Cover: Das Glücksei

Estland

Das Glücksei

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Estland
Alter
6–10 Jahre
Dauer
8 Min.
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Das Glücksei

Am Rand eines großen estnischen Waldes lebte eine arme Familie.

Im Haus war immer etwas los. Die Kinder wuchsen heran, die Älteren arbeiteten, die Jüngeren halfen, und das Brot auf dem Tisch musste sorgfältig geteilt werden.

Als der jüngste Sohn geboren wurde, überlegte der Vater lange, wen er als Paten bitten könnte.

Die Nachbarn lebten selbst bescheiden und scheuten zusätzliche Verpflichtungen.

Am Sonntag trug der Vater das Kind zur Kirche.

Unterwegs traf er einen alten Reisenden.

„Guter Mann“, sagte er, „viel Geld habe ich nicht. Aber ich kann dich bitten, einen wichtigen Tag mit uns zu teilen. Möchtest du Pate meines Sohnes werden?“

Der Wanderer staunte.

Dann lächelte er breit.

„Das hat mich noch niemand gefragt. Sehr gern.“

Vor der Kirche hielt gerade eine schöne Kutsche.

Eine wohlhabende junge Frau stieg aus.

Der Vater fasste Mut und stellte ihr dieselbe Frage.

Zu seiner Überraschung sagte auch sie zu.

So bekam der Junge, den man Pärtel nannte, zwei ungewöhnliche Paten:

eine reiche Dame und einen armen Wanderer.

Nach der Taufe half die Dame der Familie mit Geld.

Der Wanderer dagegen holte vor seinem Abschied ein kleines in Stoff gewickeltes Kästchen hervor.

„Mein Geschenk sieht bescheiden aus“, sagte er zu Pärtels Mutter. „Aber bewahrt es gut auf. Eines Tages kann es wichtiger werden als Gold.“

In der Schachtel lag ein winziges Vogelei.

„Das ist ein Glücksei. Seine Schale ist sehr zerbrechlich. Prüft seine Kraft nicht aus Neugier. Es soll warten, bis Pärtel wirklich weiß, wofür er es braucht.“

Die Jahre vergingen.

Pärtel wurde ein stiller, aufmerksamer Junge.

Mit zehn Jahren begann er auf einem wohlhabenden Hof im Nachbardorf zu helfen und das Vieh zu hüten.

Seine Mutter gab ihm das kleine Kästchen.

„Bewahr es gut. Es stammt von deiner Taufe.“

Auf der Weide stand eine alte Linde.

Unter ihr lag ein großer glatter Stein.

Daneben floss eine kleine Quelle.

Pärtel liebte diesen Ort sofort.

Hier aß er sein Brot, lauschte den Blättern und spielte auf einem kleinen Instrument.

Andere Hirten liefen um die Wette und erfanden laute Spiele.

Pärtel konnte stundenlang unter der Linde sitzen und hören, wie der Wald auf seine Melodien antwortete.

Manchmal schlief er auf dem warmen Stein ein.

Dann träumte er von silbernen Treppen zwischen Bäumen, blauem Licht, leisem Glockenklang und einer Stimme, die ihn von weit her rief.

Pärtel wurde älter.

Doch zur Linde kam er weiterhin.

Eines Sommerabends, während er spielte, kroch unter dem Stein eine milchweiße Schlange hervor.

Pärtel erstarrte.

Die Schlange ebenfalls.

Sie hob den Kopf und sah ihn mit klaren glänzenden Augen an.

„Hörst du meiner Musik zu?“, fragte Pärtel leise.

Die Schlange antwortete natürlich nicht.

Aber sie floh auch nicht.

Am nächsten Abend kam sie wieder.

Und am folgenden.

Bald kroch sie ganz nah heran.

Pärtel versuchte nie, sie zu fangen.

Er spielte nur.

Die Schlange hörte zu.

Der Winter kam.

Lange sah Pärtel seine seltsame Zuhörerin nicht mehr.

Im Frühling, sobald der Schnee verschwunden war, ging er wieder zur Linde.

Auf seine Musik hin erschien die weiße Schlange.

Diesmal wirkte sie traurig.

„Ist etwas passiert?“

Sie blickte ihn nur an und verschwand unter dem Stein.

In der Nacht des Sommerfestes tanzte und sang das ganze Dorf.

Pärtel war ebenfalls dort.

Doch nach einiger Zeit verließ er die Menge und ging zur alten Linde.

Neben dem Stein leuchteten zwei kleine Punkte.

Die Augen der weißen Schlange.

Pärtel setzte sich und begann zu spielen.

Um Mitternacht bewegte der Wind die Blätter.

Im Rauschen hörte er Worte:

„Zerbrechlich ist die Schale des Glückseis, doch Prüfungen können stark sein. Verpass nicht den guten Augenblick.“

Pärtel hörte auf zu spielen.

Die Welt um ihn herum wurde heller.

Neben dem Stein stand nun keine Schlange.

Dort stand eine junge Frau in weißem Gewand.

„Hab keine Angst“, sagte sie. „Seit langer Zeit bin ich durch einen alten Zauber an diesen Stein gebunden. Nur selten darf ich für kurze Zeit menschliche Gestalt annehmen. Du bist der Erste, der mich nicht vertrieben hat, als er mich als Schlange sah. Du kamst nicht wegen eines Schatzes. Du warst einfach freundlich.“

„Wie kann ich dir helfen?“

„Morgen bei Sonnenuntergang werde ich wieder zur weißen Schlange. Ich komme ganz nah zu dir. Wenn du aus Angst nicht zurückweichst, wird der Zauber schwächer. Um ihn ganz zu lösen, braucht es einen Gegenstand, der schon lange auf seinen Augenblick wartet.“

Pärtel dachte sofort an das Kästchen.

„Das Glücksei?“

Die junge Frau nickte.

Am nächsten Tag war Pärtel von früh bis spät unruhig.

Doch als die Sonne den Waldrand berührte, ging er zur Linde und hielt das winzige Ei in der Hand.

Die weiße Schlange glitt unter dem Stein hervor.

Langsam kam sie näher.

Sie wickelte sich vorsichtig um Pärtels Arm wie ein weißes Band.

Sein Herz schlug schneller.

„Ich weiß, wer du bist“, flüsterte er. „Und ich habe keine Angst vor dir.“

Er legte das Glücksei vor die Schlange.

Die Schale begann golden zu leuchten.

Einmal rauschte der Wind durch die Bäume.

Dann klingelte die Quelle wie ein kleines Glöckchen.

Beim dritten Mal flammte über dem Stein warmes Licht auf.

Pärtel schloss die Augen.

Als er sie wieder öffnete, war die Schlange verschwunden.

Die junge Frau stand vor ihm.

Hinter ihr schimmerte dort, wo die Linde gestanden hatte, ein durchsichtiges Tor aus blauem Licht.

„Der Zauber ist vorbei. Du hast mir meine Freiheit zurückgegeben.“

Sie gingen durch das Tor.

Dahinter lag ein wundersamer Palast.

Seine Wände glänzten wie Eis in der Sonne.

Im Garten wuchsen silberne Blumen.

„Das war einst mein Zuhause. Auch dieser Ort hat darauf gewartet, dass der Zauber endet.“

Sie zeigte Pärtel Säle, Gärten und eine Bibliothek.

Dann sagte sie:

„Du kannst in dein Dorf zurückkehren. Oder du bleibst als Gast, solange du möchtest. Ich kann dir deine Freundlichkeit nicht mit Reichtum bezahlen. Güte lässt sich nicht kaufen. Aber ich möchte, dass du nun selbst über deinen Weg entscheidest.“

Pärtel schwieg lange.

Er dachte an die Weide, die Quelle, die Linde, die Musik und all die Jahre, in denen er gespürt hatte, dass in der Nähe ein Geheimnis lebte, das man nicht gewaltsam öffnen durfte.

„Ich bleibe“, sagte er. „Nicht wegen des Palastes. Ich möchte sehen, wie dieser Ort jetzt wird, da du frei bist.“

Die Zeit verging.

Aus ihrer Freundschaft wurde eine tiefe Verbundenheit.

Später entschieden beide, gemeinsam zu leben.

Die Menschen im Dorf suchten noch lange nach der alten Linde und dem Stein.

An der bekannten Stelle fanden sie nur weiches Gras.

Auch die Quelle schien im Boden verschwunden zu sein.

An stillen Sommerabenden aber hörte man manchmal aus dem Wald eine ferne Melodie.

Dann sagten die Älteren zu den Kindern:

„Nicht jedes Glück kommt in einer goldenen Truhe. Manchmal ist es klein wie ein Vogelei. Und das Schwerste ist nicht, es zu greifen, sondern es zu bewahren, bis man weiß, wofür man es wirklich braucht.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨