Cover: Das geheimnisvolle Buch

Philippinen

Das geheimnisvolle Buch

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Philippinen
Alter
7–11 Jahre
Dauer
8 Min.
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Das geheimnisvolle Buch

Der alte Pedro lebte mit seinem Sohn Juan in einer kleinen Hütte.

Sie besaßen wenig.

Pedro konnte nicht mehr so viel arbeiten wie früher.

Juan dagegen mochte Arbeit überhaupt nicht.

Er träumte lieber, beobachtete Wolken, hörte Geschichten von Reisenden und stellte sich vor, eines Tages würde das Glück einfach an seine Tür klopfen.

Eines Morgens schüttete Pedro die letzten Reiskörner auf seine Hand.

„Mein Sohn, träumen ist schön. Aber von Träumen erscheint kein Mittagessen im Topf.“

Juan wurde verlegen.

Er liebte seinen Vater.

Nun verstand er, dass er nicht länger warten durfte.

„Ich suche mir Arbeit.“

In der Nachbarstadt lebte ein wohlhabender Mann namens Don Lusano.

Er brauchte einen Helfer.

Juan begann Zimmer zu reinigen, Wasser zu tragen, den Garten zu pflegen und Besorgungen zu erledigen.

Anfangs fiel ihm alles schwer.

Doch Tag für Tag wurde er geschickter.

Don Lusano bemerkte es und vertraute ihm immer mehr.

„In diesem Haus gibt es Dinge, die man ohne Erlaubnis nicht berühren darf“, sagte er eines Tages. „Ich vertraue darauf, dass du das beachtest.“

„Ja.“

Die Zeit verging.

Eines Morgens fuhr Don Lusano fort.

Juan blieb zurück, um sein Zimmer aufzuräumen.

In einer dunklen Ecke hinter einer Holzsäule blitzte etwas.

Juan sah näher hin.

Dort stand ein kleiner, wunderbar polierter Kasten.

„Ich schaue nur hinein.“

Er hob den Deckel.

Darin lag ein zweiter Kasten.

Juan öffnete ihn.

Dann einen dritten.

Einen vierten.

Einen fünften.

Einen sechsten.

Im siebten lag ein kleines Buch in einer seltsamen dreieckigen Form.

Der Einband glänzte golden.

An den Rändern funkelten Edelsteine.

Juan erstarrte.

Er erinnerte sich genau an das Versprechen.

Nichts ohne Erlaubnis berühren.

Doch seine Neugier flüsterte:

„Nur einmal öffnen. Niemand erfährt es.“

Juan öffnete das Buch.

Die Seiten begannen von selbst zu rauschen.

Luft wirbelte um ihn herum.

Das Buch hob ihn vom Boden.

„Halt! Wohin willst du?“

Doch schon trug es ihn aus dem Haus und über die Straße.

Genau da kam Don Lusano zurück.

Als er die geöffneten Kästen sah, verstand er sofort.

Denn Don Lusano war nicht nur reich.

Er kannte alte Zauberkunst.

Das Buch war sein kostbarster Besitz.

„Juan!“

Er eilte hinterher.

Das Buch flog schnell.

Doch Don Lusano kannte seine Geheimnisse besser.

Juan blätterte hektisch.

Auf einer Seite las er:

„Wer das Wort dieses Buches versteht, kann für kurze Zeit die Gestalt dessen annehmen, dessen Bild er im Kopf hält.“

„Ein Pferd!“

Im selben Moment rannte statt Juan ein kleines schnelles Pferd über die Straße.

Hinter ihm donnerten Hufe.

Don Lusano hatte sich in ein großes Maultier verwandelt.

„Dann... ein Vogel!“

Juan flog als kleiner glänzender Vogel in die Luft.

Hinter ihm erschien ein großer Falke.

Juan stürzte nach unten.

Er sah einen Brunnen.

„Ein Fisch!“

Platsch!

Schon schwamm ein kleiner siebenfarbiger Fisch im Wasser.

Don Lusano verwandelte sich in einen großen Raubfisch und tauchte hinterher.

Doch Juan fand einen schmalen Spalt in der Steinwand.

Dort passte nur er hinein.

Der große Verfolger kam nicht durch.

Lange kreiste Don Lusano um den Brunnen.

Schließlich gab er für diesen Tag auf.

Der Brunnen stand im Garten des königlichen Palastes.

Drei Prinzessinnen kamen oft dorthin.

Eines Tages entdeckten sie den wunderbaren Fisch, dessen Schuppen in sieben Farben glänzten.

Die älteste versuchte ihn anzulocken.

Er blieb fern.

Die mittlere hielt einen Korb hin.

Der Fisch kam näher und glitt wieder davon.

Als die jüngste Prinzessin sich über das Wasser beugte, schwamm er freiwillig zu ihren Händen.

„Du bist wunderschön. Hab keine Angst. Ich tue dir nichts.“

Sie setzte ihn in eine große goldene Schale mit sauberem Wasser in ihrem Zimmer.

Die Wochen vergingen.

Die Prinzessin bemerkte, dass der Fisch ihre Worte verstand.

War sie traurig, kam er näher.

Lachte sie, schwamm er in Kreisen.

Eines Abends, als niemand im Zimmer war, wurde aus dem Fisch wieder Juan.

Die Prinzessin trat erschrocken zurück.

„Keine Angst. Ich wollte nicht in den Palast. Ich bin vor einem Zauberer geflohen.“

Juan erzählte alles.

Von seinem Vater.

Von der Arbeit.

Von der verbotenen Schachtel.

Von seiner Neugier.

Und von dem geheimnisvollen Buch.

„Dann begann diese ganze Schwierigkeit damit, dass du das Vertrauen deines Herrn gebrochen hast“, sagte die Prinzessin.

Juan senkte den Kopf.

„Ja. Das verstehe ich inzwischen sehr gut.“

Sie erlaubte ihm, in Fischgestalt zu bleiben, bis die Gefahr vorbei war.

Am Abend, wenn die Türen geschlossen waren, redeten sie häufig miteinander.

Doch Don Lusano vergaß das Buch nicht.

Er fand heraus, wo Juan sich versteckte.

Bald verbreitete sich die Nachricht, die jüngste Prinzessin sei blass und unruhig geworden.

Don Lusano erschien im Palast.

„Ich weiß, wie sie wieder Ruhe findet. Ich verlange weder Gold noch Land. Gebt mir nur den siebenfarbigen Fisch in ihrem Zimmer.“

Der König wunderte sich.

„Nur den Fisch?“

„Nur ihn.“

Der König wollte bereits zustimmen.

Die Prinzessin verstand jedoch, warum Don Lusano gekommen war.

Als er die Hände nach der goldenen Schale ausstreckte, sagte sie:

„Berührt das Wasser nicht. Ich gebe Euch den Fisch selbst.“

Sie neigte die Schale.

Der Fisch glitt zum Rand.

Dann sprang er heraus.

Blink!

Auf dem Finger der Prinzessin lag plötzlich ein goldener Ring.

Don Lusano griff danach.

Der Ring fiel auf den Boden und zerfiel in eine Handvoll Mungbohnen.

„Aha!“

Don Lusano wurde zu einer Krähe und begann die Bohnen aufzupicken.

Eine einzige rollte unter den Saum des Kleides der Prinzessin.

Darin versteckte sich Juan.

„Jetzt!“

Aus der Bohne wurde eine große Katze.

Sie sprang vor die Krähe, miaute laut und hob die Pfote.

Die Krähe erschrak so sehr, dass sie zur Decke flog, durch das Zimmer flatterte und aus dem offenen Fenster verschwand.

Im selben Moment leuchtete das Zauberbuch golden auf.

Seine Seiten schlossen sich.

Don Lusano verstand:

Die Verfolgung war vorbei.

Die Macht, mit der er Juan zurückholen wollte, war gebrochen.

Die Katze verwandelte sich wieder in Juan.

Der König blickte von ihm zu seiner Tochter.

„Kann mir bitte jemand erklären, warum dieses Zimmer eben voller Fische, Ringe, Bohnen, Krähen und Katzen war?“

Die Prinzessin lachte und erzählte alles.

Juan suchte keine Ausrede.

„Ich habe mein Wort gebrochen und etwas genommen, das ich nicht nehmen durfte. Deshalb geriet ich in Schwierigkeiten. Ich möchte das Buch zurückgeben und mich entschuldigen.“

Der König nickte.

„Gut, dass du nicht nur Zauberei, sondern auch Verantwortung gelernt hast.“

Das geheimnisvolle Buch wurde sicher verwahrt, bis man einen geschützten Ort dafür fand.

Juan kehrte zu seinem Vater zurück.

Er wartete nicht mehr darauf, dass das Glück von selbst an die Tür klopfte.

Er arbeitete, half Pedro und behandelte Vertrauen als etwas Kostbares.

Die Prinzessin und Juan vergaßen einander nicht.

Ihre Freundschaft blieb bestehen.

Als beide älter waren, entschieden sie selbst, gemeinsam zu leben.

Juan aber erinnerte sich sein ganzes Leben lang an eine einfache Wahrheit:

Die größten Geheimnisse öffnen sich nicht demjenigen, der ohne Erlaubnis jeden Deckel hebt.

Sondern demjenigen, der lernt, Vertrauen zu verdienen.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨