Cover: Das Mädchen, das immer Helfer fand

Indien

Das Mädchen, das immer Helfer fand

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Indien
Alter
5–9 Jahre
Dauer
7 Min.
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Das Mädchen, das immer Helfer fand

In einer großen Familie lebten sechs Brüder mit ihrer jüngeren Schwester.

Die Brüder waren oft geschäftlich unterwegs. Wenn sie für längere Zeit fortmussten, blieb die Schwester bei ihren Schwägerinnen.

Aus irgendeinem Grund mochten die Frauen das Mädchen nicht. Vielleicht waren sie neidisch darauf, wie sehr die Brüder sich um ihre Schwester kümmerten. Vielleicht waren sie einfach daran gewöhnt, anderen Befehle zu geben. Jedenfalls erfanden sie immer schwierigere Aufgaben, sobald ihre Männer verreist waren.

Eines Morgens sagten sie:

„Geh in den Wald und bring ein großes Bündel Feuerholz. Aber binde es mit nichts zusammen.“

Das Mädchen wusste, dass lose Äste auf dem Heimweg auseinanderfallen würden.

Sie ging in den Wald und sang leise darüber, wie allein sie sich ohne ihre Brüder fühlte.

Eine Schlange namens Jambro hörte sie.

„Warum bist du traurig?“, fragte sie.

Das Mädchen erzählte von der seltsamen Aufgabe.

„Sammle dein Holz“, sagte Jambro. „Ich helfe dir.“

Das Mädchen legte die Äste zusammen, und Jambro wand sich vorsichtig darum wie ein lebendes Seil.

„Nun trag es nach Hause. Dort legst du das Bündel sanft auf den Boden.“

So tat sie es.

Die Schwägerinnen staunten.

Beim nächsten Mal gaben sie ihr einen kleinen Tonkrug.

„Bring Milch von einer Tigerin.“

Das Mädchen erschrak, ging aber trotzdem in den Wald.

In der Nähe einer Tigerhöhle sah sie zwei junge Tiger.

„Warum bist du so traurig?“, fragten sie.

„Man hat mich nach Milch von eurer Mutter geschickt. Ich möchte niemanden stören und weiß nicht, was ich tun soll.“

Die Jungen flüsterten miteinander.

„Versteck dich hier und sei still. Wir helfen dir so, dass niemandem etwas geschieht.“

Als die Tigerin zurückkam, warteten die Jungen auf einen ruhigen Augenblick und baten für das Mädchen um ein wenig Milch. Sobald der Weg sicher war, brachten sie ihr den Krug.

„Geh jetzt schnell nach Hause.“

„Danke“, flüsterte das Mädchen.

Wieder waren die Schwägerinnen überrascht.

Einige Tage später schickten sie sie nach Bärenmilch.

Und wieder traf das Mädchen keine Feinde, sondern Helfer.

Zwei Bärenjunge hörten ihre Geschichte an, halfen ihr, etwas Milch zu bekommen, und zeigten ihr einen sicheren Weg zurück.

Dann gaben die Schwägerinnen ihr einen Krug mit einem großen Loch im Boden.

„Hol Wasser aus der Quelle. Kein Tropfen darf verloren gehen!“

Das Mädchen setzte sich am Wasser hin.

„Wie soll ich einen löchrigen Krug füllen?“

Aus dem Schilf schaute ein Frosch.

„Warum allein traurig sein, wenn wir gemeinsam nachdenken können?“

Der Frosch drückte sich von unten gegen die Öffnung.

„Füll ihn.“

Das Mädchen schöpfte Wasser hinein und trug den Krug vorsichtig nach Hause.

Auch diese Aufgabe war erfüllt.

Nun schütteten die Schwägerinnen einen ganzen Korb kleiner Senfkörner auf den Boden.

„Sammle jedes einzelne wieder ein.“

Das Mädchen sah die Hunderte winzigen Samen und seufzte.

Da landete eine Taubenschar im Hof.

„Was ist passiert?“

Sie erklärte es.

„Das ist eine Aufgabe für viele Schnäbel, nicht für zwei Hände“, sagten die Tauben.

Gemeinsam begannen sie.

Pick, pick, pick.

Ein Korn.

Noch eins.

Noch eins.

Bald war der Korb wieder voll.

Ein anderes Mal befahlen die Schwägerinnen:

„Bring ein großes Bündel Blätter aus dem Wald. Und binde es nicht zusammen.“

Im Wald begegnete das Mädchen der Schlange Khorhoranga.

Sie hörte die Geschichte.

„Sammle die Blätter. Ich halte sie zusammen.“

Und wieder wurde eine unmögliche Aufgabe möglich, weil jemand nicht an fremdem Kummer vorbeiging.

Die Schwägerinnen wurden immer wütender.

Inzwischen ging es ihnen gar nicht mehr darum, dem Mädchen Arbeit zu geben. Es störte sie einfach, dass sie jedes Mal heil zurückkam.

Eines Tages sahen sie Blumen hoch oben in einem Baum.

„Kletter hinauf und pflück sie“, sagten sie. „Wir brauchen sie für ein Fest.“

Das Mädchen kletterte auf den Baum.

Die Schwägerinnen legten unten jedoch dornige Zweige so aus, dass sie kaum sicher hinunterkommen konnte, und gingen davon.

Diesmal waren weder der Frosch noch die Tauben noch Jambro in der Nähe.

Das Mädchen wartete.

Die Zeit verging.

Gerade an diesem Tag kehrten ihre Brüder von einer langen Reise zurück.

Unter genau diesem Baum machten sie Rast.

Plötzlich fiel ein Tropfen auf die Hand eines Bruders.

Er blickte zum Himmel.

„Es regnet doch gar nicht.“

Noch ein Tropfen.

Da sahen die Brüder ihre Schwester.

„Wie bist du dort hinaufgekommen?“

Sie entfernten die Dornzweige und halfen ihr vom Baum.

Das Mädchen erzählte alles: von den seltsamen Befehlen, den gefährlichen Aufgaben, dem löchrigen Krug, den verstreuten Samen und all den verschiedenen Wesen, die ihr in den schwierigsten Augenblicken geholfen hatten.

Die Brüder kamen sehr traurig nach Hause.

Sie riefen die ganze Familie zusammen.

„In unserem Haus darf niemand einem anderen absichtlich wehtun oder ihn in Gefahr bringen.“

Die Schwägerinnen mussten die ganze Geschichte von Anfang bis Ende anhören.

Zuerst versuchten sie, sich zu rechtfertigen.

Dann schwiegen sie.

Schließlich erkannten sie, wie viel Angst und Einsamkeit sie dem Mädchen bereitet hatten.

„Wir haben schlecht gehandelt“, gaben sie zu.

Von da an gab es keine unmöglichen Aufgaben mehr.

Das Mädchen vergaß seine Helfer im Wald nicht.

An heißen Tagen stellte es sauberes Wasser für Vögel hinaus, zerstörte keine Froschverstecke an der Quelle, hielt Abstand von Tierhöhlen und erinnerte sich immer an Jambro und Khorhoranga.

Denn Hilfe hat eine seltsame Eigenschaft.

Wenn man sie ohne Spott und ohne Forderung nach Gegenleistung schenkt, entstehen unsichtbare Wege zwischen Lebewesen.

Und selbst an einem sehr schweren Tag kann dann jemand erscheinen und sagen:

„Hab keine Angst. Versuchen wir es zusammen.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨