

Dänemark
Das alte Haus
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Dänemark
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 12 Min.

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Das alte Haus
In einer Stadtstraße stand ein sehr altes Haus.
Nicht einfach alt, sondern so alt, dass auf dem dicken Holzbalken über der Tür ein Datum eingeschnitzt war, das fast dreihundert Jahre zurücklag.
Neben den Zahlen hatte ein Handwerker Tulpen, Hopfenblätter und lustige Gesichter ins Holz geschnitzt. Über einem Fenster lächelte eine Figur, über einem anderen runzelte jemand die Stirn, und ein dritter kleiner Holzmann sah aus, als müsse er jeden Augenblick niesen.
Ringsum waren längst neue Häuser entstanden.
Sie hatten glatte helle Wände, große Fenster und glänzende Türen.
Wenn Häuser sprechen könnten, hätten die neuen vielleicht gesagt:
„Wie lange will dieses alte Ding eigentlich noch mitten in unserer schönen Straße stehen?“
Und das alte Haus hätte vermutlich geantwortet:
„Ich stand schon hier, als eure Urgroßväter noch nicht einmal auf einem Stadtplan eingezeichnet waren. Also nur keine Eile.“
Gegenüber wohnte ein kleiner Junge.
Von allen Häusern in der Straße mochte er das alte am liebsten.
Tagsüber betrachtete er die Risse in den Mauern und stellte sich vor, es seien Karten ferner Länder.
Am Abend sah er das spitze Dach im Mondlicht und dachte an all die Menschen, die vor langer Zeit über die breiten Treppen gegangen waren, als es weder sein eigenes Haus noch die vertrauten Geschäfte der Straße gab.
Im alten Haus lebte ein älterer Mann.
Am Morgen kam ein Helfer vorbei, räumte auf, brachte Einkäufe und erledigte kleine Besorgungen.
Den Rest des Tages war der Mann allein.
Manchmal trat er ans Fenster.
Der Junge winkte ihm zu.
Der alte Mann winkte zurück.
So lernten sie einander kennen, noch bevor sie ein einziges Wort miteinander gesprochen hatten.
Eines Tages hörte der Junge seine Eltern reden.
„Der Mann im Haus gegenüber hat alles, was er braucht“, sagte seine Mutter. „Aber ich glaube, er ist sehr einsam.“
Der Junge dachte darüber nach.
Er besaß zwei kleine Zinnsoldaten.
Sie standen immer nebeneinander auf einem Regal, gleich groß, gerade und ernst.
Am nächsten Sonntag wickelte der Junge einen der Soldaten in Papier und wartete auf den Helfer des alten Mannes.
„Bitte geben Sie das dem Herrn.“
„Was ist denn darin?“
„Gesellschaft.“
Der Helfer öffnete eine Ecke des Papiers und lächelte.
„Eine sehr gute Gesellschaft.“
Noch am selben Tag kam eine Einladung.
Der alte Mann wollte sich persönlich bedanken.
Die Eltern erlaubten dem Jungen, hinüberzugehen.
Er überquerte die Straße und stand vor der hohen Tür.
Für einen Moment glaubte er, die geschnitzten Trompeter über dem Eingang würden ihre Backen aufblasen und rufen:
„Tra-ta-ta! Ein Gast kommt!“
Die Tür öffnete sich.
Innen sah alles völlig anders aus als in den neuen Häusern.
An den Wänden hingen Bilder von Rittern in Rüstungen und Damen in altmodischen Kleidern.
Die Holztreppen stiegen erst hinauf und führten dann plötzlich wieder ein paar Stufen hinunter.
Dahinter lag ein Balkon, auf dem Gras durch die Ritzen wuchs.
Alte Blumentöpfe standen überall, und rosa Nelken hatten sich so ausgebreitet, als hätten sie längst beschlossen, selbst über den Garten zu bestimmen.
„Die Sonne hat mich geküsst“, schien eine Nelke zu flüstern. „Am Sonntag blühe ich. Wartet nur ab!“
Im Zimmer standen hohe Stühle mit geschnitzten Lehnen.
„Setz dich, setz dich“, knarrte einer.
„Aber vorsichtig, meine Knie sind alt“, hätte ein anderer antworten können.
Der Junge musste lachen.
Am Fenster saß der Hausherr.
„Danke für den Soldaten, mein kleiner Freund“, sagte er. „Und noch mehr danke ich dir dafür, dass du selbst gekommen bist.“
Der Zinnsoldat stand bereits auf einer Kommode und sah so ernst drein, als wäre er zum Kommandanten des ganzen Hauses ernannt worden.
An der Wand hing das Porträt einer jungen Frau.
Sie trug ein altmodisches Kleid und hatte einen so freundlichen Blick, dass der Junge sofort fragte:
„Wer ist das?“
Der alte Mann schwieg einen Augenblick.
„Jemand, den ich vor sehr langer Zeit kannte. Sie lebt schon viele Jahre nicht mehr. Aber manchmal genügt ein Blick auf dieses Bild, und ich erinnere mich wieder an ihre Stimme, ihr Lachen, an einen Sommertag oder an eine Kleinigkeit, an die sich sonst niemand mehr erinnert.“
Unter dem Bild lag ein getrockneter Blumenstrauß.
Die Farben waren längst verblasst, doch der Mann bewahrte ihn sorgfältig auf.
Der Junge fragte vorsichtig:
„Meine Mutter sagt, dass Sie sehr allein sind.“
Der alte Mann lächelte.
„Es ist oft still. Das stimmt. Aber meine alten Gedanken kommen mich besuchen.“
„Gedanken kommen zu Besuch?“
„Aber natürlich. Manchmal klopfen sie nicht einmal. Sie setzen sich einfach zu dir, breiten einen ganzen Tag aus der Vergangenheit vor dir aus, und plötzlich siehst du wieder etwas, das längst vorbei ist.“
Er holte ein großes Buch mit Bildern.
Darin waren alte Feste, Handwerkerfahnen, Umzüge, seltsame Hüte, Musiker und Reiter zu sehen.
„Daran erinnere ich mich“, sagte der Mann bei einem Bild. „Alle warteten auf den Festzug. Dann kam ein solcher Regen, dass der Trommler seine Trommel unter dem Mantel versteckte und selbst völlig durchnässt wurde.“
Der Junge lachte.
Später aßen sie Äpfel, Nüsse und Marmelade.
Das alte Haus wirkte nun überhaupt nicht mehr traurig.
Nur der Zinnsoldat war anderer Meinung.
Als der Hausherr kurz ins Nebenzimmer ging, sagte der Soldat leise:
„Hier ist es viel zu still.“
Der Junge staunte.
„Du kannst sprechen?“
„Natürlich. Es gibt nur selten einen Grund, das zu zeigen. Ich vermisse dein Zuhause. Dort laufen Kinder herum, Türen schlagen, jemand singt, jemand verliert eine Socke. Hier tickt die Uhr so laut, als wäre sie das Einzige, das im ganzen Haus arbeitet.“
„Aber du bist doch ein Geschenk. Du leistest dem alten Mann Gesellschaft.“
„Und wer leistet mir Gesellschaft?“
Der Junge dachte nach.
„Vielleicht Erinnerungen?“
„Ich habe noch nicht genug davon.“
In diesem Moment kam der alte Mann zurück.
Der Zinnsoldat setzte sofort wieder sein ernstes Gesicht auf.
Der Junge begann, den Mann häufiger zu besuchen.
Er ging über die Straße, die alte Tür öffnete sich, die geschnitzten Trompeter spielten in seiner Vorstellung ihr „Tra-ta-ta“, und eine neue Geschichte begann.
Eines Tages öffnete der alte Mann ein Klavier.
Es klang ein wenig heiser.
„Es ist nicht mehr jung“, erklärte er.
„Macht nichts“, sagte der Junge. „Ich singe auch nicht besonders gut.“
Der Mann spielte eine einfache Melodie.
Dann sah er zum Porträt der jungen Frau.
„Sie kannte dieses Lied.“
Und er sang ganz leise.
Der Zinnsoldat hörte lange zu.
Dann flüsterte er:
„Nein. Ich will trotzdem zurück.“
Beim nächsten Besuch versuchte er von der Kommode zu springen.
„Warte!“, flüsterte der Junge.
Zu spät.
Der Soldat fiel auf den Boden, klirrte und verschwand in einem schmalen Spalt zwischen den alten Dielen.
Der Junge beugte sich hinunter.
„Bist du da?“
„Hier!“, kam es ganz leise zurück.
Er und der alte Mann suchten lange.
Sie leuchteten mit einer Lampe unter die Möbel und klopften die Bretter ab.
Doch der Spalt war zu eng und der Boden sehr alt.
„Eines Tages finden wir ihn“, sagte der alte Mann.
„Ganz bestimmt“, sagte der Junge.
Der Winter kam.
Schnee setzte sich auf die geschnitzten Blumen über der Tür. Frost malte Muster auf die Fenster.
Der Junge wischte ein kleines rundes Loch in die beschlagene Scheibe und schaute hinüber.
Eines Tages blieb das Fenster des alten Hauses dunkel.
Am nächsten Tag ebenfalls.
Seine Eltern erklärten ihm, dass der alte Mann gestorben war.
Der Junge stand lange am Fenster.
Er war traurig.
Er dachte an Äpfel und Nüsse, an das heisere Klavier, das Bilderbuch, die getrockneten Blumen und den Satz über Gedanken, die zu Besuch kommen.
„Nun werden diese Gedanken zu mir kommen“, dachte er.
Bald wurde das alte Haus ausgeräumt.
Ein Teil der Dinge ging an Verwandte, anderes wurde verkauft.
Auch das Porträt der jungen Frau verschwand irgendwohin.
Im Frühling beschloss man, das Haus abzureißen. Es war zu alt geworden, und eine Reparatur wäre nicht mehr sicher gewesen.
Der Junge sah zu, wie die vertrauten Wände verschwanden.
Es fühlte sich an, als ginge mit ihnen eine ganze Welt verloren.
An derselben Stelle wurde später ein neues Haus gebaut.
Davor blieb ein kleiner Garten.
Viele Jahre vergingen.
Der Junge wurde erwachsen.
Er heiratete.
Und eines Tages zog er mit seiner Frau genau in das neue Haus ein, das dort stand, wo früher das alte gewesen war.
Im kleinen Garten pflanzten sie Blumen.
Seine Frau drückte die Finger in die weiche Erde und zuckte plötzlich zurück.
„Hier ist etwas Hartes.“
Vorsichtig grub sie weiter.
Eine kleine Hand aus Zinn kam zum Vorschein.
Dann ein Helm.
Dann die ganze vertraute Figur.
„Schau, wen ich gefunden habe!“
Der Mann nahm den Soldaten in die Hand und erstarrte.
„Das kann nicht sein.“
„Kennst du ihn?“
„Als Kind hatte ich zwei solcher Soldaten. Einen davon schenkte ich einem alten Mann, der früher hier wohnte.“
Und er begann zu erzählen.
Vom Haus mit den geschnitzten Gesichtern.
Von den Trompetern über der Tür.
Von den Nelken auf dem Balkon.
Von den alten Stühlen.
Vom Porträt der jungen Frau und den getrockneten Blumen.
Vom Hausherrn, den seine Erinnerungen besuchen kamen.
Und vom Soldaten, der ein lautes Zuhause vermisst hatte, von der Kommode sprang und zwischen den Dielen verschwand.
Seine Frau wischte den Soldaten mit einem Tuch sauber.
„Dann könnte er wirklich derselbe sein.“
„Nach all den Jahren.“
„Umso besser. Jetzt ist er wieder da.“
Sie stellten den Zinnsoldaten auf ein Regal im Wohnzimmer.
Dort war es überhaupt nicht still.
Gäste kamen.
In der Küche klapperte Geschirr.
Im Garten sangen Vögel.
Manchmal spielte Musik.
Und wenn der Zinnsoldat wirklich sprechen konnte, sagte er vielleicht eines Abends ganz leise:
„Das gefällt mir schon besser.“
Am liebsten hörte er vermutlich die Geschichte über das alte Haus.
Denn jedes Mal, wenn sein Besitzer sie jemandem erzählte, kehrte das Haus für einen Augenblick zurück.
Die hohen Treppen standen wieder da.
Nelken bewegten ihre Blätter auf dem Balkon.
Das Klavier spielte seine heisere Melodie.
Und am Fenster saß ein älterer Mann und sagte:
„Meine alten Gedanken kommen mich besuchen.“
Nun verstand der Junge, der längst erwachsen geworden war, diese Worte.
Erinnerungen können die Zeit nicht anhalten.
Sie bringen alte Häuser und Menschen nicht genauso zurück, wie sie einmal waren.
Aber sie können die Wärme einer Begegnung, eine Stimme, ein Lied, eine lustige Geschichte oder ein kleines Geschenk bewahren.
Und deshalb verschwindet niemand, an den wir uns mit Liebe erinnern, spurlos aus unserer Geschichte.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
