

Australien
Gulawilil und die Schopftauben
Tauben, Vögel, Natur, Ursprung
- Land
- Australien
- Alter
- 4–8 Jahre

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Gulawilil und die Schopftauben
Vor sehr langer Zeit, so erzählt eine alte australische Geschichte, lebte der junge Gulawilil. Er war klug, aufmerksam und hatte außergewöhnlich geschickte Hände. Sobald er einen interessanten Zweig, ein Stück Rinde oder einen Tropfen erstarrten Pflanzengummis sah, kam ihm sofort eine neue Idee.
Doch Gulawilil hatte eine Gewohnheit, die seiner Familie manchmal das Leben schwer machte: Er versprach sehr gern mehr, als er tun wollte.
Jeden Morgen gingen die Erwachsenen und die älteren Kinder auf Nahrungssuche. Manche sammelten Wurzeln und Samen, manche suchten Früchte, und andere entfernten sich weiter vom Lager.
„Heute bringe ich auch etwas Nützliches mit“, sagte Gulawilil jedes Mal.
„Gut“, antwortete seine Mutter. „Denk nur daran: Wenn alle zusammenarbeiten, muss jeder seinen Teil tun.“
Gulawilil nickte und ging ins Gebüsch.
Manchmal hörte die Familie von Weitem seine Stimme:
„Da ist es! Da ist es!“
„Gulawilil hat wohl etwas fürs Abendessen gefunden“, dachten alle.
Doch am Abend kam er mit leeren Händen zurück.
„Und?“, fragten sie ihn.
„Fast hätte es geklappt“, antwortete der Junge. „Morgen bringe ich bestimmt etwas mit.“
Das wiederholte sich mehrere Male.
In Wirklichkeit war Gulawilil nicht untätig. Er hatte ein Geheimnis. Er hatte einen Baum gefunden, aus dem zäher Pflanzengummi quoll. Der wurde fest, in warmen Händen wieder weich und ließ sich wunderbar formen.
Gulawilil sammelte nach und nach etwas davon und begann zu modellieren.
Zuerst machte er vier Beine.
Dann einen kräftigen Schwanz.
Dann den Körper, den Kopf und die Ohren.
Tag für Tag entstand vor ihm ein kleines Känguru. Es sah so echt aus, dass man es von Weitem leicht mit einem jungen Tier verwechseln konnte.
Gulawilil bewunderte sein Werk.
„Das wird eine Überraschung!“, sagte er zu sich selbst.
Eines Morgens verkündete er seiner Familie feierlich:
„Heute bringe ich ganz bestimmt ein Känguru mit!“
Alle freuten sich.
„Dann versuchen wir auch, besonders viel pflanzliche Nahrung zu finden“, sagte seine Mutter. „Am Abend haben wir ein gutes gemeinsames Essen.“
Gulawilil lief zu seinem Versteck. Er machte die Figur fertig, hob sie auf und trug sie zum Lager.
Jemand entdeckte ihn von Weitem.
„Schaut! Gulawilil trägt wirklich ein Känguru!“
Im Lager begann ein fröhliches Durcheinander. Die einen legten ihre Früchte zusammen, die anderen breiteten Samen und Wurzeln aus, und die Kleinsten warteten auf die Älteren.
Doch plötzlich schämte Gulawilil sich.
Er blieb in der Nähe stehen, stellte seine Figur unter einen Baum und kam selbst mit leeren Händen zur Familie.
„Wo ist denn das Känguru?“, fragte seine Schwester.
„Da drüben“, sagte Gulawilil und winkte mit der Hand.
Zwei Kinder liefen zum Baum.
Einen Augenblick später hörte man von dort ein erstauntes Lachen.
„Das ist kein echtes Känguru! Das ist eine Figur!“
Sie brachten sie ins Lager.
Die Figur war wirklich wunderbar. Sie hatte lange Hinterbeine, kleine Vorderpfoten, einen kräftigen Schwanz und aufmerksam aufgestellte Ohren.
„Hast du das selbst gemacht?“, fragte die Mutter erstaunt.
Gulawilil richtete sich ein wenig auf.
„Selbst.“
„Du hast wirklich geschickte Hände“, sagte sie. „Aber warum hast du uns glauben lassen, dass du Essen mitbringst?“
Gulawilil schwieg.
„Ich habe doch gesagt, dass ich ein Känguru mitbringe“, murmelte er schließlich. „Und ich habe ein Känguru mitgebracht. Nur eben eines aus Pflanzengummi.“
Seine ältere Schwester schüttelte den Kopf.
„Ein schöner Einfall. Aber wenn die Familie auf deine Hilfe zählt, darf dein Versprechen kein Rätsel und kein Scherz sein.“
Gulawilil sah alle an. Jeder hatte etwas zum gemeinsamen Abendessen mitgebracht. Manche nur sehr wenig, aber sie hatten etwas mitgebracht.
Ihm wurde ganz unbehaglich.
„Ich wollte euch überraschen“, sagte er. „Und das Modellieren hat mir so viel Spaß gemacht.“
„Du darfst modellieren“, antwortete die Mutter. „Das ist eine schöne Gabe. Aber zuerst erledigen wir gemeinsam, was alle brauchen. Danach bleibt auch Zeit für deine Figuren.“
Am nächsten Tag ging Gulawilil nicht mehr allein los.
„Ich komme mit euch“, sagte er zu seinen Brüdern und Schwestern.
Sie brachen gemeinsam auf. Einer entdeckte Samen, ein anderer wusste, wo man essbare Wurzeln fand, und ein dritter trug das Gesammelte. Auch Gulawilil schaute aufmerksam umher und half.
Es zeigte sich, dass die Arbeit gemeinsam leichter war. Übersah jemand etwas, machte ein anderer ihn darauf aufmerksam. Wurde jemandem die Last zu schwer, teilten sie sie auf. Und unterwegs konnten sie reden, lachen und den Vögeln zuhören.
Am Abend kam Gulawilil mit vollen Händen zurück.
„Jetzt hast du wirklich geholfen“, sagte seine Mutter.
Nach dem Essen holte er etwas Pflanzengummi hervor und begann eine neue Figur.
„Was wird es diesmal?“, fragten die Kinder.
„Das seht ihr, wenn ich fertig bin“, antwortete Gulawilil lächelnd. „Aber diesmal ist es kein Ersatz für mein Versprechen.“
Seitdem blieb er öfter bei seinen Verwandten. Und die alte Geschichte erzählt, dass Gulawilil und seine Familie sich daran gewöhnten, gemeinsam umherzuziehen.
Darum sieht man auch heute die Schopftauben, die in dieser Geschichte Gulawilil heißen, oft in Schwärmen statt einzeln. Gemeinsam steigen sie in die Luft, gemeinsam suchen sie Nahrung und gemeinsam setzen sie sich zur Ruhe.
Das Märchen hinterlässt uns einen einfachen Gedanken: Begabung und Fantasie sind wunderbare Dinge. Noch wertvoller werden sie, wenn Ehrlichkeit, Verantwortung und die Bereitschaft hinzukommen, an einer gemeinsamen Aufgabe mitzuwirken.
