

Dänemark
Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Dänemark
- Alter
- 7–12 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern
Der letzte Abend des Jahres war bitterkalt. Schnee lag auf den Dächern, den Fensterbänken, den steinernen Treppen und in den schmalen Straßen der Stadt. Die Menschen eilten nach Hause. Hinter den Fenstern brannten schon Kerzen, es duftete nach Abendessen, und fröhliche Stimmen waren zu hören.
Ein kleines Mädchen ging langsam die Straße entlang. In seiner alten Schürze trug es Schachteln mit Schwefelhölzern und bot sie den Vorübergehenden leise an.
„Kauft bitte Schwefelhölzer. Sie sind trocken und gut.“
Doch alle hatten es eilig. Einer hörte sie nicht, ein anderer wandte sich ab, wieder ein anderer warf nur einen flüchtigen Blick auf sie und ging weiter.
Am Morgen war das Mädchen in großen alten Schuhen aus dem Haus gegangen. Sie passten ihm überhaupt nicht. An einer Kreuzung war ein Schuh vom Fuß gerutscht, und der andere war im Schnee verloren gegangen. Nun lief das Mädchen fast barfuß, und seine kleinen Zehen waren längst ganz kalt.
Es wollte so gern nach Hause. Aber den ganzen Tag hatte es keine einzige Schachtel verkauft. In dem kleinen Zimmer, in dem es wohnte, war es ohnehin kalt. Noch mehr fürchtete es sich jedoch vor einer zornigen Begrüßung. Deshalb kauerte es sich in eine schmale Ecke zwischen zwei Häusern, zog die Knie an die Brust und drückte die Schwefelhölzer an sich.
„Nur ein bisschen Wärme“, flüsterte es.
Seine Finger gehorchten ihm kaum noch. Vorsichtig zog das Mädchen ein Schwefelholz heraus und strich damit an der Wand entlang.
Ritsch!
Ein kleines goldenes Licht flammte auf.
Wie warm es schien! Plötzlich stellte sich das Mädchen vor, dass ein großer, behaglicher Ofen vor ihm stand. Darin knisterte das Holz, durch die Tür leuchteten Flammen, und die Wärme machte seine Wangen gleich ganz rosig.
Es streckte die Hände zum Feuer aus und lächelte sogar.
Doch das Schwefelholz erlosch.
Der Ofen verschwand. Vor dem Mädchen war wieder nur die kalte Wand.
Es zündete ein zweites Schwefelholz an.
Ritsch!
Das Licht wurde heller. Die Wand vor ihm schien sich in einen dünnen, durchsichtigen Vorhang zu verwandeln. Dahinter lag ein Zimmer mit einem gedeckten Tisch. Die weiße Tischdecke leuchtete, die Teller glänzten, und auf den Platten lagen warme kleine Pasteten, Äpfel, Nüsse und ein festliches Abendessen.
Das Mädchen roch Brot und gebackene Äpfel.
„Wie köstlich“, flüsterte es.
Schon wollte es die Hand ausstrecken. Doch das Schwefelholz erlosch, und der festliche Tisch zerfloss wie ein Traum.
Das Mädchen sah auf die Schachtel.
„Noch eines“, beschloss es.
Ritsch!
Nun stand ein riesiger Weihnachtsbaum vor ihm. Er war größer als jeder Baum, den das Mädchen je gesehen hatte. In seinen grünen Zweigen leuchteten Hunderte kleiner Lichter. Goldene Sterne funkelten, und zwischen Äpfeln und Nüssen hing bunter Schmuck.
Das Mädchen hob den Kopf.
Die Lichter stiegen immer höher, als würden sie zu Sternen am dunklen Himmel. Plötzlich fiel ein Stern herab und zog eine lange silberne Spur hinter sich her.
Da erinnerte sich das Mädchen an die Worte seiner Großmutter.
„Wenn du eine Sternschnuppe siehst“, hatte sie einmal gesagt, „denk an jemanden, den du lieb hast. Liebe verschwindet nicht, auch wenn ein Mensch weit weg ist.“
Die Großmutter war die Einzige gewesen, die das Mädchen immer in den Arm genommen, mit einer Decke zugedeckt und ihm zugehört hatte. Sie hatte es ihr kleines Sternchen genannt.
Doch die Großmutter war schon lange nicht mehr bei ihm.
Rasch zündete das Mädchen ein weiteres Schwefelholz an.
Ritsch!
Mitten im warmen Licht erschien seine Großmutter.
Sie war weder streng noch traurig. Sie sah genauso aus wie früher: sanft, lächelnd, mit freundlichen Augen.
„Großmutter!“, rief das Mädchen. „Bitte geh nicht fort!“
Es wusste, dass auch dieses helle Bild verschwinden würde, sobald das Schwefelholz erlosch.
Deshalb zündete es noch eines an, dann noch eines und schließlich alle, die in der kleinen Schachtel übrig waren.
Ringsum wurde es so hell, als wäre der Morgen angebrochen.
Die Großmutter streckte die Hände nach ihm aus.
„Ich bin bei dir, mein kleines Sternchen“, schien sie zu sagen.
Das Mädchen hörte den Wind nicht mehr. Es spürte den Schnee nicht mehr. Ihm war, als gingen es und seine Großmutter auf einem hellen Weg dahin, auf dem es keine Kälte und keine Angst gab, auf dem alles warm, still und gut war.
Zum ersten Mal an diesem Tag fühlte es sich geborgen.
Am Morgen erwachte die Stadt nach dem Fest. Die Straßenkehrer räumten den Schnee weg, die Läden öffneten, und aus den Schornsteinen stieg Rauch.
Die Menschen entdeckten das kleine Mädchen an der Wand. Neben ihm lagen die abgebrannten Schwefelhölzer. Auf seinem Gesicht war ein stilles, beinahe glückliches Lächeln.
„Es wollte sich wärmen“, sagte jemand.
Plötzlich schämten sich alle sehr.
Am Tag zuvor waren Hunderte Menschen an ihm vorbeigegangen. Jeder war in sein warmes Zuhause geeilt und hatte gedacht, jemand anderes werde schon helfen.
An diesem Tag sprach man in der Stadt kaum von den festlichen Feuerwerken und den reich gedeckten Tischen. Man sprach von der kleinen Schwefelholzverkäuferin.
Jemand brachte warme Kleidung in ein Heim. Jemand stellte vor der Bäckerei einen Korb mit kostenlosem Brot auf. Jemand blieb zum ersten Mal bei einem einsamen Kind stehen und fragte:
„Brauchst du Hilfe?“
Denn manchmal beginnt das wichtigste Wunder weder mit einem Zauberstab noch mit einer Sternschnuppe.
Es beginnt damit, dass ein Mensch einen anderen endlich wahrnimmt.
Und wenn an kalten Winterabenden eine helle Sternschnuppe über der Stadt herabfiel, dachten die Menschen an das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern. Sie bemühten sich darum, dass niemand in ihrer Nähe mehr allein in der Kälte bleiben musste.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
