

Nigeria
Warum die Waldkuh und der Elefant keine Freunde sind
Elefant, Waldkuh, Missverständnisse, Tiere
- Land
- Nigeria
- Alter
- 5–9 Jahre

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Warum die Waldkuh und der Elefant keine Freunde sind
In einem grünen Land, dessen Pfade zwischen hohem Gras, Palmen und dichtem Gebüsch verliefen, wohnten einst der Elefant und die Waldkuh nicht weit voneinander entfernt.
Beide waren stark. Beide wussten das genau. Und gerade deshalb fiel es ihnen schwer, auch nur einen halben Schritt nachzugeben.
Der Elefant ging gern auf die breite Straße zum Markt, hob den Rüssel und trompetete laut:
„Wenn ich komme, weichen die Äste! Wenn ich auftrete, spürt die Erde meine Schritte! Wer im Wald ist stärker als ich?“
Meist lächelten die Tiere nur und gingen ihren Geschäften nach. Alle wussten längst, dass der Elefant gern prahlte.
Doch die Waldkuh ärgerte sich jedes Mal, wenn sie diese Worte hörte.
„Als ließe sich Stärke nur an der Größe messen!“, brummte sie. „Ich bin auch kräftig. Und schnell. Und mutig.“
Eines Tages begann der Elefant an der Wasserstelle wieder zu prahlen.
„Fällt ein Ast vor mir auf den Boden, werfe ich ihn mit dem Rüssel zur Seite! Versperrt ein Baumstamm den Pfad, schiebe ich ihn aus dem Weg!“
Da konnte sich die Waldkuh nicht länger zurückhalten.
„Und wenn ich auf dem Pfad stehe?“
Der Elefant drehte erstaunt seine großen Ohren zu ihr.
„Du?“
„Ich. Dann wollen wir doch sehen, wer wen zum Zurückweichen bringt.“
„Abgemacht!“, dröhnte der Elefant.
Die Tiere ringsum wurden unruhig.
„Streitet euch nicht“, sagte die Antilope. „Der Weg ist für alle da.“
„Stark ist nicht, wer alle anderen herumschubst“, fügte die alte Schildkröte hinzu.
Doch der Elefant und die Waldkuh hörten schon nicht mehr zu. Jeder wollte recht behalten.
Deshalb beschlossen sie, zum Dorfältesten zu gehen. Die Menschen in der Gegend achteten ihn wegen seiner besonnenen Art.
Der Älteste hörte beide an und schüttelte den Kopf.
„Ihr wollt also herausfinden, wer stärker ist?“
„Ja!“, antworteten sie gleichzeitig.
„Und wozu?“
Der Elefant dachte nach.
Die Waldkuh ebenfalls.
„Nun … damit es jeder weiß“, sagte schließlich der Elefant.
„Was soll jeder wissen?“
„Wer stärker ist“, wiederholte die Waldkuh, schon etwas weniger sicher.
Der Älteste seufzte.
„Wenn ihr eure Kräfte unbedingt messen wollt, kommt morgen auf die große Lichtung hinter dem Markt. Dort steht ihr niemandem im Weg. Aber merkt euch: Ihr knickt keine Bäume um, zertrampelt keine Gemüsebeete und erschreckt keine Passanten.“
„Einverstanden“, sagte der Elefant.
„Einverstanden“, sagte die Waldkuh.
Am nächsten Morgen wachte die Waldkuh sehr früh auf. Sie hatte es so eilig, zur Lichtung zu kommen, dass sie beschloss, gleich auf der Hauptstraße zu warten, statt dort, wo der Älteste es ihr aufgetragen hatte.
Sie stellte sich mitten auf den Weg, schob mit den Hörnern das trockene Laub auseinander und brüllte:
„Wo bleibt dieser Große, Riesengroße? Soll er doch kommen!“
Eine kleine Antilope mit einem Korb voller Früchte kam vorbei.
„Hast du den Elefanten gesehen?“, fragte die Waldkuh.
„Nein“, antwortete die Antilope. „Und außerdem möchte ich zum Markt durchgehen.“
Erst nach einem langen Seufzer rückte die Waldkuh zur Seite.
Dann kamen zwei Frauen mit Körben vorbei, mehrere Kinder und ein alter Mann mit einem Bündel Brennholz. Alle mussten durch das Gras einen Bogen um die „Kampfbahn“ der Kuh machen.
Schließlich hörte man in der Ferne:
„Trööööt!“
Der Elefant kam die Straße entlang. Auch er wollte zeigen, was er konnte. Als er die Waldkuh mitten auf dem Weg sah, blieb er stehen.
„Die Lichtung ist weiter hinten“, sagte er.
„Hast du Angst?“, stichelte sie.
„Ich? Angst?“
Der Elefant stampfte mit dem Fuß.
Die Waldkuh scharrte mit dem Huf.
Der Elefant machte einen Schritt vorwärts.
Die Waldkuh auch.
Noch einen Schritt.
Und noch einen.
Nun standen sie einander so nahe gegenüber, dass der Elefant das wütende Schnauben der Kuh hörte und sie seinen warmen Atem aus dem Rüssel spürte.
„Geh zur Seite“, sagte der Elefant.
„Geh du doch zur Seite.“
„Ich war zuerst auf diesem Stück Straße.“
„Aber ich habe schon vorher hier gewartet!“
Beide stürmten gleichzeitig vorwärts. Sie wollten einander nicht verletzen, sondern nur den anderen zurückdrängen. Doch sie hatten so viel Kraft, dass trockenes Laub aufwirbelte, ein leerer Korb umkippte und mehrere junge Pflanzen am Weg zu Boden gedrückt wurden.
Die Passanten blieben in sicherer Entfernung stehen.
„Ihretwegen kommen wir nicht zum Markt!“, riefen die Menschen besorgt.
Von einem Baum aus beobachtete der Affe das Ganze.
„Das muss ich dem Ältesten sagen“, beschloss er.
Er flitzte über die Äste davon. Doch unterwegs entdeckte er eine reife Frucht.
„Nur einen kleinen Bissen“, dachte er.
Er aß einen Bissen.
Dann noch einen.
Er sah einen glänzenden Kiesel und drehte ihn in den Pfoten. Er fand einen langen Stock und versuchte, ihn auf der Nase zu balancieren. Er entdeckte einen Schmetterling und hüpfte ihm hinterher.
Als er endlich beim Ältesten ankam, hatte er vergessen, warum er losgerannt war.
„Guten Morgen, Affe“, sagte dieser. „Ist etwas geschehen?“
„Natürlich ist etwas geschehen!“, rief der Affe. „Nur … was war es gleich?“
Der Älteste gab ihm ein Stück Kochbanane und wollte sich schon wieder seiner Arbeit zuwenden, als er sagte:
„Seltsam, dass der Elefant und die Waldkuh noch nicht auf der Lichtung sind.“
Der Affe hielt mit vollen Backen inne.
„Elefant! Kuh! Straße!“, plapperte er los. „Sie streiten mitten auf dem Weg zum Markt! Niemand kommt durch!“
Der Älteste machte sich sofort auf den Weg.
Als er eintraf, waren der Elefant und die Waldkuh schon müde. Beide schnauften, beide waren staubig, aber keiner wollte als Erster zurückweichen.
„Genug“, sagte der Älteste ruhig.
Niemand rührte sich.
„Ich sagte: genug.“
Diesmal ließ der Elefant den Rüssel sinken, und die Waldkuh hörte auf, mit dem Huf im Boden zu scharren.
Der Älteste deutete auf die Straße.
„Ihr wolltet zeigen, wer stärker ist. Gezeigt habt ihr nur, dass zwei Sturköpfe einem ganzen Dorf den Weg versperren können.“
Der Elefant schaute hinter sich und sah die Menschen mit ihren Körben.
Die Waldkuh bemerkte die niedergedrückten Pflanzen und den umgekippten Korb.
„Aber wer hat gewonnen?“, fragte sie leise.
„Seht ihr das denn nicht?“, antwortete der Älteste. „Heute haben alle verloren. Ihr habt eure Kräfte vergeudet, die Menschen haben Zeit verloren, die Pflanzen haben Schaden genommen, und der Markt hat ohne die Hälfte der Käufer angefangen.“
Der Elefant ließ die Ohren hängen.
Die Waldkuh schaute weg.
„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte der Elefant.
„Was starke Menschen und Tiere tun, wenn sie einen Fehler gemacht haben: Sie bringen wieder in Ordnung, was sie angerichtet haben.“
Der Elefant hob mit dem Rüssel den umgekippten Korb auf und räumte die abgebrochenen Äste vom Weg. Die Waldkuh trat die aufgewühlte Erde wieder fest und machte den Pfad frei. Gemeinsam richteten sie die jungen Pflanzen auf. Dann ließen sie alle Passanten vorbei.
„Geht ihr zuerst“, sagte der Elefant.
„Wir warten“, fügte die Waldkuh hinzu.
Als die Straße leer war, sahen sie sich wieder an.
„Ich finde trotzdem, dass ich sehr stark bin“, sagte der Elefant.
„Und ich finde trotzdem, dass du zu viel davon redest“, antwortete die Waldkuh.
„Und ich finde, dass du viel zu schnell wütend wirst.“
„Und du trompetest zu laut.“
Sie stritten noch ein wenig weiter, aber sie schubsten sich nicht mehr.
Große Freunde wurden der Elefant und die Waldkuh auch danach nicht. Ging einer zur Wasserstelle, nahm der andere oft einen anderen Pfad. Begegneten sie sich im Wald, musterten sie einander misstrauisch.
Doch die Worte des Ältesten hatten sie sich gemerkt: Stärke ist nicht dazu da, andere zum Zurückweichen zu zwingen. Manchmal ist es schwerer, selbst einen Schritt zur Seite zu machen und Platz für alle zu lassen, als jemanden aus dem Weg zu schieben.
Und der Affe sprach von da an wichtige Nachrichten unterwegs immer laut vor sich hin:
„Elefant, Kuh, Straße! Elefant, Kuh, Straße!“
Denn selbst die nützlichste Aufgabe kann vergessen werden, wenn man sich unterwegs von jeder reifen Frucht ablenken lässt.
