten Tag wollte er noch mehr.
Seine Frau begann sich Sorgen zu machen.
„Wir haben doch schon genug“, sagte sie. „Wozu brauchen wir so viel?“
„Weil wir morgen mehr haben können als heute“, antwortete der Mann.
Sogar für seinen Großvater fand er Arbeit am Bottich.
„Setz dich hierher und schöpfe die Münzen heraus“, befahl er. „Wir dürfen keine Zeit verlieren.“
Der alte Mann arbeitete langsam. Seine Hände zitterten, sein Rücken wurde müde.
„Lass mich kurz ausruhen“, bat er.
„Schon wieder?“, ärgerte sich der Mann. „Die Münzen kommen ganz von allein, und nicht einmal das kannst du schneller machen!“
Der Großvater antwortete nicht. Er sah seinen Enkel nur traurig an.
So vergingen einige Tage. Einmal trieb der Mann seinen Großvater wieder zur Eile an. Der Alte griff nach einer Münze, die ganz an den Rand gerollt war, verlor das Gleichgewicht und wäre beinahe in den Bottich gefallen.
Im letzten Augenblick packte ihn der Mann am Ärmel.
„Vorsicht!“
Der Großvater blieb auf den Beinen, doch sein alter hölzerner Stock glitt ihm aus der Hand und fiel hinein.
Klopf!
Augenblicklich verschwanden die Münzen.
Am Boden lagen zwei Stöcke.
Dann drei.
Fünf.
Zehn.
Bald ragte ein ganzer Wald gleicher Holzstöcke aus dem Bottich.
„Nein!“, schrie der Mann. „Gebt mir die Münzen zurück!“
Er warf eine Münze hinein. Nichts geschah. Er warf eine zweite hinein. Der Bottich gab nur einen leisen dumpfen Laut von sich und brachte einen weiteren Stock hervor.
Der Mann versuchte, alle Stöcke herauszunehmen. Doch es wurden immer mehr. Sie füllten den Hof, lehnten an der Wand und rollten bis zum Tor.
Plötzlich lachte der Großvater.
„Anscheinend haben wir jetzt die größte Stocksammlung in der ganzen Gegend.“
Sogar die Frau konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
Doch dem Mann war überhaupt nicht zum Lachen. Er saß mitten im Hof und starrte auf den Berg von Holzstöcken. Zum ersten Mal seit Langem sah er, wie erschöpft sein Großvater war.
„Verzeih mir“, sagte er leise. „Ich war so besessen vom Geld, dass ich in allem nur noch einen Gewinn gesehen habe. Sogar in dir.“
Der Großvater legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Gut, dass du es jetzt begriffen hast.“
Am nächsten Morgen verschenkte die Familie die übrigen Stöcke an alle, die sie brauchten: alte Menschen, Wanderer und Hirten. Einige brachten sie zu einem Handwerker, damit er aus dem Holz Griffe für Werkzeuge machen konnte.
Bald darauf bekam der alte Bottich einen Riss vom Rand bis zum Boden. Der Zauber war zu Ende.
Der Mann kehrte aufs Feld zurück. Anfangs kam ihm die Arbeit schwer vor. Doch als die ersten grünen Triebe aus der Erde lugten, spürte er eine Freude, die ihm kein Münzklirren schenken konnte.
Im Herbst fiel die Ernte gut aus. Die Familie lebte wieder einfach, aber zufrieden. Und wenn der Mann alles auf einmal haben wollte, klopfte der Großvater nur mit seinem neuen Stock auf den Boden und fragte:
„Brauchst du vielleicht noch einen Zauberbottich?“
Dann lachten alle.
Seitdem wusste der Mann: Wahrer Wohlstand beginnt mit bescheidenen Wünschen, ehrlicher Arbeit und Achtung vor den Menschen um uns herum, nicht mit einem Bottich voller Münzen.
