Cover: Das goldene Mädchen

Armenien

Das goldene Mädchen

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Armenien
Alter
6–10 Jahre
Dauer
13 Min.
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Das goldene Mädchen

Ein Bruder und eine Schwester verloren ihre Mutter, als sie noch klein waren. Später heiratete ihr Vater erneut.

Die neue Hausherrin mochte die Kinder nicht. Ihr schien, als brauchten sie immer zu viel Brot, zu viel Platz am Feuer und zu viel Aufmerksamkeit ihres Vaters. Tag für Tag beklagte sie sich und sagte zu ihrem Mann:

„Bring sie weit fort. Sie sollen ihr eigenes Glück suchen.“

Der Vater widersetzte sich lange. Doch er war ein schwacher Mann und gab schließlich nach.

Eines Morgens sagte er zu den Kindern:

„Kommt mit in die Berge. Wir sammeln Reisig und suchen eine Quelle.“

Die Kinder ahnten nichts. Sie nahmen etwas Brot mit und folgten ihm. Der Weg führte immer höher. Die Steine waren von der Sonne warm, und der Wind roch nach Thymian und trockenem Gras.

Weit von zu Hause breitete der Vater seinen Mantel auf dem Boden aus.

„Setzt euch hierhin und ruht euch aus. Ich gehe nur ein Stück weiter und sehe nach Wasser.“

Er ging und kam nicht zurück.

Die Sonne sank bereits, als die Schwester die Wahrheit verstand. Sie zog ihren jüngeren Bruder an sich.

„Hab keine Angst. Zusammen finden wir einen Weg. Das Wichtigste ist, dass wir uns nicht trennen.“

Sie gingen bergab, doch bald bat der Junge um Wasser.

„Schwester, ich kann nicht mehr. Nur einen Schluck!“

In einer Kuhspur glitzerte eine kleine Pfütze.

„Trink nicht daraus“, bat die Schwester. „Halte noch etwas durch. Das Wasser steht, und wer weiß, welche Zauber hier in den Bergen unterwegs sind.“

Der Bruder gehorchte.

Weiter fanden sie Wasser in einer Pferdespur.

„Auch daraus lieber nicht“, sagte die Schwester. „Wir finden bestimmt eine Quelle.“

Der Junge seufzte, ging aber weiter.

Als jedoch Wasser in der kleinen Spur eines Lammes schimmerte, war sein Durst stärker als die Vorsicht.

„Nur einen Schluck“, flüsterte er und beugte sich hinunter.

Kaum berührte er das Wasser mit den Lippen, wirbelte warmer Wind um ihn. Die Schwester schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, stand neben ihr ein kleines weißes Lamm.

„Bruder!“

Das Lamm blökte leise und drückte sich an ihre Knie. In seinen Augen erkannte sie den vertrauten Blick.

„Gut“, sagte sie und schluckte die Tränen hinunter. „Ich lasse dich trotzdem nicht allein.“

So gingen sie weiter: ein Mädchen und sein Bruder als Lamm.

Am Abend fanden sie den Weg nach Hause. Der Vater wurde bleich, als er sie an der Tür sah, doch die Stiefmutter zog nur die Stirn kraus.

„Jetzt bringt ihr auch noch ein Lamm mit! Wir haben doch schon genug Sorgen.“

Das Mädchen stritt nicht. Am nächsten Morgen nahm es eine Spindel, etwas Brot und führte das Lamm in die Berge, wo viel Gras wuchs. Wenn ihr Bruder im Haus nicht willkommen war, wollte sie wenigstens die Tage mit ihm draußen verbringen.

Wochen vergingen.

Eines Tages saß das Mädchen an einem Felsen und spann. Plötzlich glitt die Spindel aus ihren Fingern, rollte über die Steine und verschwand in einer dunklen Felsspalte.

„Das fehlt mir noch. Ohne sie lässt mich die Stiefmutter nicht ins Haus.“

Sie ließ das Lamm am Eingang grasen und stieg vorsichtig hinab. Hinter einem schmalen Gang lag eine große Höhle. In ihrer Mitte saß eine grauhaarige alte Frau mit freundlichen, aber sehr aufmerksamen Augen.

„Wie bist du hierher gekommen, Kind?“

Das Mädchen verbeugte sich.

„Ich weiß es nicht, Großmutter. Vielleicht hat mich das Schicksal geführt. Meine Spindel ist hinuntergefallen, und ich suche sie.“

Die Alte lächelte.

„Ein höfliches Wort öffnet Türen, die man nicht sieht. Komm herein. Deine Spindel findet sich.“

Sie gab dem Mädchen Wasser, Brot und duftende Kräuter. Dann sagte sie:

„Ich ruhe mich ein wenig aus. Bald ziehen zwei Zauberlichter an unserer Höhle vorbei, das rote und das grüne. Wenn du sie siehst, weck mich. Klingel nur sanft mit diesem kleinen Kupferglöckchen.“

„Gut.“

Die Alte schlief ein.

Nach einer Weile füllte rotes Licht die Höhle, als wäre dort ein Sonnenaufgang entstanden. Dann wurde das Rot von einem weichen Grün abgelöst, wie junges Gras nach Regen.

Das Mädchen klingelte.

Die Alte erwachte, nahm sie an der Hand und führte sie zu einem Bach tief in der Höhle.

„Wasch dich mit diesem Wasser. Dann stell dich ins Licht und erschrick nicht.“

Das Mädchen gehorchte.

Das rote Leuchten berührte ihre Schultern, das grüne glitt durch ihr Haar. Aus der Dunkelheit rieselten goldene Funken. Sie brannten nicht, sondern schimmerten wie Sonnenstaub.

Als das Licht verging, trug das Mädchen ein sauberes Festkleid, und ihr Haar leuchtete warm golden.

„Das ist keine Belohnung für Schönheit“, sagte die alte Frau, als hätte sie ihre Gedanken gelesen. „Es ist ein Zeichen dafür, dass du selbst in schweren Tagen Güte und Fürsorge für einen Schwächeren bewahrt hast. Vergiss nicht: Gold im Haar ist wertlos, wenn das Herz leer ist.“

Sie gab ihr die Spindel zurück, schenkte ihr ein kleines Garnknäuel und führte sie hinaus.

Das Lamm wartete bereits und sprang fröhlich auf.

„Ich bin es, Bruder“, lachte sie. „Hab keine Angst.“

Zu Hause konnte die Stiefmutter kaum glauben, was sie sah. Sie fragte, wo das Mädchen gewesen sei. Das Mädchen erzählte ehrlich alles.

Am nächsten Tag schickte die Stiefmutter ihre eigene Tochter zur Höhle.

„Mach alles genau so. Und komm noch prächtiger zurück.“

Das Mädchen fand die Höhle, wollte aber weder grüßen noch der alten Frau helfen. Es fragte nur:

„Wann kommt das Gold? Wo ist das Zauberwasser? Wie viel bekomme ich?“

Als die Zauberlichter erschienen, klingelte es so laut, dass das Glöckchen beinahe aus seiner Hand fiel.

Die Alte schüttelte traurig den Kopf.

„Zauber mögen weder Hast noch Gier.“

Das rote und das grüne Licht zogen vorbei. Statt goldener Funken fiel grauer Höhlenstaub auf das Mädchen. Ihr Kleid bekam Flecken, das Haar wurde zerzaust. Wütend lief sie heim. Bis zum nächsten Morgen ließ sich alles wieder reinigen und kämmen, aber magisches Gold bekam sie nicht.

Bald kündigte der Palast ein großes Fest an. Ein junger Fürst wollte Menschen aus verschiedenen Orten kennenlernen. Falls er unter den Gästen jemanden traf, mit dem er sein Leben teilen wollte, würde er selbst um ihre Hand bitten.

Die Stiefmutter bereitete ihre Tochter vor. Dem goldenen Mädchen schüttete sie einen Sack Weizen auf den Boden, vermischt mit winzigen Samen.

„Du gehst erst, wenn du jedes Korn sortiert hast.“

Das Mädchen setzte sich hin. Die Arbeit hätte den ganzen Tag gedauert.

Da schaute ein Huhn zum Fenster herein. Hinter ihm kam ein zweites, dann ein drittes, und bald gackerte im Hof eine ganze Schar.

„Gack, gack! Nicht traurig sein!“

Die Hühner pickten die Körner rasch auseinander und ließen ordentliche Häufchen zurück.

Das Mädchen bedankte sich, zog sein Zauberkleid an und ging ebenfalls zum Fest.

Im Palast spielte Musik, Laternen leuchteten, im Garten plätscherten Brunnen. Der Fürst bemerkte die unbekannte junge Frau nicht zuerst wegen ihres goldenen Haars, sondern weil sie einem kleinen Kind half, heruntergefallene Äpfel aufzusammeln.

Sie kamen ins Gespräch.

„Ich habe dich noch nie gesehen“, sagte der Fürst.

„Ich bin selten in Palästen“, antwortete sie. „In den Bergen gibt es deutlich mehr Schafe als Musiker.“

Er lachte.

„Dann erzählst du mir von den Bergen?“

Sie redeten lange. Doch das Mädchen wusste, dass die Stiefmutter vielleicht früher nach Hause kommen würde, also verabschiedete es sich und eilte fort.

Beim Laufen durch den Garten glitt ein goldener Schuh von ihrem Fuß und blieb am Brunnen liegen. Sie bemerkte es nicht.

Der Fürst fand den Schuh. Er erinnerte sich an ihre Unterhaltung und wollte sie wiedersehen.

Am nächsten Tag zog er von Haus zu Haus. Als die Stiefmutter hörte, dass er näherkam, versteckte sie das goldene Mädchen in einer kühlen Kammer unter der Küche.

„Sei still.“

Doch der Hahn setzte sich auf den Zaun und krähte:

„Kikeriki! Ihr sucht am falschen Ort! Die Besitzerin des Schuhs wartet unter der Küche!“

„Was für ein redseliger Hahn“, staunte der Fürst.

Er bat, die Kammer zu öffnen. Das goldene Mädchen trat heraus.

Der Schuh passte, als wäre er nach Hause zurückgekehrt.

Der Fürst lächelte.

„Ich habe nicht die Besitzerin eines Schuhs gesucht. Ich habe die Gesprächspartnerin gesucht, die mir noch von den Bergen erzählen wollte. Möchtest du mit in den Palast kommen? Nicht weil du musst, sondern weil du es selbst willst.“

Das Mädchen blickte zu dem Lamm, das hinter der Tür hervorsah.

„Nur wenn mein Bruder mitkommt.“

„Natürlich.“

So zog das goldene Mädchen mit seinem Bruder in den Palast. Mit der Zeit merkten sie und der Fürst, dass sie gern zusammenlebten, und feierten Hochzeit.

Die Stiefmutter konnte jedoch nicht ertragen, dass sie keine Macht mehr über das Mädchen hatte.

Eines Tages erschien sie im Palast und gab sich freundlich.

„Komm mit ans Meer. Wir lassen die alten Kränkungen hinter uns.“

Das goldene Mädchen wollte glauben, dass Menschen sich ändern können, und ging mit.

Am Ufer führte die Stiefmutter sie auf einen glatten Felsvorsprung. Als eine Welle stieg, stieß sie das Mädchen plötzlich in Richtung Wasser.

Das Mädchen verlor das Gleichgewicht und fiel ins Meer.

Doch das Meer wollte sie nicht behalten. Aus der Tiefe kam ein gewaltiger Fisch. Er öffnete sein Maul und nahm das Mädchen in einen magischen Raum auf, in dem Luft war und blaues Licht glomm.

Die Stiefmutter kehrte in den Palast zurück und erzählte von einem Unglück. Doch der Fürst spürte, dass ihre Geschichte nicht stimmte.

Jeden Abend schwamm der große Fisch nahe ans Ufer. Das goldene Mädchen hörte die Glocken der kleinen Küstenkirche und rief eines Tages dem Glöckner zu:

„Guter Mann! Wenn du mich hörst, sag dem Fürsten: Ich lebe. Und bitte ihn, auf das weiße Lamm aufzupassen. Es ist mein Bruder.“

Der Glöckner glaubte zunächst, er bilde sich die Stimme ein. Am nächsten Abend hörte er sie wieder und lief zum Palast.

Der Fürst kam sofort ans Meer. Als der Fisch erschien, stellte er sich ans Ufer.

„Wenn du sie beschützt hast, danke ich dir. Lass sie nun zu uns zurück.“

Der Fisch stieg mit einer Welle empor. Das Wasser leuchtete, sein Maul öffnete sich, und das goldene Mädchen trat auf den nassen Sand, müde, aber unverletzt.

Das Lamm war als Erstes bei ihr.

„Bruder!“, rief sie und umarmte seinen Hals.

Nun kam die Wahrheit ans Licht. Die Stiefmutter konnte ihre Tat nicht länger leugnen. Niemand tat ihr oder ihrer Tochter Gewalt an, aber beide mussten den Palast verlassen und alles zurückgeben, was sie sich ungerecht angeeignet hatten. Fern von den Menschen, die sie getäuscht hatten, mussten sie ein neues Leben beginnen.

Das goldene Mädchen, der Fürst und das weiße Lamm lebten zusammen. Für das Lamm wurde im Palastgarten eine große grüne Wiese angelegt, und die junge Frau besuchte es jeden Tag, genau wie früher in den Bergen.

Sie vergaß die Worte der alten Frau in der Höhle nie: Goldener Glanz bedeutet nichts, wenn das Herz andere nicht schützen kann.

Man erzählt, als diese Geschichte zum ersten Mal erzählt wurde, seien drei Äpfel vom Himmel gefallen: einer für den Erzähler, einer für den Zuhörer und einer für den Menschen, der selbst in schweren Zeiten seine Güte bewahrt.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨