

Ukraine
Das Entlein mit dem verletzten Bein
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Ukraine
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

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Das Entlein mit dem verletzten Bein
Ein alter Mann und seine Frau wohnten in einem kleinen Häuschen. Ihr Gemüsegarten war gepflegt, an den Fenstern blühten Malven und Minze. Abends saßen sie auf der Bank vor der Tür und hörten den Grillen im Gras zu.
Alles war in guter Ordnung. Nur Kinder hatten sie keine. Deshalb wurde es im Haus manchmal allzu still.
An einem Sommermorgen sagte der alte Mann:
„Komm, wir gehen Pilze sammeln. Dann füllen wir unseren Korb und werden auch wieder ein bisschen fröhlicher.“
Sie gingen zwischen den Kiefern entlang, sammelten Täublinge und Steinpilze. Plötzlich hörte die alte Frau ein leises Rascheln unter einem Busch.
„Schau einmal hierher.“
Im Gras saß ein kleines Entlein. Seine Federn glänzten in der Sonne. Ein Bein war verletzt, deshalb hatte der Vogel seiner Schar nicht folgen können.
„Das arme Kleine“, seufzte die Frau. „Wir lassen es doch nicht allein.“
Vorsichtig nahm der Mann das Entlein auf den Arm. Zu Hause machten sie ihm ein weiches Nest aus trockenem Gras und einem Stück Leinen. Daneben stellten sie ein Schälchen mit Wasser und Korn.
Einige Tage vergingen. Das Entlein kam zu Kräften, hinkte aber noch ein wenig.
Einmal gingen die beiden wieder in den Wald. Als sie am Abend heimkehrten, staunten sie: Der Boden war gefegt, auf dem Tisch lag eine saubere Tischdecke, aus dem Ofen duftete frisches Brot, und im Topf dampfte Borschtsch.
„Hast du vor unserem Weggehen gekocht?“, fragte der Mann.
„Nein, natürlich nicht!“
Am nächsten Tag geschah dasselbe. Während die beiden fort gewesen waren, hatte jemand das Haus aufgeräumt, Fäden gesponnen und gefüllte Teigtaschen gemacht.
Eine Nachbarin, die gerade Wasser holen ging, erzählte:
„Ich habe eine fremde junge Frau an eurem Brunnen gesehen. Sie war schön, hatte einen langen Zopf und trug ein weißes Hemd. Nur beim Gehen hinkte sie ein wenig.“
Die Alten sahen einander an.
„Wie sonderbar.“
Sie wollten unbedingt erfahren, wer ihnen im Haushalt half. Am nächsten Morgen taten sie so, als gingen sie weit fort. In Wahrheit kehrten sie leise zurück und versteckten sich am Fenster.
Im Haus war es still. Dann kam das Entlein aus seinem Nest und schüttelte die Flügel. Da geschah ein Wunder: Wo eben noch der Vogel gestanden hatte, erschien eine junge Frau.
Sie räumte das Haus auf, setzte Teig an, nahm einen Eimer und ging zum Brunnen.
Die alte Frau drückte die Hände an ihr Herz.
„Das ist ja unser Entlein!“
„Dann ist es wohl verzaubert.“
Plötzlich bekamen die beiden Angst.
„Was, wenn sie eines Tages davonfliegt?“, flüsterte die Frau. „Dann sind wir wieder allein.“
Sie glaubten, ohne das Entennest könnte die junge Frau sich nicht mehr in einen Vogel verwandeln. Ohne mit ihr zu sprechen, trugen sie das Nest hinaus und verbrannten das trockene Stroh.
Als die junge Frau mit dem Wasser zurückkam, verstand sie sofort, was geschehen war.
Sie stellte den Eimer auf die Erde und schwieg lange.
„Warum habt ihr das getan?“, fragte sie schließlich leise.
„Wir hatten Angst, dich zu verlieren“, antwortete die alte Frau. „Wir haben uns daran gewöhnt, deine Schritte im Haus zu hören, dein Lachen und deine Arbeit. Wir wollten, dass du für immer bleibst.“
Traurig schüttelte die junge Frau den Kopf.
„Wenn ihr mich einfach gebeten hättet, wäre ich noch lange bei euch geblieben. Ihr habt mich gerettet, als ich nicht fliegen konnte, und dafür war ich euch von Herzen dankbar. Aber Güte darf nicht zu einem Schloss an der Tür werden. Man kann jemanden, den man liebt, nicht festhalten, indem man seinen Weg nach Hause zerstört.“
Die Alten schämten sich.
„Verzeih uns, liebes Kind“, sagte der Mann. „Wir haben unvernünftig gehandelt.“
Die junge Frau umarmte sie beide.
„Ich bin euch nicht böse. Aber jetzt muss ich gehen.“
Sie bat darum, ihr ein Spinnrad und eine Spindel zu bringen. Dann setzte sie sich in den Hof und begann, einen feinen Faden zu spinnen.
Bald hörte man am Himmel ein vertrautes Rauschen. Eine Schar Enten flog über das Haus.
Sie sahen die junge Frau und riefen:
„Flieg mit uns! Flieg mit uns!“
„Ich kann nicht“, antwortete sie. „Meine Flügel sind noch nicht bei mir.“
Die Enten flogen tiefer und ließen jede eine Feder zu ihr hinabfallen. Dann zogen sie weiter.
Hinter ihnen kam eine zweite Schar. Auch sie ließ einige Federn zurück.
Als die dritte Schar über dem Haus erschien, hob die junge Frau den Kopf. Es waren dieselben Enten, mit denen sie einst über den Wald geflogen war, bis sie sich am Bein verletzt hatte und zurückgeblieben war.
Sie kreisten über dem Hof, als riefen sie die junge Frau nach Hause.
Sie sammelte die Federn auf und legte sie an ihre Schultern. Wieder geschah ein Wunder. Statt der jungen Frau stand im Gras dasselbe kleine Entlein. Doch nun war sein Bein gesund, und seine Flügel waren kräftig.
Es ging zu den Alten und berührte mit seinem Schnabel zuerst die Handfläche der Frau, dann die Hand des Mannes.
„Leb wohl, unser kleiner Vogel“, flüsterte die Frau. „Flieg dorthin, wo es dir gut geht.“
Das Entlein schlug mit den Flügeln, stieg über das Haus hinauf und schloss sich seiner Schar an.
Lange sahen die beiden ihm nach, bis am Himmel nur noch ein schmaler silberner Strich zu erkennen war.
Seitdem stellten sie jeden Herbst eine Schale Wasser für die Zugvögel neben den Brunnen. Wenn Entenscharen über das Dorf flogen, lächelte die alte Frau.
„Vielleicht ist unser Entlein auch dabei.“
Und der alte Mann antwortete:
„Lass es fliegen. Es ist gut, wenn jemand, den man liebt, den Weg nach Hause kennt.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
