Cover: Das magische Ei

Ukraine

Das magische Ei

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Ukraine
Alter
7–10 Jahre
Dauer
14 Min.
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Das magische Ei

Eine Lerche und eine kleine Maus bewirtschafteten gemeinsam ein Feld und säten dort eines Jahres Weizen.

Als die Ernte geteilt werden sollte, legten sie das Korn in zwei gleich große Haufen. Doch ein einziges Körnchen blieb übrig.

„Das gehört mir“, sagte die Lerche. „Ich habe das Feld von oben bewacht.“

„Nein, mir“, erwiderte die Maus. „Ich habe mich unten zwischen den Halmen darum gekümmert.“

Sie stritten lange. Schließlich sagte die Maus:

„Dann beißen wir eben jeder die Hälfte ab.“

Kaum lag das Korn jedoch vor ihrer Nase, machte sie knacks und schluckte es ganz hinunter.

Die Lerche war beleidigt. Sie rief die Vögel zusammen, die Maus die Tiere des Waldes. Wegen eines einzigen Weizenkorns entstand ein solcher Lärm, dass der ganze Wald seine morgendliche Ruhe vergaß.

Die Vögel schlugen mit den Flügeln, die Tiere stampften, und jede Seite behauptete, im Recht zu sein. Im Gedränge streifte ein junger Adler mit seinem Flügel einen trockenen Ast und stürzte zu Boden. Der Flügel schmerzte, und er konnte nicht mehr auffliegen.

Als alle des Streits müde geworden waren und sich zerstreut hatten, blieb der Adler allein zurück.

Auf dem Weg kam ein Jäger vorbei. Er sah den Vogel, kniete sich zu ihm und sagte:

„Du brauchst wohl Hilfe.“

„Das stimmt“, antwortete der Adler, wie es in Märchen eben geschieht, mit menschlicher Stimme. „Gib mir Zeit, gesund zu werden, und eines Tages werde ich es dir vergelten.“

Der Jäger nahm ihn mit nach Hause. Unter einem Dachvorsprung richtete er ihm einen geräumigen Platz ein, brachte Wasser und Futter und, was noch wichtiger war, drängte ihn zu nichts.

Ein Jahr verging. Der Adler breitete seine Flügel aus, flog über den Hof und kehrte wieder zurück.

„Für eine weite Reise reicht meine Kraft noch nicht.“

Nach einem weiteren Jahr erhob er sich über den Wald, kreiste über den Hügeln und kam erneut zurück.

„Schon besser. Aber ich muss noch stärker werden.“

Im dritten Jahr flog der Adler bis zu den Wolken hinauf. Als er zurückkehrte, war er voller Freude.

„Nun setz dich auf meinen Rücken. Ich will dir meine Heimat zeigen.“

„Ist das sicher?“, fragte der Jäger.

„Wenn du dich gut festhältst und mir vertraust.“

Sie stiegen höher und höher. Zuerst genoss der Jäger die Aussicht. Dann stürzte sich der Adler plötzlich so steil nach unten, dass dem Mann der Atem stockte.

„Adler!“

Erst knapp über den Baumwipfeln fing der Vogel den Flug wieder ab.

„Hattest du Angst?“

„Und wie!“

„So hatte ich Angst, als ich auf der Erde lag und nicht wusste, ob ich jemals wieder fliegen würde. Jetzt verstehst du es.“

Dann flog er noch einmal eine Kurve, diesmal viel sanfter.

„Genug der Lektionen!“, lachte der Jäger. „Ich habe verstanden.“

Der Adler antwortete mit einem Ruf, der fast wie ein Lachen klang, und flog weiter.

Zuerst besuchten sie einen Verwandten des Adlers, dann einen zweiten. Doch seine wirkliche Heimat lag noch weiter entfernt zwischen hohen Felsen.

Der Vater des Adlers freute sich sehr über die Rückkehr seines Sohnes.

„Wie können wir dem Menschen danken, der für dich gesorgt hat?“, fragte er.

Der Jäger erinnerte sich an etwas Seltsames, von dem der Adler unterwegs erzählt hatte.

„Wenn es möglich ist, gebt mir das magische Ei.“

Der alte Adler wurde ernst.

„Darin steckt große Kraft. Es kann dir einen ganzen Hof schenken, aber nur, wenn du nicht ungeduldig wirst. Zerbrich es nicht unterwegs. Wenn du zu Hause bist, umzäune eine große Wiese, und erst dann öffne das Ei.“

Der Jäger versprach es.

Den Heimweg legte er zu Fuß zurück. Die Straße war lang, die Sonne brannte. An einer Quelle beugte er sich hinunter, um zu trinken. Dabei rutschte das magische Ei aus seiner Tasche und schlug auf einen Stein.

Die Schale bekam einen Riss.

Da geschah etwas Unglaubliches.

Aus dem kleinen Ei sprang ein großer Ochse. Hinter ihm kam ein zweiter. Dann Kühe, Kälber, Schafe und Ziegen. Immer neue Tiere strömten heraus, als wäre im Inneren des Eis eine ganze grüne Steppe verborgen gewesen.

„Halt! Wohin lauft ihr denn?“, rief der Jäger hilflos.

Doch die Herde verstreute sich in alle Richtungen.

In diesem Moment erschien an der Quelle eine alte Zauberin aus dem Geschlecht der Schlangenwesen. Sie betrachtete das Durcheinander und sagte:

„Allein bekommst du sie nicht zurück in die Schale.“

„Bitte hilf mir.“

„Ich helfe dir. Doch eines Tages wirst du mir dafür einen Dienst erweisen. Nicht heute. Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich dich selbst daran erinnern.“

Der Jäger zögerte. Eine andere Möglichkeit sah er jedoch nicht.

„Gut. Wenn deine Bitte ehrlich und gerecht ist.“

Die Zauberin klatschte in die Hände. Ein Tier nach dem anderen kehrte in das Ei zurück, und die Schale schloss sich, als wäre sie nie zerbrochen gewesen.

Der Jäger bedankte sich aufrichtig und setzte seinen Weg fort.

Als er zu Hause ankam, erwartete ihn eine frohe Nachricht: Während seiner Abwesenheit war in seiner Familie ein Sohn geboren worden. Er hieß Iwan.

Die Jahre vergingen. Iwan wuchs zu einem klugen, neugierigen und mutigen jungen Mann heran. Er kannte die Geschichte vom magischen Ei und von dem unbedachten Versprechen an der Quelle.

Eines Tages erschien am Hoftor ein Zeichen: eine dünne silberne Schuppe.

Der Jäger wurde blass.

„Sie erinnert mich an meinen Dienst.“

„Ich gehe“, sagte Iwan. „Du konntest damals nicht wissen, was sie verlangen würde. Ich bin inzwischen erwachsen und kann für meine eigenen Entscheidungen einstehen.“

Weit hinter den Wäldern stand das Haus der Zauberin. Sie begrüßte Iwan ohne Lächeln.

„Du bist also gekommen. Ich gebe dir drei Aufgaben. Erfüllst du sie, darfst du frei nach Hause gehen. Schaffst du sie nicht, bleibst du viele Jahre hier und hilfst mir.“

Die erste Aufgabe lautete: Bis zum Morgen ein großes Feld pflügen, Weizen säen, die Ernte einbringen, das Korn mahlen und daraus Brot backen.

Iwan ging in den Hof und setzte sich auf einen Stein.

„Nicht einmal zehn Menschen könnten das in einer Nacht schaffen.“

Da kam die Tochter der Zauberin zu ihm.

„Ich habe gehört, was meine Mutter von dir verlangt. Du brauchst Hilfe.“

„Warum solltest du einem Fremden helfen?“

„Weil eine Aufgabe Verstand und Ausdauer prüfen darf, aber keine unmögliche Falle sein sollte.“

Sie pfiff leise. Aus dem Gras liefen Feldmäuse herbei, Vögel kamen vom Himmel herunter, und der Wind begann über dem Acker zu kreisen. Einige lockerten die Erde, andere verteilten die Körner, der Wind trocknete die Ähren, und Iwan arbeitete gemeinsam mit allen bis zum Morgengrauen.

Als die Zauberin aus dem Haus trat, lag frisches Brot auf dem Tisch.

„Gut“, sagte sie. „Dann sehen wir uns die zweite Aufgabe an.“

Nun sollte Iwan in einer einzigen Nacht Wasser zu einem trockenen Feld leiten, Speicher bauen und das Korn so vorbereiten, dass Reisende damit versorgt werden konnten.

Wieder half ihm die Tochter der Zauberin. Sie zeigte ihm, wo sich das Gelände ganz natürlich zum Fluss hin senkte. Iwan versuchte nicht, das Wasser gegen seinen Lauf zu zwingen. Er legte den Kanal dort an, wo es am leichtesten fließen konnte. Biber befestigten die Ufer, Vögel brachten leichte Halme für die Dächer, und noch vor Sonnenaufgang standen ordentliche Speicher am Feld.

Die Zauberin runzelte die Stirn, musste aber zugeben:

„Auch das ist geschafft.“

Die dritte Aufgabe klang einfacher.

„Finde meinen goldenen Hasen“, sagte sie. „Er kann sich so gut verstecken, dass noch niemand vor Sonnenuntergang mit ihm zurückgekehrt ist.“

Die Tochter der Zauberin flüsterte Iwan zu:

„Es ist kein gewöhnlicher Hase. Er kann wie ein Grasbüschel aussehen, wie ein Stein oder wie ein Fleck Sonnenlicht. Lauf nicht jedem Zucken hinterher. Achte auf das, was nicht an seinen Platz gehört.“

Iwan ging langsam. Neben einem Busch sah er einen goldenen Grashalm zwischen lauter grünen. Der Halm sprang auf und verwandelte sich in einen Stein. Am Bach entdeckte Iwan einen Stein, der Sonnenlicht zurückwarf, obwohl er im Schatten lag. Der Stein wurde zum Hasen.

„Fürchte dich nicht“, sagte Iwan. „Ich werde dir nichts tun. Ich muss nur beweisen, dass ich dich gefunden habe.“

Der goldene Hase lief freiwillig neben ihm zum Haus der Zauberin zurück.

Als sie das sah, sagte sie endlich:

„Drei Aufgaben sind erfüllt. Du bist frei.“

Iwan dankte ihrer Tochter.

„Ohne dich hätte ich es nicht geschafft.“

„Dann bitte ich dich nur um eines: Vergiss nicht die Menschen, die bei dir waren, als es schwer wurde.“

„Das werde ich nicht.“

Beide merkten, dass sie sich nicht so schnell wieder trennen wollten. Die Tochter der Zauberin beschloss, mit Iwan fortzugehen und die Welt außerhalb des Hauses ihrer Mutter kennenzulernen.

Als die Zauberin bemerkte, dass sie gegangen waren, wurde sie zornig und jagte ihnen nach.

Damit begann eine wundersame Flucht.

Als die Verfolgerin nahe kam, verwandelte das Mädchen sich selbst in ein Weizenfeld und Iwan in einen alten Feldwächter.

„Sind hier zwei junge Leute vorbeigekommen?“, fragte die Zauberin.

„Ich passe nur auf die Ähren auf“, antwortete Iwan.

Die Zauberin kehrte um, erkannte die List jedoch bald.

Beim zweiten Mal stand plötzlich ein kleines Kloster am Weg, und Iwan war ein Wanderer, der sich am Tor ausruhte.

Wieder ließ sich die Zauberin zunächst täuschen und durchschaute den Zauber erst später.

Beim dritten Mal verwandelte sich das Mädchen in einen breiten Bach und Iwan in einen silbernen Fisch unter dem Wasser.

Die Zauberin trat ans Ufer, sah lange in die Strömung und schwieg.

Schließlich seufzte sie.

„Genug. Wenn ihr einander so gut helft, werde ich euch mit Gewalt nicht zurückholen.“

Sie ging nach Hause.

Iwan und das Mädchen setzten ihren Weg fort.

Kurz vor seinem Heimatdorf sagte sie:

„Etwas musst du noch wissen. Nach so vielen Zaubern kann der Weg nach Hause die Erinnerung verwirren. Bis wir uns wiedersehen, lass dich von niemandem zur Begrüßung küssen. Sonst könntest du unsere Reise vergessen.“

Iwan versprach es.

Doch zu Hause freuten sich alle so sehr über seine Rückkehr, dass seine Cousine ihm entgegenlief und ihn auf die Wange küsste, bevor er zurückweichen konnte.

Im selben Augenblick verschwanden die Erinnerungen an die Zauberin, die drei Aufgaben und das Mädchen hinter einem weißen Schleier.

Einige Tage vergingen. Iwan lebte wieder sein gewöhnliches Leben und verstand nicht, warum er manchmal von einem goldenen Feld, einem Bach und einem silbernen Fisch träumte.

Die Tochter der Zauberin erreichte inzwischen das Dorf. Sie machte Iwan keine Vorwürfe. Stattdessen buk sie zwei kleine Brötchen in Form von Tauben und brachte sie zu einem Fest.

Als die Brötchen auf den Tisch gestellt wurden, berührte eine Taube die andere mit ihrem Flügel. Iwan erinnerte sich plötzlich an die Mäuse auf dem Feld. Dann sah er die goldene Kruste und dachte an den Hasen. Als jemand Wasser in eine Tasse goss, hörte er in seiner Erinnerung den Zauberbach rauschen.

Der Schleier verschwand.

„Ich erinnere mich“, flüsterte Iwan. „Ich erinnere mich an alles.“

Er bat um Verzeihung dafür, dass er sein Versprechen gebrochen hatte, auch wenn es unbeabsichtigt geschehen war.

Das Mädchen antwortete:

„Es ist nicht entscheidend, dass deine Erinnerung dich einen Augenblick im Stich gelassen hat. Wichtig ist, dass du die Wahrheit erkannt hast, als sie zurückkehrte.“

Später beschlossen sie, zusammenzubleiben.

Der Jäger aber öffnete das magische Ei nun genau so, wie der alte Adler es einst geraten hatte: zu Hause, auf einer großen, eingezäunten Wiese.

Wieder kam eine riesige Herde daraus hervor. Diesmal lief niemand planlos hinter den Tieren her. Die Tore waren vorbereitet, Wasser stand bereit, das Gras war hoch.

Der alte Jäger lächelte.

„Also lag der größte Zauber des Eis gar nicht darin, wie viel Reichtum daraus hervorkam.“

„Worin dann?“, fragte Iwan.

„Darin, ob du gelernt hast, auf das vorbereitet zu sein, worum du bittest.“

Iwan blickte zu einem Adler, der hoch am Himmel seine Kreise zog, und dachte: Manchmal führt ein unbedachtes Versprechen sehr weit. Doch wer unterwegs Ehrlichkeit, Erinnerung und Freunde nicht verliert, kann selbst aus dem seltsamsten Abenteuer klüger nach Hause zurückkehren.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨