

Georgien
Das Schicksal
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Georgien
- Alter
- 8–11 Jahre
- Dauer
- 9 Min.

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Das Schicksal
In einem Königreich zwischen hohen Bergen lebte ein mächtiger König. Er hatte einen einzigen Sohn, einen jungen Prinzen, klug, gebildet und ein wenig eigensinnig.
Als der Prinz erwachsen wurde, begann sein Vater über seine Zukunft nachzudenken.
„Es ist Zeit, dass du heiratest“, sagte er eines Tages. „Ich kenne eine wunderbare Prinzessin aus dem Nachbarreich. Sie ist freundlich und gut erzogen, und unsere Familien sind seit Langem befreundet.“
Der Sohn schüttelte den Kopf.
„Vater, ich möchte meine Frau nicht nur deshalb wählen, weil es für zwei Königreiche praktisch ist. Ich weiß nicht einmal, ob ich für diesen Menschen bestimmt bin.“
Der König runzelte die Stirn.
„Und wer weiß deiner Meinung nach, was für dich bestimmt ist?“
Der Prinz dachte nach.
Diese Frage ließ ihm mehrere Tage lang keine Ruhe.
Schließlich ging er zu seinem Vater.
„Lass mich reisen. Ich möchte verstehen, was ich selbst will und was die Menschen Schicksal nennen. Gib mir drei Beutel Geld für den Weg. Wenn ich keine Antwort finde, komme ich wenigstens klüger zurück.“
Der König war von diesem Plan nicht begeistert, stimmte aber zu.
Der Prinz zog allein los. Er überquerte steinige Pässe, übernachtete in Gasthäusern und sprach mit Hirten, Kaufleuten und Reisenden. Die einen sagten, das Schicksal stehe von Anfang an fest. Andere meinten, jeder Mensch schreibe es jeden Tag mit seinen eigenen Taten.
Je mehr Antworten der Prinz hörte, desto weniger sicher war er, überhaupt eine zu verstehen.
Eines Morgens traf er auf einem Bergweg einen Fremden in einfachem Reisemantel.
„Wohin gehst du, junger Mann?“, fragte der Fremde.
„Ich suche mein Schicksal.“
Der Mann lächelte.
„Merkwürdige Sache. Menschen suchen es oft in der Ferne, während es ihnen längst entgegenkommt.“
Er zeigte auf einen weißen Palast unten im Tal.
„Dort werden die Bücher der menschlichen Schicksale aufbewahrt. Vielleicht findest du dort, wonach du suchst.“
Der Prinz bedankte sich und eilte hinunter.
Im Palast war es still. Im ersten Saal lagen Tausende kleine Schriftrollen. Auf manchen stand „Reise“, auf anderen „Haus“, „Handwerk“, „Begegnung“ oder „Prüfung“.
Der Prinz suchte nach seinem Namen.
„Nicht dort“, sagte eine Stimme.
Ein alter Hüter trat zu ihm.
„Was königliche Familien betrifft, wird im inneren Raum aufbewahrt.“
Er führte den Prinzen zu einem hohen Schrank, suchte lange und zog schließlich eine Rolle heraus.
„Hier ist deine.“
Der Prinz entrollte das Pergament.
Darauf standen nur wenige Worte:
„Der Prinz wird die Tochter eines armen Webers heiraten, die neun Jahre schwer krank war.“
„Das ist ein Fehler“, sagte der Prinz.
„Vielleicht“, antwortete der Hüter ruhig. „Oder du siehst nur einen einzigen Satz und glaubst schon, die ganze Geschichte zu kennen.“
Der Prinz verließ den Palast verärgert.
„Ich bestimme selbst über mein Leben“, dachte er. „Nicht ein Stück Pergament.“
Er beschloss, den Weber zu finden und zu beweisen, dass die Prophezeiung Unsinn war.
Einige Tage später überraschte ihn die Nacht in einem dichten Wald. Nebel verschluckte den Weg. Gerade wollte der Prinz unter einem Baum schlafen, als er ein schwaches Licht sah.
Es kam aus einer kleinen Hütte.
Ein müder Mann öffnete auf sein Klopfen.
„Komm herein, Reisender. Wir haben nicht viel, aber ein Dach und warme Suppe reichen auch für dich.“
Der Hausherr war Weber. Er lebte mit seiner Frau und seiner einzigen Tochter zusammen. Das Mädchen war seit vielen Jahren so krank, dass es kaum aus dem Bett aufstehen konnte.
Als der Prinz das hörte, wurden seine Hände kalt.
„Neun Jahre?“, fragte er.
„Neun“, seufzte der Weber. „Die Ärzte in der Stadt sagen, eine Behandlung sei möglich, aber wir können sie nicht bezahlen. Ich verdiene gerade genug, damit wir nicht hungern.“
In der Nacht konnte der Prinz nicht schlafen.
„Das ist also die Familie“, dachte er. „Wenn ich hierbleibe, erfüllt sich die Vorhersage. Ich muss so weit fort wie möglich.“
Doch sein Gewissen erlaubte ihm nicht, einfach zu verschwinden.
Vor Sonnenaufgang stellte er alle drei Geldbeutel vor die Tür und schrieb eine kurze Nachricht:
„Für die Behandlung Ihrer Tochter. Suchen Sie nicht nach dem, der dies hinterlassen hat.“
Dann sattelte er sein Pferd und ritt davon.
Er war zufrieden mit seiner Entscheidung.
„Ich habe geholfen. Nun trennen sich unsere Wege für immer. Das war's. Das Schicksal kann mich zu nichts zwingen.“
Als er nach Hause kam, erzählte er seinem Vater nur einen Teil seiner Abenteuer.
„Und was hast du über das Schicksal gelernt?“, fragte der König.
„Dass man ihm nicht zu sehr vertrauen sollte“, antwortete der Sohn.
Der König lächelte nur.
Ein Jahr verging.
Eines Tages ritt der Prinz weit aus der Hauptstadt hinaus. Hinter den Hügeln sah er ein Haus, das früher nicht dort gestanden hatte: hell, mit Weinreben, einem Garten und blauen Fensterläden.
Im Garten goss eine junge Frau Rosen.
Sie sah nicht aus wie die Hofschönheiten, die der Prinz von Bällen kannte. Ihre Bewegungen waren ruhig, und in ihren Augen lag die fröhliche Geduld eines Menschen, der lange auf gute Tage gewartet hat und nun jeden einzelnen bemerkt.
Der Prinz grüßte.
Sie kamen ins Gespräch.
Das Mädchen liebte Bücher, kannte die Namen von Bergkräutern, konnte komplizierte Muster weben und hatte überhaupt keine Angst davor, einem Prinzen zu widersprechen.
„Wenn Ihr Unsinn sagt“, erklärte sie, „wird er durch eine Krone auch nicht klüger.“
Der Prinz lachte so sehr, dass er beinahe die Zügel fallen ließ.
Von diesem Tag an kam er oft zu dem Haus. Nicht wegen der Prophezeiung. An die dachte er kaum noch.
Er kam, weil er gern mit der jungen Frau sprach.
Mit der Zeit beschlossen sie zu heiraten.
Der König sah, dass sein Sohn zum ersten Mal eine Entscheidung ohne Angst und ohne fremden Befehl traf, und gab ihnen seinen Segen.
Nach der Hochzeit bemerkte der Prinz eines Tages eine kleine alte Narbe nahe dem Herzen seiner Frau und fragte danach.
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte sie. „Als Kind war ich neun Jahre schwer krank. Mein Vater war ein armer Weber, und wir hatten kein Geld für Ärzte. Eines Morgens fanden wir vor unserer Tür drei Beutel voller Münzen und eine Nachricht von einem unbekannten Reisenden.“
Der Prinz erstarrte.
„Drei Beutel?“
„Genau. Meine Eltern brachten mich in die Stadt. Die Behandlung dauerte lange, aber ich wurde gesund. Einen Teil des Geldes brauchten wir für die Ärzte, mit dem Rest eröffnete mein Vater eine Werkstatt. Später lief es gut, und wir bauten dieses Haus.“
Der Prinz setzte sich und schwieg lange.
Dann erzählte er vom Palast, von der Schriftrolle und seiner Flucht vor Sonnenaufgang.
Seine Frau hörte zu und begann schließlich zu lachen.
„Du bist also so gründlich vor deinem Schicksal davongelaufen, dass du ihm eigenhändig den Weg zu dir bezahlt hast?“
Der Prinz wollte sich zuerst ärgern, musste dann aber ebenfalls lachen.
„Sieht so aus.“
Am Abend ging er zu seinem Vater.
„Weißt du nun, was Schicksal ist?“, fragte der König.
Der Prinz dachte nach.
„Nein. Und vielleicht ist genau das das Klügste, was ich darüber gelernt habe.“
„Erklär mir das.“
„Ein Satz über die Zukunft erzählt nicht das ganze Leben. Ich hatte so große Angst, von einer fremden Vorhersage gelenkt zu werden, dass ich beinahe aufgehört hätte, die Menschen vor mir zu sehen. Als ich einfach etwas Gutes tat und meinen Weg weiterging, schrieb das Leben die nächsten Seiten selbst.“
Der König nickte.
„Dann bist du tatsächlich klüger zurückgekommen.“
Von da an fragte der Prinz keine Wahrsager mehr, was morgen geschehen würde.
Wenn er entscheiden musste, stellte er sich eine andere Frage:
„Was kann ich heute ehrlich, mutig und freundlich tun?“
Der Zukunft überließ er ihre eigene Arbeit.
Denn vielleicht ist das Schicksal keine Kette, die einen Menschen hinter sich herzieht.
Vielleicht ist es ein Weg, der Schritt für Schritt unter den Füßen entsteht.
Und es ist nicht so wichtig zu wissen, wohin er hinter dem nächsten Hügel führt.
Wichtiger ist, wer du sein wirst, wenn du dort ankommst.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
