

Weltweit
Das Zauberhaar
Traum, armer Mann, Wunder, Hoffnung, Großzügigkeit
- Land
- Weltweit
- Alter
- 7–11 Jahre

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Das Zauberhaar
Es war einmal ein armer Mann. Er hatte eine große Familie und viele Kinder, aber nur sehr wenig Geld. Von morgens bis abends arbeitete er, und trotzdem kam es oft vor, dass in der Vorratskammer nur noch eine Handvoll Mehl, ein paar Zwiebeln und ein Stück Brot lagen, das für alle reichen musste.
Besonders schwer wurde es, als es einmal bitterkalt war. Eines Abends saß der Mann vor dem verlöschenden Feuer und dachte:
„Was soll ich nur tun? Wie sollen wir bis zum Frühling durchhalten? Wie kann ich meine Kinder ernähren und dabei die Hoffnung bewahren?“
Er wünschte sich keinen Reichtum. Er wollte nur eines: dass bei ihm zu Hause niemand hungrig zu Bett gehen musste.
Vor dem Einschlafen betete er leise um Hilfe. In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum.
Eine leuchtende Gestalt schien vor ihm zu stehen und sprach:
„Verzage nicht. Schau morgen früh unter dein Kopfkissen. Dort findest du einen kleinen Spiegel, ein rotes Tuch und einen bestickten Schal. Nimm sie mit und wandere hinter den dritten Hügel. Dort fließt ein klarer Bach. An seinem Ufer wirst du einer Vila begegnen, einer zauberhaften jungen Frau mit langem Haar. Sei höflich, widersprich ihr nicht und sprich nur, wenn es nötig ist. Falls sie dich bittet, ihr das Haar zu kämmen, sei dabei ganz behutsam. Zwischen den goldenen Strähnen wirst du ein ungewöhnliches rotes Haar entdecken. Was du dann tun sollst, wird dir das Schicksal zeigen.“
Noch vor Tagesanbruch erwachte der Mann.
„Was für einen Traum ich da hatte!“, dachte er.
Doch als er sein Kopfkissen anhob, schlug ihm das Herz bis zum Hals. Darunter lagen tatsächlich ein kleiner Spiegel, ein rotes Tuch und ein dünner bestickter Schal.
Rasch machte sich der Mann auf den Weg.
Er wanderte über den ersten Hügel, über den zweiten und schließlich über den dritten. Dahinter hörte er Wasser plätschern. Ein klarer Bach floss zwischen Steinen hindurch. Am Ufer saß eine junge Frau in einem hellen Gewand. Ihr Haar reichte beinahe bis zum Boden und glänzte im Sonnenlicht wie goldener Honig.
„Wanderer“, sagte sie, „hilfst du mir, mein Haar zu kämmen? Der Wind hat es ganz zerzaust.“
Der Mann nickte schweigend.
Die Vila reichte ihm einen Kamm. Langsam kämmte er Strähne für Strähne und gab acht, dass er an keinem Haar zog. Plötzlich entdeckte er zwischen den hellen Haaren einen etwas dickeren, kupferroten Faden.
Der Kamm blieb leicht daran hängen. Das Haar glitt von selbst aus der Strähne und wickelte sich um den Finger des Mannes.
Im selben Augenblick drehte sich die Vila um.
„Das ist kein gewöhnliches Haar“, sagte sie. „Es löst sich nur selten von allein.“
Der Mann erschrak, doch dann erinnerte er sich an seinen Traum. Er verbeugte sich und ging zum Hügel zurück.
„Halt!“, rief die Vila. „Ich will wissen, wohin du es bringst!“
Der Mann antwortete nicht und beschleunigte seine Schritte.
Da hörte er hinter sich leichte Schritte. Sie klangen weder zornig noch bedrohlich, waren aber sehr schnell.
Er zog den bestickten Schal hervor und legte ihn ins Gras.
Die Vila blieb stehen.
„Wie fein das gearbeitet ist!“, staunte sie und betrachtete das Muster.
Während sie die Stickerei bewunderte, konnte der Mann ein gutes Stück weitergehen. Doch bald hörte er die Schritte wieder hinter sich.
Nun ließ er das rote Tuch zurück.
Wieder blieb die Vila stehen, hob es auf und lächelte:
„Was für eine leuchtende Farbe!“
Der Mann war schon fast am dritten Hügel, als er sie dicht neben sich hörte. Da legte er seinen letzten Gegenstand auf einen Stein: den kleinen Spiegel.
Die Vila sah darin den Himmel, die Wolken und ihr eigenes erstauntes Gesicht. Sie hielt nur einen Augenblick inne, doch das genügte.
Der Mann gelangte auf die andere Seite des Hügels.
Die Vila blieb jenseits des Hügels stehen und folgte ihm nicht weiter.
„Möge dir dieses Haar helfen und dich nicht hochmütig machen!“, rief sie ihm nach. „Dann wird es dir Gutes bringen!“
Der Mann bedankte sich und ging nach Hause.
In der nächsten Stadt zeigte er den Händlern das seltsame Haar. Zunächst lachten sie nur.
„Ein Haar? Was soll daran besonders sein?“
Doch kaum lag es auf dem Tisch, begann es warm und rötlich zu schimmern. Ein Kaufmann bot zehn Münzen dafür, ein zweiter zwanzig, ein dritter hundert. Die Nachricht von dem wundersamen Fund drang bis zum Palast des Königs.
Der Herrscher ließ sich das Haar bringen und betrachtete es lange.
„Wie viel verlangst du dafür?“, fragte er.
Der Mann wusste nicht, was er sagen sollte.
„Ich weiß es nicht, mein König. Ich möchte nur meine Familie ernähren können.“
Der König zahlte ihm tausend Dukaten, so viel Geld, wie der arme Mann in seinem ganzen Leben noch nie gesehen hatte.
Und dann geschah noch ein Wunder.
Als man das Haar vorsichtig der Länge nach aufspaltete, kam darin eine winzige Schriftrolle zum Vorschein. In kleinen Zeichen waren darauf uralte Geheimnisse der Natur aufgeschrieben. Welche das waren, darüber schweigt das alte Märchen. Es erzählt nur, dass der König die Schriftrolle wie einen großen Schatz an Weisheit hütete. Er hatte erkannt, dass das Kostbarste nicht der goldene Faden war, sondern das Wissen, das darin verborgen lag.
Der arme Mann kehrte nach Hause zurück.
Er kaufte Getreide und warme Kleidung, ließ das Dach reparieren und legte etwas Geld für später beiseite. Doch er wurde nicht verschwenderisch. Zu gut erinnerte er sich an die Abende, an denen er die letzten Brotkrümel gezählt hatte.
Wenn einem Nachbarn das Mehl ausging, teilte er deshalb seines mit ihm. War irgendwo eine Kuh krank, half er, so gut er konnte. Und seinen Kindern sagte er oft:
„Nicht jedes Wunder kommt mit Glanz und Gold daher. Manchmal beginnt es damit, dass man die Hoffnung nicht aufgibt, selbst wenn es sehr schwer ist.“
Und den Kamm, mit dem er das Haar der Vila gekämmt hatte, bewahrte er ebenfalls auf. Nicht als Zaubergegenstand, sondern zur Erinnerung an einen seltsamen Traum, einen weiten Weg und ein einziges kupferrotes Haar, das das Leben einer ganzen Familie verändert hatte.
