Cover: Das Mädchen im Binsenmantel

Vereinigtes Königreich

Das Mädchen im Binsenmantel

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Vereinigtes Königreich
Alter
6–10 Jahre
Dauer
9 Min.
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Das Mädchen im Binsenmantel

Ein wohlhabender Mann hatte drei Töchter. Er liebte sie, doch er hatte eine eigenartige Gewohnheit: Manchmal wollte er Liebe nicht in Taten erkennen, sondern in besonders schönen Worten hören.

Eines Abends rief er seine älteste Tochter zu sich.

„Sag mir, wie sehr du mich liebst.“

„So sehr wie mein eigenes Leben“, antwortete sie.

Der Vater nickte zufrieden.

Dann fragte er die mittlere Tochter.

„Und du?“

„Mehr als alle Edelsteine der Welt.“

Wieder lächelte der Vater.

Schließlich kam die jüngste Tochter.

„Und wie liebst du mich?“

Sie dachte einen Moment nach.

„So, wie ein gutes Essen Salz liebt.“

Der Vater runzelte die Stirn.

„Salz? Mehr fällt dir nicht ein?“

„Ich wollte damit sagen...“

„Lass nur“, unterbrach er sie. „Deine Schwestern sprechen vom Leben und von allen Schätzen der Welt. Du vergleichst mich mit Salz.“

Die jüngste Tochter versuchte zu erklären, was sie meinte.

Doch ihr Vater war zu verletzt, um zuzuhören.

„Wenn mein Platz in deinem Herzen so klein ist, dann lebe eine Weile selbstständig und denk über deine Worte nach.“

Das Mädchen war traurig, stritt aber nicht.

Es packte einige Dinge in eine kleine Tasche, verabschiedete sich vom Haus und ging fort.

Hinter dem Dorf lagen Wiesen und feuchte Niederungen.

Dort wuchsen hohe Binsen.

Das Mädchen schnitt lange Halme, flocht sie zusammen und fertigte daraus einen weiten Mantel mit Kapuze.

Unter dem Mantel waren weder ihr Kleid noch ihr Gesicht zu erkennen.

„So ist es gut“, sagte sie. „Jetzt wird niemand zuerst eine junge Dame in mir sehen. Die Menschen werden sehen, was ich kann.“

Bald erreichte sie ein großes Gut.

„Braucht ihr eine Helferin?“, fragte sie in der Küche.

Die Köchin betrachtete die seltsame Gestalt im Binsenmantel.

„Was kannst du denn?“

„Geschirr spülen, Gemüse putzen, Wasser tragen, fegen, Kleidung ausbessern. Und was ich noch nicht kann, lerne ich.“

„Hast du einen Namen?“

Das Mädchen zögerte.

„Nennt mich Binsenmädchen.“

So blieb sie dort.

Das Binsenmädchen arbeitete ruhig und gewissenhaft.

Bald wusste sie, wo jeder Topf stand, wann das Brot in den Ofen musste und welche Kräuter in die Suppe gehörten.

Sie prahlte nie.

Doch mit der Zeit bemerkten alle, dass die Küche ruhiger lief, wenn sie da war.

Eines Tages sprachen die anderen Bediensteten von einem großen Tanzabend in einem Nachbarhaus.

„Komm mit uns!“, riefen die Mädchen.

„Nein, ich bin müde. Ich bleibe heute hier.“

Als alle fort waren, schloss das Binsenmädchen die Tür seines kleinen Zimmers.

Es legte den Binsenmantel ab und holte ein Kleid aus seiner Tasche.

Es kämmte die Haare, wusch sich und ging zum Fest.

Dort waren viele Gäste.

Musik erklang von einer Galerie.

Kerzen spiegelten sich auf dem Boden.

Der Sohn des Hausherrn bemerkte die unbekannte junge Frau und bat sie um einen Tanz.

Sie tanzten und redeten über Bücher, Pferde und den Regen, der nach einer langen Woche endlich aufgehört hatte.

„Wie heißt Ihr?“, fragte der junge Mann.

Sie lächelte.

„Für heute soll das mein kleines Geheimnis bleiben.“

Noch vor dem Ende des Abends ging sie heimlich zurück.

Zu Hause legte sie wieder den Binsenmantel an und ging schlafen.

Am nächsten Morgen redeten die Dienstmädchen nur über die unbekannte Besucherin.

„Du hast wirklich etwas verpasst!“

„Der junge Herr hat fast den ganzen Abend mit ihr getanzt!“

„Schade“, sagte das Binsenmädchen und verbarg sein Lächeln. „Es muss schön gewesen sein.“

Am nächsten Tag wurde ein zweiter Tanzabend angekündigt.

Wieder ging das Binsenmädchen nicht gemeinsam mit den anderen.

Und wieder nahm es später den Mantel ab und erschien auf dem Fest.

Der junge Mann freute sich sehr.

„Ich dachte schon, Ihr würdet nicht wiederkommen.“

„Ich wusste selbst nicht, ob ich es tun würde.“

Wieder tanzten und redeten sie.

Diesmal merkte das Mädchen, dass ihm seine Gesellschaft nicht wegen der Musik oder der festlichen Kleidung gefiel.

Er konnte gut zuhören.

Trotzdem ging es wieder früher als alle anderen.

Am dritten Abend wartete der junge Mann nur auf sie.

„Wenn Ihr wieder verschwindet, weiß ich nicht einmal, wo ich Euch suchen soll.“

Er nahm einen schlichten Silberring vom Finger.

„Nehmt ihn. Nicht als Versprechen und nicht als Forderung. Nur damit Ihr wisst, dass hier jemand ist, der Euch gern wiedersehen würde.“

Das Mädchen nahm den Ring.

„Danke.“

Und wieder verschwand es, bevor der Abend zu Ende war.

Einige Tage vergingen.

Der junge Hausherr wurde still.

Er war nicht krank, doch er ging kaum zu den Gästen und dachte ständig an die unbekannte junge Frau.

Eines Morgens kochte die Köchin Milchbrei für ihn.

„Ich bringe ihn hin“, sagte das Binsenmädchen.

„Warum?“

„Ich möchte einfach helfen.“

Die Köchin gab ihm das Tablett.

Bevor das Mädchen die Schüssel daraufstellte, legte es den Silberring auf den Boden der Schüssel.

Als der junge Mann den Brei aufgegessen hatte, klirrte sein Löffel gegen Metall.

Er holte den Ring heraus.

Sofort erkannte er ihn.

„Wer hat das gekocht?“

Kurz darauf stand das Binsenmädchen in seinem raschelnden Mantel vor ihm.

„Hast du den Ring hineingelegt?“

„Ja.“

„Woher hast du ihn?“

Das Mädchen fasste an den Rand seiner Kapuze.

„Von dem, der ihn mir geschenkt hat.“

Es legte den Binsenmantel ab.

Der junge Mann schwieg einige Sekunden.

Dann lachte er vor Freude.

„Ich hätte es wissen müssen. Du hast dieselbe Stimme.“

„Und ich wollte wissen, ob du mich auch ohne mein Festkleid erkennst.“

„Jetzt ganz bestimmt.“

Von da an verbargen sie ihre Freundschaft nicht mehr.

Später merkten beide, dass sie ein gemeinsames Leben wollten, und beschlossen zu heiraten.

Zur Hochzeit kamen Gäste aus vielen Gegenden.

Auch der Vater des Binsenmädchens war eingeladen.

Er wusste nicht, wer die Braut wirklich war.

Vor dem Festessen bat das Mädchen die Köchin:

„Bereite heute einige Gerichte ganz ohne Salz zu.“

Die Köchin machte große Augen.

„Aber dann schmecken sie fade.“

„Genau darum geht es.“

Die Gäste setzten sich zu Tisch.

Der Vater probierte gebackene Kartoffeln.

Geschmacklos.

Dann Gemüsesuppe.

Ebenfalls fade.

Dann einen herzhaften Kuchen.

Auch ihm fehlte etwas.

Der Mann legte die Gabel hin.

Plötzlich sagte er traurig:

„Meine jüngste Tochter hat mir einmal gesagt, sie liebe mich so, wie ein gutes Essen Salz liebt. Ich wurde wütend. Jetzt verstehe ich endlich, was sie meinte.“

Am Tisch wurde es still.

„Salz fällt oft kaum auf“, sagte der Mann weiter. „Aber ohne Salz verliert vieles seinen Geschmack. Ich wollte damals schöne Worte hören, statt meine Tochter wirklich zu verstehen.“

Die Braut stand auf.

„Vater.“

Er sah sie genauer an.

Das Mädchen nahm einen kleinen Binsenumhang, den es eigens zur Hochzeit mitgebracht hatte.

„Ich bin es.“

Der Vater stand so schnell auf, dass sein Stuhl beinahe umfiel.

„Meine Tochter...“

„Ich habe dich wirklich geliebt wie ein gutes Essen das Salz“, sagte sie. „Nicht laut. Aber so, dass ohne diese Liebe alles anders wird.“

„Verzeih mir, dass ich nicht zuhören wollte.“

Sie umarmte ihn.

„Ich verzeihe dir.“

Dann brachte die Köchin neue Speisen.

Diesmal waren sie gut gewürzt.

Die Gäste lachten.

Der Vater probierte den ersten Löffel Suppe und sagte:

„Jetzt werde ich nie wieder vergessen, wie wichtig eine kleine Prise Salz sein kann.“

Den Binsenmantel warf das Mädchen nicht weg.

Es bewahrte ihn in einem Schrank auf.

Er erinnerte sie an die Zeit, in der sie gelernt hatte, auf sich selbst zu vertrauen, mit anderen zu arbeiten und sich nicht dafür zu schämen, wer sie war.

Später sagte sie oft zu den Kindern in ihrem Haus:

„Nicht alle liebevollen Worte klingen prachtvoll. Manchmal steckt das Wichtigste in einem ganz einfachen Vergleich. Man muss nur lernen zuzuhören.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨