Cover: Der Zauberer von Oz

Weltweit

Der Zauberer von Oz

Dorothy lebte mit Onkel Henry, Tante Em und dem kleinen schwarzen Hund Toto inmitten der weiten grauen Ebenen von Kansas. Rund um ihr Haus erstreckte sich die Prärie, und nur Dorothy fand dort immer etwas Fröhliches: ein

Land
Weltweit
Alter
7–11 Jahre
Dauer
10 Min.
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Der Zauberer von Oz

Dorothy lebte mit Onkel Henry, Tante Em und dem kleinen schwarzen Hund Toto inmitten der weiten grauen Ebenen von Kansas. Rund um ihr Haus erstreckte sich die Prärie, und nur Dorothy fand dort immer etwas Fröhliches: eine ungewöhnlich geformte Wolke, eine Lerche am Himmel oder Toto, der seinen eigenen Schwanz jagte.

Eines Tages verdunkelte sich der Himmel plötzlich. Onkel Henry sah zu den Wolken und lief zu den Tieren, während Tante Em rief:

„Dorothy, schnell in den Keller! Ein Wirbelsturm kommt!“

Doch genau in diesem Augenblick versteckte sich Toto unter dem Bett. Dorothy lief hinter ihm her und schaffte es nicht mehr bis zum Schutzraum. Das Haus begann zu zittern, hob sich in die Luft und wurde vom Wind davongetragen, als wäre es eine leichte Schachtel.

Dorothy drückte Toto fest an sich. Sie flogen lange. Dann schwankte das Haus sanft, setzte auf, und alles wurde still.

Vor der Tür lag nicht mehr Kansas. Ringsum wuchs grünes Gras, seltsame Blumen blühten, und in der Nähe standen kleine Menschen in leuchtender Kleidung. Eine gute Zauberin des Nordens trat zu Dorothy. Sie erklärte, das Haus sei zufällig auf die böse Hexe des Ostens gefallen und habe die Bewohner dieses Landes von ihrer Herrschaft befreit.

Von der Hexe waren silberne Schuhe zurückgeblieben. Die gute Zauberin gab sie Dorothy.

„Ich möchte nur nach Hause zu Tante Em und Onkel Henry“, sagte das Mädchen.

„Dann geh in die Smaragdstadt“, antwortete die Zauberin. „Dort lebt der große Oz. Vielleicht weiß er, wie du nach Kansas zurückkehren kannst. Der Weg zu ihm ist mit gelben Ziegelsteinen gepflastert.“

Dorothy zog die silbernen Schuhe an, nahm ihren Korb und machte sich mit Toto auf den Weg.

Bald sahen sie mitten auf einem Feld eine Vogelscheuche. Sie hing an einem Pfahl und grüßte sehr höflich.

„Ich wünsche mir Verstand“, gestand die Vogelscheuche. „Mein Kopf ist nur mit Stroh gefüllt. Glaubst du, Oz könnte mir ein Gehirn geben?“

„Komm mit und frag ihn“, schlug Dorothy vor.

So waren sie nun zu dritt, wenn man Toto nicht mitzählte.

Im Wald hörten sie ein Stöhnen. Zwischen den Bäumen stand ein Blechholzfäller. Er hatte sich so lange nicht bewegt, dass seine Gelenke eingerostet waren. Dorothy fand eine Ölkanne, schmierte ihn, und der Holzfäller konnte wieder laufen.

„Früher hatte ich einmal ein lebendiges Herz“, sagte er traurig. „Jetzt bin ich aus Blech und fürchte, dass ich nicht mehr richtig lieben kann. Ich werde Oz bitten, mir ein Herz zu geben.“

Auch er schloss sich den Reisenden an.

Weiter auf dem Weg sprang plötzlich ein großer Löwe hervor und brüllte so laut, dass Toto zur Seite sprang. Dorothy lief jedoch nicht weg.

„Erschreck die Kleinen nicht!“, sagte sie.

Der Löwe schämte sich sofort.

„In Wahrheit fürchte ich mich selbst vor allem“, gestand er. „Selbst wenn ich brülle, zittern meine Knie. Wenn Oz mir doch nur Mut geben könnte!“

„Dann komm mit uns“, sagte Dorothy.

Der Weg zur Smaragdstadt war nicht leicht. Sie mussten Schluchten überqueren, Übergänge suchen und unter freiem Himmel schlafen. Eines Tages kamen sie in ein Feld voller roter Mohnblumen. Ihr Duft war so süß und einschläfernd, dass Dorothy und Toto im Gras einschliefen. Auch der Löwe verlor seine Kraft.

Die Vogelscheuche und der Blechholzfäller schliefen nicht. Sie trugen Dorothy und Toto aus dem Feld. Um den schweren Löwen zu retten, half ihnen die Königin der Feldmäuse mit ihrem Volk. Tausende kleine Pfoten zogen einen Wagen, bis der Löwe wieder frische Luft atmen konnte.

„Siehst du“, sagte Dorothy, als er erwachte. „Sogar der Größte braucht manchmal die Hilfe der Kleinsten.“

Endlich leuchteten in der Ferne die grünen Türme der Smaragdstadt. Am Tor bekam jeder eine grüne Brille, und dadurch wirkte die Stadt noch heller.

Die Freunde baten um eine Audienz bei Oz. Doch etwas war merkwürdig: Jeder sah ihn in einer anderen Gestalt. Dorothy sah einen riesigen Kopf, die Vogelscheuche eine schöne Dame, der Holzfäller ein furchterregendes Tier und der Löwe eine Feuerkugel.

Allen gab Oz dieselbe Antwort:

„Ich erfülle eure Wünsche, wenn ihr das Land von der bösen Hexe des Westens befreit.“

Die Freunde erschraken, doch sie sahen keinen anderen Weg. Also zogen sie nach Westen.

Die Hexe erfuhr schnell von ihnen und schickte ihnen ein Hindernis nach dem anderen entgegen. Die Reisenden hielten jedoch zusammen. Schließlich rief die Hexe die geflügelten Affen. Sie trennten die Freunde voneinander, und Dorothy wurde ins Schloss gebracht.

Die Hexe wollte unbedingt Dorothys silberne Schuhe haben, denn sie wusste, dass in ihnen eine besondere Kraft lag. Eines Tages gelang es ihr mit einer List, Dorothy einen Schuh abzunehmen.

Das Mädchen wurde wütend und griff nach einem Eimer Wasser.

„Gib ihn zurück!“

Das Wasser spritzte auf die Hexe. Da geschah etwas Unerwartetes: Sie begann zu schmelzen wie Schnee im Frühling.

„Wasser! Ich habe Wasser immer gefürchtet!“, rief die Hexe.

Wenig später blieben nur eine nasse Pfütze und ihre leeren Kleider zurück.

Dorothy freute sich nicht über den Untergang eines anderen, war aber erleichtert, dass die Gefahr vorbei war. Sie fand ihre Freunde und befreite sie, und die Bewohner des Westens dankten den Reisenden für ihre Freiheit.

Im Schloss fand Dorothy eine goldene Kappe, mit deren Hilfe man die geflügelten Affen dreimal rufen konnte. So kehrten die Freunde schnell in die Smaragdstadt zurück.

Doch Oz hatte es nicht eilig, sein Versprechen einzulösen.

Da lief Toto im Thronsaal hinter einen Vorhang und stieß ihn versehentlich um. Dahinter stand ein kleiner grauhaariger Mann.

„Wer sind Sie?“, fragte Dorothy erstaunt.

„Ich bin Oz“, gab er verlegen zu. „Aber ich bin kein großer Zauberer. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch. Vor langer Zeit bin ich mit einem Ballon hierhergekommen, und die Bewohner hielten mich für einen mächtigen Magier. Ich hatte Angst, sie zu enttäuschen, und ließ sie weiter daran glauben.“

Die Freunde waren zunächst enttäuscht.

„Dann werde ich niemals Verstand bekommen?“, fragte die Vogelscheuche.

Oz lächelte.

„Du hast schon so oft einen Ausweg aus Schwierigkeiten gefunden, dass du längst Verstand besitzt. Wenn du aber ein Zeichen dafür brauchst, gebe ich dir eines.“

Er füllte den Kopf der Vogelscheuche mit Kleie, Nadeln und Stecknadeln und nannte das ihr neues Gehirn.

Dem Blechholzfäller legte Oz ein kleines seidenes Herz in die Brust.

„Du hast dir in jeder Gefahr Sorgen um deine Freunde gemacht. Ist das nicht Beweis genug, dass du längst ein Herz hast?“

Dem Löwen gab er ein süßes Getränk und sagte:

„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, das Nötige zu tun, obwohl man sich fürchtet. Du warst schon viele Male mutig.“

Der Löwe trank und richtete sich stolz auf.

Für Dorothy dachte sich Oz einen anderen Plan aus. Er wollte einen Ballon bauen und gemeinsam mit ihr nach Kansas fliegen.

Am Tag der Abreise war alles bereit. Doch als Oz bereits im Korb stand, jagte Toto einer Katze hinterher. Dorothy lief los, um den Hund einzufangen. Die Seile hielten nicht, und der Ballon stieg ohne sie auf und schwebte davon.

Dorothy war den Tränen nahe.

„Jetzt bin ich schon wieder hiergeblieben!“

Da erfuhren die Freunde, dass im Süden die gute Zauberin Glinda lebte. Sie machten sich auf den Weg zu ihr. Unterwegs überwanden sie noch einige Hindernisse, und schließlich empfing Glinda sie in ihrem Palast.

Nachdem sie Dorothys Geschichte angehört hatte, lächelte sie.

„Du hättest von Anfang an nach Hause zurückkehren können. Die silbernen Schuhe tragen dich dorthin, wohin du willst.“

„Warum hat mir das niemand gesagt?“, fragte Dorothy erstaunt.

„Weil wir unsere eigene Kraft manchmal erst nach einem langen Weg erkennen.“

Nun war es Zeit, Abschied zu nehmen. Die Vogelscheuche umarmte Dorothy mit ihren weichen Armen. Der Blechholzfäller wischte sich eine Träne ab und griff gleich nach der Ölkanne, damit sie ihm nicht auf der Wange festrostete. Der Löwe versuchte tapfer auszusehen, doch auch er war traurig.

„Ich werde euch niemals vergessen“, sagte Dorothy. „Wir haben nach Verstand, Herz und Mut gesucht und entdeckt, dass all das unterwegs längst in uns gewachsen ist.“

Sie nahm Toto auf den Arm, schlug dreimal die Absätze ihrer silbernen Schuhe zusammen und dachte an ihr Zuhause.

Der Wind wirbelte um sie herum. Für einen Augenblick wurde alles leicht und still.

Dann stand Dorothy mitten in der Prärie von Kansas.

Tante Em lief ihr entgegen.

„Dorothy! Wo kommst du denn her?“

Das Mädchen umarmte sie fest.

„Aus dem Land Oz. Aber ich bin so froh, wieder zu Hause zu sein!“

Die silbernen Schuhe waren während der Zauberreise verloren gegangen. Dorothy bedauerte es nicht. Das Wichtigste hatte sie ganz ohne Magie mitgebracht: die Erinnerung an ihre Freunde und das Wissen, dass Verstand, Güte und Mut oft gerade dann wachsen, wenn man sie für andere einsetzt.

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