

Rumänien
Das kleine Täschchen mit zwei Halbpennies
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Rumänien
- Alter
- 6–9 Jahre
- Dauer
- 8 Min.

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Das kleine Täschchen mit zwei Halbpennies
Ein alter Mann und eine alte Frau lebten zusammen.
Die Frau hatte eine Henne.
Der Mann besaß einen Hahn mit rotem Kamm und einer sehr kräftigen Stimme.
Die Henne legte jeden Tag Eier.
Die alte Frau behielt sie gern für sich und teilte nur ungern.
Eines Morgens bat der Mann:
„Gib mir bitte ein Ei zum Frühstück.“
„Warum sollte ich?“, antwortete sie. „Du hast doch deinen Hahn. Bitte ihn, dir etwas Nützliches zu bringen.“
Das war ungerecht gesagt.
Doch auch der Alte wurde wütend, statt ruhig darüber nachzudenken.
Er ging in den Hof und sagte zum Hahn:
„Geh, wohin du willst. Komm erst zurück, wenn du etwas vorzuzeigen hast.“
Der Hahn legte überrascht den Kopf schief.
„Kikeriki?“
Es klang, als wolle er sicher sein, richtig gehört zu haben.
Doch der Alte hatte die Tür schon geschlossen.
Also machte sich der Hahn auf den Weg.
Er ging die Straße entlang, pickte hier ein Korn, entdeckte dort einen Käfer.
Plötzlich sah er im Staub ein kleines Täschchen.
Er hob es mit dem Schnabel auf.
Darin klimperten zwei kleine Halbpennies.
„Was für ein Fund“, freute sich der Hahn. „Wenn ich den Besitzer treffe, gebe ich es zurück. Wenn nicht, zeige ich es dem Alten. Dann sieht er wenigstens, dass ich nicht mit leerem Schnabel heimkomme.“
Mit dem Täschchen machte er sich auf den Rückweg.
Genau da kam eine prächtige Kutsche vorbei.
Darin saß ein reicher Herr.
Er sah den Hahn mit dem Täschchen.
„Seht nach, was der Vogel trägt“, befahl er dem Kutscher.
Der Kutscher hielt an, ging zum Hahn und nahm ihm das Täschchen ab.
„Aha. Zwei Münzen“, sagte der reiche Mann. „Nicht viel, aber Geld ist Geld.“
Die Kutsche fuhr weiter.
Der Hahn stand einen Moment fassungslos da.
Dann breitete er die Flügel aus und rannte hinterher.
„Kikeriki! Herr, hört Ihr? Gebt das Täschchen zurück! Was Euch nicht gehört, nehmt nicht!“
Der Mann verzog das Gesicht.
„Was für ein lauter Vogel.“
Die Kutsche kam an einem alten Brunnen vorbei.
Der Herr hatte genug vom Krähen und befahl dem Kutscher, den Hahn weit weg von der Straße abzusetzen.
Der Kutscher setzte ihn auf den Brunnenrand.
Er hoffte, der Vogel werde sich erschrecken und verschwinden.
Doch der Hahn rutschte aus und fiel ins Wasser.
„Na großartig“, murmelte er.
Doch es war ein Märchenhahn.
Er holte tief Luft und begann, das Wasser zu trinken.
Er trank.
Und trank.
Und trank.
Bis der Wasserspiegel so tief gesunken war, dass er herausklettern konnte.
Er schüttelte sein Gefieder und rannte wieder der Kutsche hinterher.
„Kikeriki! Gebt mein Täschchen zurück!“
Der Herr sprang auf seinem Sitz zusammen.
„Schon wieder!“
Als sie sein großes Haus erreichten, stand der Hahn bereits unter dem Fenster.
„Kikeriki! Fremdes Eigentum gibt man zurück!“
Der Herr ließ den hartnäckigen Gast in die Küche bringen, damit er ihn draußen nicht mehr hören musste.
Doch dort brannte ein großes Feuer.
Dem Hahn wurde es viel zu heiß.
Da erinnerte er sich an das Brunnenwasser.
„Gluck, gluck, gluck!“
Und er ließ das ganze Wasser wieder heraus.
Das Feuer zischte und erlosch.
Bäche liefen über den Küchenboden.
Der Hahn spazierte ruhig in den Hof.
„Kikeriki! Gebt mein Täschchen zurück!“
Der reiche Mann wusste nicht mehr, was er tun sollte.
„Bringt ihn zur Herde“, befahl er. „Vielleicht vergisst er zwischen den Tieren seine zwei Münzen.“
So stand der Hahn bald zwischen Kühen, Kälbern und Ochsen.
Sie sahen den kleinen Gast neugierig an.
Der Hahn merkte, dass seine märchenhafte Kraft noch nicht verschwunden war.
„Wenn Wasser hineinpasste, vielleicht passt ihr auch hinein?“, scherzte er.
Da geschah etwas Unglaubliches.
Ein Tier nach dem anderen verschwand in einem magischen Raum hinter seinem Schnabel, als würde sich dort eine riesige unsichtbare Scheune befinden.
Niemandem geschah etwas.
Von innen hörte man sogar ruhiges Muhen.
Der Hahn kehrte zum Fenster zurück.
„Kikeriki! Gebt mein Täschchen zurück!“
Der Herr blickte hinaus.
Kein einziges Tier war mehr zu sehen.
„Unglaublich!“
Nun ließ er den Hahn in die Schatzkammer sperren.
„Dort wird er sich bestimmt ablenken lassen.“
In der Schatzkammer standen Truhen voller Münzen.
Der Hahn betrachtete sie.
„Meine zwei kleinen Münzen braucht Ihr unbedingt, aber all das hier ist Euch nicht genug?“
Er öffnete den Schnabel.
Und wieder geschah ein Märchenwunder.
Die Goldmünzen erhoben sich aus den Truhen, wirbelten als glänzender Strom durch die Luft und verschwanden in demselben magischen Raum, in dem die Herde wartete.
Als der Herr die leeren Truhen sah, war von seinem Hochmut nicht mehr viel übrig.
Er nahm das kleine Täschchen und reichte es dem Hahn.
„Hier. Nimm es. Ich hätte es sofort zurückgeben sollen.“
Der Hahn nahm es.
„Kikeriki! So ist es richtig.“
Dann machte er sich auf den Heimweg.
Vögel aus dem Hof des reichen Mannes folgten ihm, weil ihnen dieser mutige Reisende gefiel.
Der Hahn marschierte so würdevoll, als führe er einen Festzug an.
Als der Alte das vertraute „Kikeriki!“ hörte, lief er hinaus.
„Mein Hahn! Du bist zurück!“
Sofort schämte er sich.
„Es war falsch, dich fortzuschicken. Du musstest mir überhaupt nichts beweisen.“
Der Hahn legte das Täschchen auf den Boden.
„Breite im Hof ein großes Tuch aus.“
Der Alte tat es.
Der Hahn schüttelte die Flügel.
Aus dem magischen Versteck kamen zuerst die Kühe, Ochsen und Kälber heraus.
Alle lebendig und ruhig.
Danach wirbelten die glänzenden Münzen hervor und bildeten auf dem Tuch einen großen Haufen.
Der Alte stand mit offenem Mund da.
„Woher kommt das alles?“
Der Hahn erzählte von der Straße, dem Täschchen, der Kutsche, dem Brunnen, der Küche und der Schatzkammer.
„Jetzt sind wir reich!“, rief der Alte.
„Reichtum macht einen Menschen nicht automatisch gut“, antwortete der Hahn. „Vergiss nicht, wie schnell du wegen eines einzigen Eis böse geworden bist.“
Der Alte kratzte sich am Kopf.
„Stimmt. Von jetzt an machen wir es besser.“
Da kam die alte Frau in den Hof.
Sie sah die Münzen und wollte sofort dasselbe Wunder.
„Meine Henne kann bestimmt auch einen Schatz bringen!“, sagte sie.
Sie lief zur Henne.
„Los! Geh und bring mir Gold!“
Die Henne erschrak und huschte aus dem Tor.
Nach einiger Zeit kam sie zurück.
Im Schnabel trug sie eine kleine Glasperle, die in der Sonne glänzte.
Sie legte die Perle ins Nest und gackerte stolz.
Die Alte sah hinein.
„Eine Perle? Das ist alles?“
Schon wollte sie sich wieder ärgern.
Doch der Hahn stellte sich vor die Henne.
„Warte. Sie hat gebracht, was sie gefunden hat. Warum glaubst du, die Welt müsse für dich das Wunder eines anderen wiederholen?“
Die Alte schwieg.
Dann nahm sie die Glasperle in die Hand.
Sie war ganz gewöhnlich, aber im Licht schimmerte sie wunderschön.
„Vielleicht wollte ich wirklich zu viel“, sagte sie leiser.
Von da an stritten der Alte und die Alte nicht mehr wegen Eier und Münzen.
Einen Teil des Reichtums verwendeten sie für ihren Haushalt.
Einen Teil gaben sie Menschen, die Hilfe brauchten.
Für die Vögel bauten sie einen großen, warmen Hof.
Der Hahn trug sein kleines Täschchen an einem Band um den Hals.
Darin lagen weiterhin genau zwei Halbpennies.
Nicht weil sie ein großer Schatz waren.
Sondern weil sie ihn an etwas erinnerten:
Auch bei zwei kleinen Münzen lohnt es sich, für Gerechtigkeit einzustehen.
Doch der wahre Wert liegt nicht darin, wie viel man für sich selbst bekommt.
Sondern darin, ob man gelernt hat, fair zu handeln.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
