

Südkorea
Der Zauberpfirsich
Pfirsich, langes Leben, die himmlische Königinmutter, ein magisches Geschenk
- Land
- Südkorea
- Alter
- 6–10 Jahre

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Der Zauberpfirsich
Weit jenseits der Meere lag, wenn man dem alten Märchen glaubt, die Insel der Edelsteine. Dort erhob sich der Palast der himmlischen Königinmutter Su Wan Mu.
Die Dächer des Palastes glänzten in der Sonne, an den Teichen blühten Lotusblumen, und über den Gärten kreisten blaue Tauben. Wenn besondere Gäste auf die Insel kamen, schickte man ihnen himmlische Wagen entgegen, die von Drachen gezogen wurden.
Das größte Wunder aber war der Pfirsichgarten.
Seine Pfirsiche wurden nur sehr selten reif. Wer von der Königinmutter persönlich eine solche Frucht geschenkt bekam, sollte, so hieß es, ein außergewöhnlich langes Leben haben.
Eines Tages hörte Su Wan Mu von einem jungen Prinzen, den die Menschen wegen seiner Freundlichkeit und Klugheit schätzten. Sie lud ihn zu einem Fest in ihren Palast ein.
Ein goldener Wagen kam geflogen, um den Prinzen abzuholen. Die Drachen trugen ihn mühelos über Berge und Wolken, und bald leuchtete vor ihnen die Insel der Edelsteine auf.
Musik begrüßte den Prinzen. In der großen Halle standen Tische mit Früchten, duftendem Tee und Speisen, die er noch nie gesehen hatte.
Als alle Gäste Platz genommen hatten, brachte die Königinmutter einige reife Pfirsiche auf einem goldenen Tablett herein.
„Heute hat uns der Garten seine seltenen Früchte geschenkt“, sagte sie. „Sie sollen uns daran erinnern, dass ein langes Leben nur dann wertvoll ist, wenn es mit guten Taten gefüllt ist.“
Einen Pfirsich reichte sie dem Prinzen.
Er biss ein Stück ab. Die Frucht war süß und duftete nach Sommer. Für einen Augenblick kam es ihm vor, als strahle die ganze Welt heller: Die Musik klang klarer, die Farben leuchteten kräftiger, und der Wind aus dem Garten fühlte sich kühler an.
In der Nähe stand ein junges Mädchen, das bei dem Fest half. Es betrachtete die ungewöhnliche Frucht voller Interesse.
Der Prinz lächelte.
„Möchtest du probieren?“
Ohne an die Regeln des Palastes zu denken, nahm er einen zweiten Pfirsich vom Tablett und warf ihn ihr vorsichtig zu.
Das Mädchen fing ihn auf.
Für einen Augenblick wurde es still in der Halle.
„Diese Früchte darf nur die Königinmutter verteilen“, erinnerte eine Dienerin ihn leise.
Der Prinz begriff, dass er unbedacht gehandelt hatte.
„Es ist meine Schuld“, sagte er. „Ich wollte den Brauch nicht missachten.“
Doch das Mädchen hatte schon in den Pfirsich gebissen.
Im selben Moment zog ein goldener Nebel aus dem Garten herauf. Er wirbelte um die Säulen, verbarg die Tische, die Gäste und sogar den Palast selbst.
Als der Nebel sich verzog, hatte sich alles verändert.
An dieser Stelle scheint das alte Märchen gleich viele Seiten der Zeit auf einmal umzublättern.
Jahre vergingen. Dann Jahrzehnte. Dann Jahrhunderte.
In den hohen Bergen, die man die Immerweißen nannte, lebte ein Einsiedler mit einem langen silbernen Bart. Er war viel gewandert, hatte gelernt, der Stille zuzuhören, und den Himmel beobachtet. Paläste und königliche Feste hatte er beinahe vergessen.
Eines Morgens sah er auf dem Pfad eine Wanderin.
Sie sah jung aus, doch in ihren Augen lag eine Ruhe, als hätte sie schon Hunderte von Frühlingen erlebt.
„Hast du dich verirrt?“, fragte der Einsiedler.
„Nein“, antwortete sie. „Ich suche schon sehr lange nach jemandem.“
Sie setzten sich an eine Bergquelle.
Die Wanderin erzählte eine seltsame Geschichte.
Einst hatte sie auf der Insel der Edelsteine gelebt und am Fest der himmlischen Königinmutter teilgenommen. Ein junger Prinz hatte ihr einen Zauberpfirsich zugeworfen. Sie hatte davon gekostet, und seitdem dauerte ihr Leben ungewöhnlich lange.
Seither war sie viel gereist. Sie hatte gesehen, wie Städte entstanden und wieder verschwanden, wie Straßen sich veränderten und junge Bäume riesengroß wurden. Und die ganze Zeit hatte sie an den jungen Mann gedacht, der seinen Pfirsich mit ihr geteilt hatte.
Der Einsiedler hörte aufmerksam zu.
„Und wie sah dieser Prinz aus?“, fragte er schließlich.
Das Mädchen beschrieb seine Stimme, seine Kleidung und ein kleines Mal an seiner Hand.
Langsam streckte der Einsiedler die Hand aus.
Dort war genau dieses Mal.
„Das war ich“, sagte er.
Die Wanderin hielt den Atem an.
„Aber … es ist doch so viel Zeit vergangen.“
„Auch ich habe von dem Zauberpfirsich gegessen“, antwortete er. „Mir wurde ein langes Leben geschenkt. Doch mit den Jahren dachte ich immer öfter, diese Begegnung sei nur ein Traum gewesen.“
Sie sahen einander an, dann lachten sie beide. Nicht, weil tausend Jahre eine Kleinigkeit waren, sondern weil sie sich nach einem so langen Weg endlich wiedergefunden hatten.
In diesem Augenblick, so erzählt man, begann das graue Haar des Einsiedlers silbern zu leuchten. Sein Rücken richtete sich auf, und in seine Augen kehrte der Glanz der Jugend zurück. Es war, als erinnere der Zauberpfirsich ihn daran, wer er einmal gewesen war.
Plötzlich rauschten große Flügel über den Bergen.
Ein goldener Drache stieg aus den Wolken herab. Hinter ihm schwebte ein himmlischer Wagen.
Die Königinmutter Su Wan Mu hatte erfahren, dass ihre beiden Gäste von damals sich wiedergefunden hatten. Sie lud sie ein, auf die Insel der Edelsteine zurückzukehren.
Als sie ankamen, stand der Pfirsichgarten gerade in voller Blüte.
„Ihr beide habt einen sehr langen Weg hinter euch“, sagte die Königinmutter. „Nun entscheidet selbst, wohin ihr als Nächstes gehen wollt.“
Der Prinz und die Wanderin sahen einander an.
Sie wussten schon, dass sie zusammenbleiben wollten.
An diesem Abend wurde auf der Insel ein Fest gefeiert. Blaue Tauben kreisten über den Gärten, Drachen dösten neben den goldenen Wagen, und zwischen den Pfirsichzweigen leuchteten kleine Laternen.
Und seitdem bewahrten die beiden Wanderer, so erzählt das alte Märchen, weniger das Geheimnis eines langen Lebens als eine viel einfachere Wahrheit: Selbst der längste Weg wird erst durch die Menschen bedeutsam, denen wir unterwegs begegnen.
