

Weltweit
Das Zauberbündel
Zauberbündel, Gabe, Reise, Prüfung
- Land
- Weltweit
- Alter
- 6–10 Jahre

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Das Zauberbündel
Einst lebte ein Wanderer namens Iena. Er zog von einem Ort zum anderen, übernachtete dort, wo ihn die Dunkelheit überraschte, und trug fast seinen ganzen Besitz in einem kleinen Bündel mit sich.
Iena war das Reisen gewohnt. Er wusste, wie man dem Wind lauschte, nach dem Regen einen Pfad fand und selbst dann ein Feuer entzündete, wenn es kaum trockene Zweige gab. Doch eines fiel ihm schwerer als alles andere: die Einsamkeit.
Manchmal blickte er abends ins Feuer und dachte:
„Es wäre schön, jemanden an meiner Seite zu haben, mit dem ich das Abendessen, den Weg und die Stille teilen könnte.“
Eines Morgens ging Iena los, um Nahrung zu holen. Damit er sein Bündel nicht mitnehmen musste, hängte er es an einen kräftigen Baumast und sagte:
„Warte hier auf mich. Heute Abend komme ich zurück.“
Als die Sonne sich zum Horizont neigte, kehrte Iena zurück. Doch der Baum mit dem Bündel war nicht zu sehen. An seiner Stelle stand ein kleines, ordentliches Haus, und am Eingang wartete eine Fremde.
Iena war so erstaunt, dass er ein paar Sekunden lang kein Wort herausbrachte.
„Guten Abend“, sagte er schließlich.
Doch die Fremde antwortete nicht einmal. Sofort machte sie sich daran, alles zu betrachten, was Iena von unterwegs mitgebracht hatte. Hastig sortierte sie seine Sachen und schaute in den Beutel, als zählte für sie nur das, was sie sich selbst nehmen konnte.
Iena stand eine Weile da und dachte dann:
„Nein. Ich habe nicht von jemandem geträumt, der nur Beute sieht. Ich habe von einem wirklichen Gefährten geträumt.“
Er nahm sein Bündel, das wieder neben dem Baum lag, verabschiedete sich höflich und ging weiter.
Am nächsten Tag geschah dasselbe. Iena hängte das Bündel an einen Ast und ging seinen Aufgaben nach. Als er abends zurückkam, sah er an jener Stelle ein anderes kleines Haus.
Diesmal saß eine andere Fremde davor.
„Guten Abend“, grüßte Iena.
„Guten Abend“, antwortete sie knapp.
Iena hatte Lebensmittel mitgebracht, die mehrere Tage reichen sollten. Als er sich einen Augenblick abwandte, suchte die Fremde sich das Beste aus und begann allein zu essen.
„Wollen wir vielleicht teilen?“, fragte Iena.
„Warum? Wer es zuerst nimmt, dem gehört es“, antwortete sie.
Iena seufzte.
„Auch das ist nicht, was ich suche. Man kann jemanden neben sich haben und trotzdem einsam bleiben, wenn keiner an den anderen denkt.“
Wieder nahm er sein Bündel und setzte seinen Weg fort.
Noch ein Tag verging. Gegen Abend ließ Iena das Bündel zum dritten Mal an einem Baum zurück und ging selbst weit vom Pfad fort. Erst in der Dämmerung kehrte er zurück, müde und hungrig.
Und wieder sah er ein kleines Haus.
In der Tür stand eine dritte Fremde.
„Du bist bestimmt sehr müde“, sagte sie. „Komm herein. Am Feuer ist es wärmer.“
„Danke“, antwortete Iena. „Aber zuerst muss ich alles verstauen, was ich mitgebracht habe.“
„Machen wir es gemeinsam“, schlug sie vor.
Sie waren schnell fertig. Einen Teil der Nahrung legten sie für die nächsten Tage beiseite, einen Teil bereiteten sie zum Abendessen zu. Die Fremde holte Wasser, und Iena legte Zweige ins Feuer. Als alles bereit war, setzten sie sich nebeneinander.
„Du bekommst das größere Stück“, sagte Iena. „Du hast viel getan.“
„Und du den wärmeren Platz am Feuer“, antwortete sie. „Du warst den ganzen Tag unterwegs.“
Beide lachten.
Nach dem Essen redeten sie lange. Iena erzählte von fernen Pfaden, vom Morgennebel über dem Wasser und von Orten, an denen die Bäume selbst bei Windstille rauschten. Die Fremde hörte zu und erzählte dann von ihren eigenen Gedanken: von einem Haus, in dem sich der Ankommende ebenso wohlfühlte wie der Wartende; von Arbeit, die leichter wurde, wenn man sie nicht einem allein überließ; von Stille, die nicht einsam sein musste, wenn jemand neben einem war, bei dem man Ruhe fand.
Plötzlich begriff Iena: Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte er nicht darüber nach, wohin er morgen gehen sollte.
„Woher kommt dieses Haus?“, fragte er.
Die Fremde lächelte und deutete mit dem Kopf auf das Bündel.
„Vielleicht wusste dein Bündel, dass du keinen Reichtum und keinen Diener suchst. Du brauchtest jemanden, mit dem du teilen kannst.“
Iena betrachtete das kleine Bündel. Gewöhnlicher Stoff, ein gewöhnlicher Knoten. Kein goldenes Leuchten, kein Glöckchenklingen. Dennoch wusste er jetzt: Darin verbarg sich eine seltsame Kraft.
„Und möchtest du bleiben?“, fragte er behutsam.
„Wenn wir beide es wollen“, antwortete sie.
„Ich möchte es.“
„Ich auch.“
Von da an wanderte Iena nicht mehr nur deshalb, weil er keinen Ort hatte, an den er zurückkehren konnte. Manchmal machten sie sich gemeinsam auf den Weg, manchmal blieben sie lange an einem Ort. Sie stritten, versöhnten sich, lachten, arbeiteten und ruhten sich aus. Immer behielten sie etwas Einfaches im Sinn: Beieinander zu sein bedeutet mehr, als unter demselben Dach zu leben. Es bedeutet, einander wahrzunehmen.
Das Zauberbündel aber blieb in ihrem Haus liegen.
Iena bat es nie wieder um ein Wunder.
Denn das wichtigste Wunder war bereits geschehen.
