Cover: Das Sternenkind

Israel

Das Sternenkind

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Israel
Alter
7–11 Jahre
Dauer
8 Min.
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Das Sternenkind

In einer Zeit, als über den Städten Mesopotamiens nachts Tausende Sterne leuchteten, diente am Hof König Nimrods ein Mann namens Terach.

Eines Abends wurde im Palast ein großes Fest gefeiert.

Musik erklang bis tief in die Nacht.

Lampen brannten.

Die Weisen des Hofes beobachteten den Himmel, denn sie glaubten, die Bewegung der Sterne könne etwas über die Zukunft erzählen.

Unter ihnen war ein alter Sterndeuter.

Plötzlich stand er auf und betrachtete lange einen ungewöhnlich hellen Stern.

„Herr“, sagte er zu Nimrod, „in dieser Nacht wurde ein Kind geboren, das später Dinge infrage stellen wird, die Menschen für unveränderlich halten.“

Nimrod mochte Menschen nicht, die etwas infrage stellten.

„Wessen Kind?“

„Der Sohn Terachs.“

So erfuhr der König von der Geburt des Jungen, den man Abraham nannte.

Nimrod verlangte, das Kind in den Palast zu bringen.

Terach kehrte sehr beunruhigt nach Hause zurück.

„Was tun wir?“, fragte seine Frau.

Er schwieg lange.

Er hatte dem König viele Jahre gedient.

Doch nun musste er eine Entscheidung treffen, die wichtiger war als jedes Amt.

„Wir schützen unseren Sohn.“

In der Nacht brachten die Eltern das Baby in eine sichere Höhle weit vor der Stadt.

Dort gab es Wasser.

In der Nähe wuchsen Dattelpalmen.

Nur wenige Menschen, denen Terach vertraute, kannten das Versteck.

Sie brachten abwechselnd Nahrung und halfen, das Kind zu versorgen.

Dem König sagte man, der Junge sei nicht mehr in der Stadt und niemand wisse, wo er sei.

Mit der Zeit fragte Nimrod nicht mehr nach ihm.

Abraham wuchs fern vom Palast auf.

Dafür lebte er sehr nahe am Himmel.

Er saß oft am Eingang der Höhle und beobachtete die Sonne.

„Vielleicht ist die Sonne das Mächtigste überhaupt. Sie schenkt Licht und Wärme.“

Doch am Abend ging die Sonne unter.

Dann erschien der Mond.

„Vielleicht herrscht der Mond über die Nacht?“

Aber auch der Mond verschwand wieder.

Sterne erschienen und gingen unter.

Wolken verdeckten sie.

Der Wind vertrieb die Wolken.

Alles hatte seine Zeit.

Abraham fragte sich:

„Wenn Sonne, Mond, Wind und Sterne alle ihren eigenen Lauf haben, wer hat ihnen diese Ordnung gegeben?“

Als Abraham etwa zehn Jahre alt war, glaubten seine Eltern, die Gefahr sei vorbei, und holten ihn nach Hause.

Terach freute sich sehr.

Er wollte seinem Sohn das Familienhandwerk beibringen und ließ ihn seinem älteren Bruder Haran im Laden helfen.

Dort verkauften sie Figuren aus Ton und Holz, denen Menschen Gaben brachten und vor denen sie beteten.

Abraham betrachtete sie mit echtem Erstaunen.

Eines Tages kam ein älterer Mann.

„Gib mir ein gutes Götterbild. Mein altes ist heruntergefallen und zerbrochen.“

Abraham nahm eine große Figur vom Regal.

„Wie alt ist der, den du kaufen willst?“

„Woher soll ich das wissen?“

„Er wurde vor wenigen Tagen gemacht. Du selbst bist viel älter. Warum willst du einen um Hilfe bitten, der jünger ist als du und nicht einmal verhindern kann, vom Regal zu fallen?“

Der Mann war verwirrt.

„Du bist ein merkwürdiger Verkäufer.“

„Vielleicht“, lächelte Abraham. „Aber die Frage bleibt.“

Ein anderes Mal brachte eine Frau einen Korb mit Essen.

„Das ist eine Gabe für die Figuren.“

Nachdem sie gegangen war, stellte Abraham einige kleine Statuen auf weiche Tücher und legte der größten einen Holzstock in die Hand.

Haran kam zurück.

„Was ist hier passiert?“

Abraham antwortete sehr ernst:

„Die Frau brachte Essen. Alle wollten zuerst davon nehmen. Da stritten sie sich, und die größte Figur hat die anderen mit dem Stock vertrieben.“

Haran starrte ihn an.

„Mach keine Witze. Sie können sich nicht streiten. Sie können sich überhaupt nicht bewegen.“

Abraham nickte.

„Genau das wollte ich hören.“

Haran schwieg.

Die Geschichte vom ungewöhnlichen Jungen verbreitete sich.

Manche lachten.

Manche wurden ärgerlich.

Manche begannen, dieselben Fragen zu stellen.

Schließlich hörte Nimrod erneut von Abraham.

„Bringt ihn zu mir.“

Im Palast saß Nimrod auf einem hohen Thron.

„Man sagt, du willst dich unseren Figuren nicht beugen.“

„Sie wurden von Menschen gemacht. Ich suche den, der die Menschen und die Welt geschaffen hat.“

Nimrod kniff die Augen zusammen.

„Dann verehre das Feuer. Es ist stark.“

„Wasser löscht Feuer.“

„Dann verehre Wasser.“

„Wolken tragen Wasser.“

„Dann die Wolken.“

„Der Wind bewegt die Wolken.“

„Dann den Wind!“

Abraham lächelte.

„Ein Mensch kann gegen den Wind stehen. Wenn jede Kraft ihre Grenze hat, möchte ich keine davon für den Ursprung aller Ordnung halten.“

Im Saal wurde es still.

Nimrod gefiel diese Antwort nicht.

„Du bist sehr mutig für einen Jungen.“

„Ich stelle nur Fragen. Eine wahre Antwort muss keine Fragen fürchten.“

Der alte Sterndeuter, der Jahre zuvor den hellen Stern gesehen hatte, stand in der Nähe.

Er sah Abraham an und flüsterte:

„Das ist das Kind.“

Nimrod hörte es.

Sein Gesicht wurde streng.

Er wollte Abraham erschrecken.

Im großen Hof wurde ein hohes Feuer entzündet.

„Wenn dein Glaube so stark ist, geh am Feuer vorbei und widerrufe deine Worte nicht.“

Eine Menschenmenge versammelte sich.

Haran stand unter ihnen und sorgte sich um seinen Bruder.

Abraham ging auf das Feuer zu.

Die Hitze war stark.

Doch er wich nicht zurück.

Er prahlte nicht.

Er forderte niemanden heraus.

Er sprach nur leise ein Gebet und ging dort weiter, wo die Flammen hoch aufstiegen.

Da geschah das Wunder, von dem die Menschen später erzählten.

Das Feuer umgab Abraham, berührte ihn aber nicht.

Funken stiegen nach oben.

Der Junge ging ruhig durch die Hitze wie durch Sonnenlicht.

Kurz darauf stand er unversehrt auf der anderen Seite.

Auch niemand um ihn herum wurde verletzt.

Haran lief zu ihm.

„Ich dachte, ich verliere dich.“

„Ich hatte auch Angst“, sagte Abraham.

„Du hattest Angst?“

„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu spüren. Mut bedeutet, der Angst nicht zu erlauben, für dich zu entscheiden.“

Einige Menschen wollten sich vor Abraham verbeugen.

Er hob sofort die Hand.

„Verbeugt euch nicht vor mir. Ich bin ein Mensch wie ihr. Wenn ihr staunen wollt, staunt über die Welt, den Himmel, das Leben und den, der all das geschaffen hat.“

Nimrod sah, dass Angst Abraham nicht zum Schweigen bringen würde.

Er ließ das Feuer löschen.

„Geh. Aber vergiss nicht: Nicht jeder mag Menschen, die Fragen stellen.“

„Und ich werde nicht vergessen“, antwortete Abraham, „dass Fragen zur Wahrheit führen können, wenn man sie stellt, um zu verstehen und nicht um zu streiten.“

Gemeinsam mit Haran ging er nach Hause.

In derselben Nacht trat Abraham wieder vor die Tür und sah zum Himmel.

Wie in seiner Kindheit leuchteten die Sterne.

Manche hell.

Manche kaum sichtbar.

Jeder hatte seinen Weg.

Abraham dachte an die Höhle, die Morgensonne, den Mond, den Laden voller stummer Figuren und den Palast Nimrods.

Er verstand:

Seine größte Reise führte nicht über Straßen und Meere.

Sie führte von einer Frage zur nächsten.

Und sie hatte gerade erst begonnen.

Später wurde Abrahams Name für viele Generationen wichtig.

Doch in dieser alten Legende beginnt sein Weg mit einem Jungen, der in den Himmel schaut und sich traut zu fragen:

„Warum halten wir etwas für wahr?“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨