Cover: Das Schicksal des Yu

Südkorea

Das Schicksal des Yu

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Südkorea
Alter
8–12 Jahre
Dauer
8 Min.
Audioversion

Märchen anhören

Das Schicksal des Yu

Zur Zeit König Sejongs lebte in der Provinz Yeongnam ein junger Gelehrter namens Yu.

Schon als Kind liebte er Bücher. Während andere auf den Markt eilten oder über Neuigkeiten stritten, konnte Yu stundenlang über alten Texten sitzen, schwierige Wendungen entschlüsseln und darüber nachdenken, was die Weisen vergangener Zeiten wirklich gemeint hatten.

Yu bestand die Staatsprüfungen mit guten Ergebnissen und erhielt eine kleine Stelle an einer konfuzianischen Schule in der Hauptstadt.

Doch Monate vergingen, dann Jahre, und nichts änderte sich.

In der Hauptstadt hatten viele einflussreiche Verwandte, Bekannte oder Gönner.

Yu hatte niemanden.

Er erledigte seine Arbeit gewissenhaft, doch kaum jemand nahm ihn wahr.

Eines Abends sagte er zu sich selbst:

„Vielleicht ist es Zeit, nach Hause zurückzukehren. Ich habe nicht gelernt, um mein ganzes Leben vor fremden Türen zu warten.“

Vor seiner Abreise wollte Yu sich von einem alten Bekannten verabschieden, der als Sekretär im königlichen Palast arbeitete.

„Komm morgen Abend“, sagte der Freund. „Ich habe lange Dienst. Dann sitzen wir noch einmal zusammen und reden vor deiner Reise.“

Am nächsten Abend kam Yu in den Palast.

Doch der Sekretär wurde unerwartet an einen anderen Ort gerufen und vergaß seinen Gast völlig.

Yu wartete lange.

Der Mond stieg über die Dächer.

Die Palasttore wurden geschlossen, und nun konnte er nicht mehr hinaus.

Ein Diener, der Yu kannte, hob entschuldigend die Hände.

„Du wirst bis zum Morgen hierbleiben müssen. Ich finde dir einen ruhigen Platz.“

Aber Yu war nicht müde.

Die Nacht war klar, die Luft kühl, und das Mondlicht lag silbern auf den Steinwegen.

Er ging ein wenig spazieren und merkte gar nicht, dass er weiter in den Palast vorgedrungen war, als es einem gewöhnlichen Besucher erlaubt war.

An einer Stelle war eine alte Mauer beschädigt.

Yu schlüpfte durch die Öffnung und fand sich in einem stillen Garten wieder.

Dort sah er einen Mann in einfacher Kleidung, der unter den Bäumen spazieren ging und sich auf einen Stock stützte. Einige Schritte hinter ihm folgte ein Diener.

Yu verbeugte sich.

„Verzeiht, Herr. Ich glaube, ich habe mich verlaufen. Wem gehört dieser Garten?“

Der Fremde lächelte.

„Man könnte sagen, ich bin hier der Hausherr.“

Yu ahnte nicht, dass vor ihm König Sejong selbst stand.

„Und wer bist du?“, fragte der König.

Yu stellte sich vor und erzählte offen, wie er gelernt, die Prüfungen bestanden, eine bescheidene Stelle erhalten hatte und nun in seine Heimat Yeongnam zurückkehren wollte.

„Warum willst du gehen?“, fragte der Fremde.

„Weil ich mein Leben nicht auf Beziehungen aufbauen möchte, die ich nicht habe“, antwortete Yu. „Wenn mein Wissen hier nicht gebraucht wird, werde ich anderswo eine Verwendung dafür finden.“

Der König sah ihn aufmerksam an.

„Du sagst, du lernst gern. Welche Bücher kennst du am besten?“

„Ich habe vieles gelesen, aber besonders schätze ich das Buch der Wandlungen.“

„Wirklich? Darin gibt es Stellen, über die selbst erfahrene Gelehrte streiten. Wie verstehst du einen der schwierigsten Abschnitte?“

Der König zitierte einige Zeilen.

Yu dachte nach.

Er versuchte nicht, seinen Gesprächspartner mit großen Worten zu beeindrucken.

„Ich könnte mich irren“, sagte er, „aber ich glaube, der Sinn ist folgender.“

Und er begann zu erklären.

Der Fremde stellte weitere Fragen.

Yu antwortete.

Dann sprachen sie über einen anderen Abschnitt und danach über noch einen.

Die Nacht wurde immer stiller.

Irgendwo rief ein Nachtvogel.

Die Laternen wurden schwächer, doch die beiden Männer redeten weiter über Bücher, Entscheidungen, Verantwortung und darüber, wie Wissen den Menschen dienen sollte.

Als der Himmel im Osten heller wurde, sagte der Fremde schließlich:

„Du solltest dich jetzt ausruhen. Ich denke, wir werden uns wiedersehen.“

Yu verbeugte sich und kehrte zu dem besorgten Diener zurück.

Am Morgen packte Yu bereits seine Sachen, als ein königlicher Bote erschien.

„Auf Befehl des Königs wird Yu in eine staatliche Einrichtung berufen, die sich mit Büchern und Literatur beschäftigt.“

Yu las den Befehl zweimal.

„Vom König? Aber ich habe den König doch gar nicht gesehen.“

Der Bote konnte ein Lächeln kaum verbergen.

Erst da begriff Yu, mit wem er in jener Nacht im Garten gesprochen hatte.

Die Nachricht verbreitete sich schnell im Palast.

Einige ältere Beamte waren unzufrieden.

„Majestät“, sagten sie, „dieser Yu ist beinahe unbekannt. Kann man jemanden so schnell befördern?“

Der König hörte ruhig zu.

„Gut“, sagte er.

Die Beamten freuten sich. Sie glaubten, der König werde die Ernennung zurücknehmen.

Am nächsten Tag jedoch erschien ein neuer Befehl.

Yu erhielt eine noch verantwortungsvollere Stelle.

Die Beamten kamen wieder zum König.

„Majestät, wir baten doch darum, nichts zu überstürzen!“

„Ganz richtig“, antwortete Sejong. „Ich habe euch sehr gut gehört.“

Und kurz darauf wurde Yu noch einmal befördert.

Da verstanden die Beamten, dass Einwände ohne Beweise wenig bedeuteten.

Bald veranstaltete der König einen großen Empfang für Gelehrte und Beamte.

Als alle versammelt waren, öffnete er plötzlich das Buch der Wandlungen und las genau den schwierigen Abschnitt vor, über den er mit Yu im Garten gesprochen hatte.

„Wer kann den Sinn erklären?“, fragte Sejong.

Im Saal wurde es still.

Ein Gelehrter senkte den Blick.

Ein anderer räusperte sich.

Ein dritter begann zu antworten, verstrickte sich aber bald in seinen eigenen Worten.

Da wandte sich der König an Yu.

„Und was sagst du?“

Yu stand auf und erklärte den Abschnitt ruhig, klar und genau, genauso wie in jener Mondnacht.

Der König blickte in die Runde.

„Darum habe ich ihm verantwortungsvolle Arbeit anvertraut. Eine Stelle sollte nicht dem zufallen, den alle kennen, sondern dem, der sein Fach versteht und bereit ist, ehrlich zu dienen.“

Diesmal widersprach niemand.

Yu blieb am Hof.

Später wurde er sogar zum Lehrer des Königs in Fragen des Buches der Wandlungen und übernahm schließlich die Leitung jener Einrichtung, in der er einst eine ganz bescheidene Stelle gehabt hatte.

Doch man erzählt, dass er die Nacht im Garten nie vergaß.

Wenn junge Schüler sich beklagten, ihre Mühe werde von niemandem bemerkt, sagte Yu:

„Du kannst nie wissen, wann deine Stunde kommt. Darum lerne nicht für Lob. Mach deine Arbeit gut, auch wenn es so aussieht, als würde niemand zuschauen.“

Denn manchmal kommt das Schicksal nicht mit Trompeten und großem Lärm.

Manchmal begegnet es dir einfach in einem stillen Garten unter dem Mond und stellt dir eine einzige schwierige Frage.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨