

Australien
Gwinerbus rotbrüstige Vögel
Vögel, Farbe, Natur, Ursprung
- Land
- Australien
- Alter
- 4–8 Jahre

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Gwinerbus rotbrüstige Vögel
Vor langer, langer Zeit lebten Gwinerbu und Gumai an einem breiten Bach, über dessen Wasser sich die Gräser neigten. Bei ihnen war ein kleiner Junge, der gern am Ufer entlanglief, den Fröschen lauschte, nach glatten Steinen suchte und zusah, wie silberne Fische im Wasser aufblitzten.
An jenem Morgen sammelten die Erwachsenen am Bach Nahrung, während der Junge in der Nähe spielte. Plötzlich sprang ein großes Känguru aus dem hohen Gras. Es war von einer langen Verfolgung erschöpft und blieb einen Augenblick am Wasser stehen.
Irgendwo in der Ferne hörte man die Stimmen zweier Jäger, Kwarrian und Gidjerig. Sie folgten dem Känguru und würden bald zum Bach kommen.
Gwinerbu und Gumai sahen einander an.
„Ich will nicht, dass sie alles für sich nehmen“, sagte Gumai leise. „Verstecken wir unseren Fund erst einmal. Dann überlegen wir, was wir tun.“
Das taten sie. Und der kleine Junge hatte alles gesehen.
Bald kamen Kwarrian und Gidjerig hinter den Büschen hervor.
„Habt ihr hier ein Känguru gesehen?“, fragte Kwarrian außer Atem.
„Nein“, antwortete Gumai viel zu schnell. „Wir waren die ganze Zeit am Wasser.“
„Ich habe es gesehen!“, rief der Junge fröhlich. „Es war genau hier!“
Gumai wurde unruhig.
„Leise, Kleiner“, flüsterte sie. „Unterbrich die Erwachsenen nicht.“
Um die Gäste abzulenken, lud sie sie ans Feuer ein. Alle redeten über den Weg, die Hitze und das Wasser. Doch der Junge verstand einfach nicht, warum er über etwas schweigen sollte, das er mit eigenen Augen gesehen hatte.
„Aber das Känguru …“, begann er wieder.
Gumai drehte sich heftig zu ihm um. Der Junge wich einen Schritt zurück, stolperte über eine Wurzel und landete im Gras. Neben ihm lagen zerdrückte rote Beeren, die er selbst zum Spielen gesammelt hatte. Ihr Saft verschmierte seine Hände und seine Brust und hinterließ einen leuchtend roten Fleck.
„Sieh nur, wie du jetzt aussiehst!“, sagte Gwinerbu und lachte, um die Anspannung zu lösen.
Doch der Junge zog die Stirn kraus.
„Ich habe nur die Wahrheit gesagt.“
Kwarrian und Gidjerig wechselten einen Blick. Sie taten so, als glaubten sie den Erwachsenen, verabschiedeten sich und gingen. Aber sie gingen nicht weit. Hinter den Bäumen versteckten sie sich und warteten.
Eine Weile verging. Gumai meinte, die Jäger seien längst weit weg.
„Jetzt können wir herausholen, was wir versteckt haben“, sagte sie.
Doch kaum begannen die Erwachsenen, das Abendessen zuzubereiten, kehrten Kwarrian und Gidjerig zurück.
„Also hat der Junge die Wahrheit gesagt“, stellte Kwarrian fest.
Gumai wurde vor Scham rot.
„Wir hatten Angst, dass ihr alles nehmt und nichts mit uns teilt“, gestand sie.
„Und wolltet ihr selbst denn teilen?“, fragte Gidjerig.
Darauf wusste zunächst niemand eine Antwort.
Der Streit wurde immer lauter. Jeder dachte nur daran, was er selbst getan hatte, und keiner wollte die Mühe der anderen sehen.
„Wir sind ihm von weit her nachgejagt!“, sagten die Jäger.
„Aber er kam zu unserem Bach!“, antwortete Gumai.
„Ich möchte nur, dass ihr alle aufhört zu streiten“, sagte der Junge leise.
Doch die Erwachsenen hörten ihn nicht.
Kwarrian und Gidjerig nahmen die Beute und setzten sich ein Stück weiter weg. Als der Junge zu ihnen kam und sie bat, mit ihm zu teilen, weigerten auch sie sich.
„Warum?“, wunderte er sich. „Eben wart ihr doch noch böse, weil jemand nicht mit euch teilen wollte.“
Die Jäger verstummten. Aber ihr Trotz war stärker als ihre Scham.
Inzwischen hatte sich der Himmel verändert. Zuerst zog eine schmale graue Wolke über die Ebene. Dann eine zweite. Der Wind drückte das Gras nieder, das Wasser im Bach wurde dunkel, und in der Ferne rollte Donner.
Gumai hob den Kopf.
„Ein Unwetter kommt. Wir brauchen einen Unterstand.“
Sie und Gwinerbu spannten schnell kräftige Zweige und Gras so zusammen, dass der Wind das Dach nicht fortreißen konnte. Der Junge half, so gut er konnte.
Schon fiel der Regen in großen Tropfen.
Gumai, die noch immer wütend auf die Jäger war, begann ein altes Lied über Wolken und Wind zu singen. Die Worte zogen über das Wasser, als trüge der Bach sie weiter:
„Wolke, komm, Wind, spiel dein Lied, Regen, tränke, was hier blüht.“
Als hätte es das Lied gehört, wurde das Unwetter noch lauter. Der Wind pfiff zwischen den Bäumen. Es donnerte so gewaltig, dass der Junge sich die Ohren zuhielt.
Kwarrian und Gidjerig liefen zum Unterstand.
„Lasst uns unter euer Dach!“, baten sie.
Gumai schüttelte den Kopf.
„Ihr wolltet doch selbst nicht teilen.“
Der Junge sah sie an, dann die nassen Jäger.
„Aber ein Dach bei einem Unwetter ist etwas anderes als ein Abendessen“, sagte er. „Wenn jemand Angst hat, muss für alle Platz sein.“
Diesmal hörten die Erwachsenen ihm zu.
Gwinerbu schob einen Zweig beiseite.
„Kommt herein.“
Die Jäger fanden bei den anderen Schutz. Drinnen war es eng, aber sicherer. Lange lauschten sie dem Regen, der auf das Grasdach trommelte.
„Wir waren ungerecht“, sagte Kwarrian schließlich.
„Wir auch“, antwortete Gumai. „Wir hätten gleich die Wahrheit sagen und uns einigen sollen.“
Da erhellte ein Blitz den Himmel so hell, dass der Bach, die Bäume und die Menschen für einen Augenblick silbern schimmerten. In alten Märchen vergeht ein solcher Augenblick niemals einfach so.
Als das Licht erlosch, standen Kwarrian und Gidjerig nicht mehr als Menschen am Unterstand, sondern als zwei große Vögel. Erstaunt breiteten sie ihre Flügel aus, kreisten über dem Bach und stiegen hoch in den Himmel.
Als das Unwetter vorüber war und wieder Sterne über der Erde erschienen, leuchteten zwischen ihnen scheinbar zwei neue Lichtpunkte. Die alten Erzähler sagten, das seien Kwarrian und Gidjerig. Von oben erinnerten sie an den Tag, an dem alle beinahe zerstritten geblieben wären, weil niemand teilen wollte.
Der Junge sah auf seine Brust. Der rote Beerenfleck war immer noch da.
„Den kann man abwaschen“, sagte Gumai.
„Oder bis morgen früh lassen“, erwiderte er lächelnd. „Damit wir daran denken, dass ich die ganze Zeit die Wahrheit gesagt habe.“
Alle lachten, diesmal ohne Groll.
Seitdem kommt einem diese alte Geschichte leicht wieder in den Sinn, wenn zwischen den australischen Büschen ein kleiner Vogel mit roter Brust aufblitzt.
Denn manchmal beginnt ein großer Streit damit, dass jemand eine kleine Wahrheit nicht sagen oder etwas nicht teilen will. Und manchmal kann sogar die Stimme eines Kindes den Streit beenden, wenn die Erwachsenen endlich bereit sind, zuzuhören.
