

Norwegen
Warum das Meer salzig ist
Meer, Zaubermühle, Maßhalten, Erklärung eines Naturphänomens
- Land
- Norwegen
- Alter
- 5–9 Jahre

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Warum das Meer salzig ist
Es lebten einmal zwei Brüder. Der ältere hatte ein großes Haus, volle Vorratskammern und einen ansehnlichen Hof. Der jüngere war arm, aber fleißig und gutherzig.
An einem Winterabend war im Haus des jüngeren Bruders fast nichts mehr für das Festessen übrig. Also ging er zum älteren und bat um etwas Essen für seine Familie.
Der ältere Bruder teilte nicht gern. Er brummte lange vor sich hin und brachte schließlich ein Stück getrocknetes Fleisch.
„Hier, nimm. Aber wenn du schon um Hilfe bittest, tu mir einen Gefallen: Bring dieses Stück dorthin, wo der Pfad hinter dem alten Berg hinführt. Man sagt, dort gibt es eine seltsame Behausung unter der Erde. Vielleicht geben ihre Bewohner dir etwas dafür.“
Der jüngere Bruder wunderte sich, aber er gab sein Wort und machte sich auf den Weg.
Hinter dem Berg begegnete er einem grauhaarigen Holzfäller, der neben einem großen Feuer Holzscheite hackte.
„Wohin gehst du so spät noch?“, fragte der Alte.
Der Mann erzählte ihm alles.
Der Holzfäller nickte.
„Ich kenne die Behausung. Ihre Bewohner lieben Festessen. Sie werden dich um deinen Leckerbissen bitten. Gib ihn nicht für Geld her. Verlange stattdessen die kleine Handmühle, die hinter der Tür steht.“
„Eine Mühle?“, fragte der Mann. „Wozu brauche ich die?“
Der Alte lächelte.
„Weil es keine gewöhnliche Mühle ist. Sag ihr, was du brauchst, dreh die Kurbel, und sie beginnt zu mahlen. Aber das Wichtigste ist nicht, sie in Gang zu setzen, sondern zu wissen, wie man sie anhält.“
Er beugte sich vor und flüsterte dem Mann die kurzen Worte zu, mit denen sich die Mühle zum Schweigen bringen ließ.
Der jüngere Bruder dankte ihm und ging weiter.
Bald sah er Licht. In einem gemütlichen Saal hinter steinernen Türen saßen kleine wundersame Bewohner der Unterwelt. Als sie den Leckerbissen sahen, freuten sie sich.
„Verkauf ihn uns!“
„Geld möchte ich nicht“, antwortete der Mann. „Gebt mir dort die kleine Mühle.“
Die Bewohner sahen einander an. Zunächst wollten sie sich nicht von dem magischen Gegenstand trennen, doch schließlich willigten sie ein.
Der Mann nahm die Mühle und eilte nach Hause.
In der Hütte wartete seine Familie auf ihn.
„Ist das alles?“, fragten sie erstaunt, als sie die kleine Mühle sahen.
„Das werdet ihr gleich sehen.“
Der Mann stellte sie auf den Tisch.
„Mahl uns ein sauberes Tischtuch, Kerzen und ein gutes Abendessen.“
Er drehte die Kurbel.
Zuerst kam unter dem Mühlstein der Rand eines weißen Tischtuchs hervor. Dann erschienen Kerzen, Brot, warme Speisen, Äpfel und Nüsse.
„Genug!“ Der Mann sprach die geheimen Worte.
Sofort hielt die Mühle an.
Noch nie hatte es in dem Haus ein so fröhliches Abendessen gegeben. Doch der Hausherr verlangte keine Berge aus Gold von der Mühle. Er mahlte nur, was wirklich gebraucht wurde, und teilte mit den Nachbarn.
Einige Zeit verging. Der ältere Bruder sah, dass es dem jüngeren nun gut ging, und wurde schrecklich neugierig.
„Woher kommt dein Wohlstand?“
Der Jüngere verheimlichte nichts und zeigte ihm die Zaubermühle.
Der ältere Bruder wollte sie sofort für sich haben.
„Verkauf sie mir!“
„Für jemanden, der kein Maß kennt, ist sie gefährlich“, warnte der Jüngere.
Aber der Ältere drängte so sehr, dass sie sich schließlich einigten: Er durfte die Mühle für einen einzigen Tag mitnehmen.
Nur hörte er in seiner Eile nicht bis zu Ende zu, als sein Bruder die Worte zum Anhalten erklärte.
Zu Hause stellte er die Mühle auf den Tisch und rief:
„Mahl mir einen großen Kessel dicke Suppe!“
Die Mühle brummte.
Ein Kessel erschien. Dann ein zweiter. Die Suppe lief über den Rand, über den Tisch, auf die Bank und auf den Boden.
„Genug! Schluss! Halt!“, schrie der Hausherr.
Doch die Mühle mahlte weiter.
Bald musste er die Tür öffnen, damit nicht die ganze Küche mit Suppe volllief.
Der ältere Bruder rannte zum jüngeren.
Der kam, sprach die geheimen Worte, und die Mühle verstummte augenblicklich.
„Verstehst du es jetzt?“, fragte er.
Der ältere Bruder sah in die Küche, wo selbst die Stiefel in der Suppe schwammen, und nickte schweigend.
Von da an hörte er bei guten Ratschlägen genauer zu.
Mit der Zeit wurde die Zaubermühle weit über das Dorf hinaus berühmt. Eines Tages hörte ein Schiffskapitän von ihr.
„So eine hätte ich gern an Bord!“, sagte er. „Auf langen Reisen fehlt immer irgendetwas.“
Er bot einen guten Preis für die Mühle. Ihr Besitzer war einverstanden, begann aber zu erklären:
„Denkt daran: Es gibt besondere Worte, um sie anzuhalten …“
Der Kapitän hatte es schon eilig, zum Hafen zu kommen.
„Ich werde schon dahinterkommen!“, sagte er und winkte ab.
Das Schiff stach in See.
Nach ein paar Tagen sagte der Koch:
„Kapitän, unser Salz geht aus.“
Der Kapitän freute sich.
„Dafür haben wir ja unsere Zaubermühle!“
Er stellte sie auf Deck.
„Mahl Salz!“
Die Mühle raschelte.
Weißes Salz rieselte heraus. Erst bildete es ein kleines Häufchen. Dann einen ganzen Berg.
„Genug!“, sagte der Kapitän.
Die Mühle hielt nicht an.
„Halt! Hör auf! Schluss mit dem Mahlen!“
Immer weiter rieselte das Salz.
Die Matrosen griffen zu Schaufeln und warfen es über Bord. Doch die Mühle arbeitete schneller.
Das Schiff wurde immer schwerer.
„In die Boote!“, befahl der Kapitän.
Alle Seeleute schafften es in die Rettungsboote und ruderten weit genug weg. Das alte Schiff aber versank langsam mit der Zaubermühle im Wasser.
Die Matrosen erreichten glücklich das Ufer.
Die Mühle, so erzählt das alte norwegische Märchen, liegt noch immer auf dem Meeresgrund.
Sie mahlt und mahlt Salz, weil niemand jemals die richtigen Worte gesprochen hat, um sie anzuhalten.
Darum ist das Meer salzig.
