

China
Das Reich der Mäuse
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- China
- Alter
- 5–8 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

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Das Reich der Mäuse
In einem großen Land lebten Tausende und Abertausende Mäuse. Sie siedelten bei Feldern und Kornspeichern, sammelten nach der Ernte liegen gebliebene Körner und kannten gewöhnlich keinen Hunger.
Doch in einem Jahr fiel die Ernte sehr schlecht aus. Der Herbst verging, der Winter rückte näher, und in den kleinen Vorratskammern der Mäuse wurde es immer leerer.
Da berief der Mäusekönig einen Rat ein.
„Wenn wir nur sitzen und warten, reichen unsere Vorräte nicht“, sagte er. „Ich werde zum König der Menschen gehen und ihn bitten, uns Korn zu leihen. Nach der nächsten Ernte zahlen wir jedes Korn zurück.“
Der Mäusekönig zog seine feierlichsten Sachen an und machte sich auf den Weg zum Palast. Statt eines großen Zeremonialschals trug er einen dünnen Seidenfaden, gerade so viel, wie eine kleine Maus tragen konnte.
Am Tor beugte sich der Wächter erstaunt zu ihm hinunter.
„Wohin willst du?“
„Zum König. Ich habe eine wichtige Bitte.“
Als der Menschenkönig hörte, dass der Mäusekönig persönlich um eine Audienz bat, lächelte er, ließ den Gast aber eintreten.
Die Maus ging würdevoll durch den großen Saal, legte ihren Seidenfaden vor den König und sagte:
„Dieses Jahr war unsere Ernte schlecht. Bis zum Frühling könnten wir ohne Nahrung bleiben. Leih uns bitte Korn. Im nächsten Jahr geben wir alles bis zum letzten Körnchen zurück.“
„Wie viel braucht ihr?“, fragte der König.
„Einen großen Speicher voll Gerste.“
Der König hob die Augenbrauen.
„Einen ganzen Speicher? Wie sollen so kleine Wesen das alles forttragen?“
Der Mäusekönig verbeugte sich.
„Darum musst du dich nicht sorgen. Wenn du uns das Korn überlässt, schaffen wir es selbst.“
Der König stimmte zu und ließ einen großen Speicher öffnen.
In jener Nacht kam das ganze Mäuseland. Eine Maus trug ein Korn zwischen den Zähnen, eine andere mehrere Körner auf dem Rücken, eine dritte rollte ein Gerstenkorn vor sich her. Still, gemeinsam und ohne Pause arbeiteten sie.
Am Morgen war der Speicher leer.
„Unglaublich“, sagte der König. „Ich habe meine kleinen Nachbarn unterschätzt.“
Als die nächste Ernte eingebracht war, hielt der Mäusekönig sein Wort. Die Mäuse gaben das geliehene Korn zurück und legten als Dank sogar etwas dazu.
Seitdem wusste der Menschenkönig: Mäuse waren nicht nur klein und geschickt. Auf sie war auch Verlass.
Einige Zeit später sammelte sich am gegenüberliegenden Ufer eines großen Flusses das Heer eines benachbarten Herrschers. Es wollte den Fluss überqueren und das Land mit Gewalt einnehmen.
Der Menschenkönig war beunruhigt. Die Gegner waren deutlich zahlreicher.
Die Nachricht erreichte schnell die Mäuselöcher.
„Dieser König hat uns einst geholfen“, sagte der Mäusekönig. „Nun sind wir an der Reihe.“
Er ging wieder zum Palast.
„Ich sehe, dass du Sorgen hast“, sagte er zum König. „Lass uns deine damalige Hilfe erwidern.“
Der Menschenkönig war erstaunt.
„Was können Mäuse gegen ein so großes Heer ausrichten?“
Der Mäusekönig nahm es ihm nicht übel.
„Du hast schon einmal daran gezweifelt, dass wir einen ganzen Speicher leeren können. Danach hast du gesehen, dass viele Kleine gemeinsam mehr schaffen, als man denkt. Vertrau uns auch diesmal.“
„Gut“, sagte der König. „Was braucht ihr?“
„Bis morgen Abend legst du viele kurze Stöckchen am Flussufer bereit. Wenn unser Plan gelingt, hilfst du uns anschließend mit zwei alten Problemen.“
„Welche sind das?“
„Das erste sind die Überschwemmungen. Unsere Höhlen liegen niedrig am Fluss, und das Wasser dringt oft hinein. Bau einen festen Schutzwall. Das zweite sind die Katzen. In den Gebieten, in denen unsere Familien leben, sollen sie von unseren Siedlungen ferngehalten werden.“
Der König versprach es.
Am nächsten Abend war das Ufer voller kurzer Stöcke. Als es dunkel wurde, kamen Hunderttausende Mäuse zum Fluss.
„Je zwei oder drei auf einen Stock!“, befahl der Mäusekönig.
Stöckchen um Stöckchen glitt übers Wasser, eine winzige Flotte.
Am anderen Ufer schlief das feindliche Lager bereits. Die Mäuse griffen keinen Menschen an. Stattdessen kümmerten sie sich um alles, was dem Heer am Morgen helfen sollte: Sie nagten Riemen, Seile und Bogensehnen an, verwickelten Ausrüstung, verschleppten Vorräte, bissen Löcher in Getreidesäcke und verursachten so viel Durcheinander, dass kaum noch etwas zu finden war.
Nach einigen Stunden pfiff der Mäusekönig, und das ganze kleine Heer kehrte ebenso leise zum Fluss zurück.
Am Morgen begann im fremden Lager ein gewaltiges Geschrei.
„Wo ist mein Seil?“
„Wer hat das Korn ausgeschüttet?“
„Warum ist die Ausrüstung beschädigt?“
Alle suchten Schuldige, stritten und liefen durcheinander. Der geplante Übergang über den Fluss kam zum Stillstand. Als vom anderen Ufer die Hörner der königlichen Wache ertönten, wollte der fremde Herrscher kein weiteres Risiko eingehen und zog sein Heer zurück.
So blieb das Land von einer großen Schlacht verschont.
Der Menschenkönig ließ den Mäusekönig zu sich rufen und verbeugte sich tief.
„Heute hat eure kleine Kraft viele Menschen vor einem großen Unglück bewahrt. Ich habe unsere Vereinbarung nicht vergessen.“
Bald wurde am Fluss ein stabiler Schutzwall gebaut, damit das Wasser die Mäusehöhlen nicht mehr überflutete. Und in den Gegenden mit Mäusesiedlungen sorgte der König dafür, dass Katzen fernblieben.
Man erzählt, dass die Menschen seitdem nach jeder Ernte etwas Korn für die Mäuse zurückließen.
Der Mäusekönig aber sagte zu seinen Kindern und Enkeln immer wieder:
„Messt Stärke nicht an der Körpergröße. Wenn viele Kleine gemeinsam etwas Gutes tun, kann das Ergebnis sehr groß sein.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
