

Ukraine
Das Stierkalb aus Stroh
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Ukraine
- Alter
- 4–7 Jahre
- Dauer
- 8 Min.

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Das Stierkalb aus Stroh
Ein alter Mann und seine Frau lebten zusammen in einem kleinen Haus. Sie besaßen nicht viel, aber sie verstanden sich gut. Der Alte arbeitete von früh bis spät, seine Frau spann Flachs, kümmerte sich um den Haushalt und fand selbst dann noch einen Grund zum Lächeln, wenn in der Vorratskammer nur eine Handvoll Grütze übrig war.
Eines Abends legte die Frau ihr Spinnrad beiseite und sagte:
„Mach mir ein Stierkälbchen.“
Der Alte rückte erstaunt seine Brille zurecht.
„Ein Stierkälbchen? Wo soll ich denn ein lebendiges hernehmen?“
„Dann mach eines aus Stroh.“
„Aus Stroh?“, fragte der Alte noch verwunderter.
„Aus Stroh. Und bestreich seine Seiten mit etwas Pech, damit es schön fest wird.“
Der Alte schüttelte den Kopf, wollte aber nicht streiten.
„Wenn du es dir nun einmal in den Kopf gesetzt hast, soll es so sein.“
Er sammelte trockenes Stroh, band daraus einen festen Körper, befestigte vier Beine, einen Schwanz und kleine Hörner. Die Frau gab ihm zwei runde Knöpfe für die Augen. Dann bestrich der Alte die Seiten vorsichtig mit klebrigem Pech.
Das Stierkälbchen bestand zwar aus Stroh, sah aber erstaunlich würdevoll aus.
„Was für ein hübscher Kerl!“, freute sich die Frau.
Am nächsten Morgen nahm sie ihr Spinnzeug und führte das Stierkälbchen hinaus in die Steppe.
Sie setzte sich an einen kleinen Hügel, begann zu spinnen und sprach dabei immer wieder:
„Weide nur, weide, kleines Stierlein, während ich mein Garn verspinn. Weide nur, weide …“
Die Sonne wärmte. Der Wind wiegte leise das Gras. Der Frau fielen die Augen zu.
Da kam ein Bär aus dem Wald.
Er sah das Stierkälbchen und staunte.
„Wer bist du denn?“
Das Stierkälbchen antwortete mit ruhiger Stimme:
„Ein kleines Stierkalb bin ich, mein Leib ist aus Stroh, und meine Seiten glänzen vom Pech.“
„Vom Pech?“, fragte der Bär lebhaft. „Das trifft sich gut! Im Dickicht bin ich an Zweigen entlanggestreift und mein Fell ist ganz zerzaust. Gib mir ein wenig Pech, damit ich es glätten kann.“
„Nimm dir etwas“, sagte das Stierkälbchen.
Der Bär legte eine Pfote an seine klebrige Seite.
„Oh … das haftet.“
Er wollte die Pfote wegziehen, doch sie saß fest. Also stemmte er sich mit der zweiten dagegen, und auch die blieb kleben.
„Was bist du denn für ein Stierkalb!“, brummte der Bär.
Das Stierkälbchen sagte nichts. Es machte sich gemächlich auf den Heimweg und zog den Bären hinter sich her.
Als die Frau aufwachte, war das Stierkälbchen verschwunden.
„Du meine Güte! Ist es etwa allein nach Hause gegangen?“
Sie eilte zurück. Vor dem Tor stand das Stierkälbchen, und daneben bemühte sich der Bär, seine Pfoten loszubekommen.
„Sieh nur, wen unser Stierkälbchen mitgebracht hat!“, rief sie ihrem Mann zu.
Der Alte half dem Bären, sich vom Pech zu lösen, und fragte streng:
„Warum hast du nach unserem Stierkälbchen gegriffen?“
Der Bär wurde verlegen.
„Ich wollte nur ein bisschen Pech nehmen. Ich habe nicht daran gedacht, dass ich es dabei beschädigen könnte. Lasst mich gehen, dann bringe ich euch Honig. Im Wald kenne ich eine Baumhöhle, in der die Bienen volle Waben haben.“
„Wenn du nur so viel nimmst, dass den Bienen genug bleibt“, sagte der Alte, „dann sind wir einverstanden.“
Der Bär versprach es und ging davon.
Am nächsten Morgen führte die Frau das Stierkälbchen wieder in die Steppe.
„Weide nur, weide, kleines Stierlein, während ich mein Garn verspinn …“
Und wieder nickte sie ein.
Da kam hinter den Kiefern ein grauer Wolf hervor.
„Wer bist du?“
„Ein kleines Stierkalb bin ich, mein Leib ist aus Stroh, und meine Seiten glänzen vom Pech.“
„Vom Pech? Gib mir etwas davon. Ich bin durch dornige Büsche gelaufen und habe mir die Seiten zerkratzt.“
„Nimm dir etwas.“
Der Wolf berührte das Stierkälbchen und blieb kleben.
Er zerrte einmal, zweimal, dreimal.
„Au weh! Lass mich doch los!“
Doch das Stierkälbchen war bereits auf dem Weg nach Hause und zog den Wolf hinter sich her.
Der Alte befreite auch ihn.
„Man nimmt nichts Fremdes, ohne vorher zu fragen“, sagte er.
„Ich weiß“, antwortete der Wolf. „Lasst mich meinen Fehler wiedergutmachen. Ich kenne einen Hirten, dem ich manchmal helfe, verirrte Schafe wiederzufinden. Ich werde ihn bitten, euch etwas Wolle für eine warme Decke zu geben.“
„Das ist eine gute Idee“, sagten der Alte und seine Frau.
Am dritten Tag kam ein Fuchs zu dem Stierkälbchen gelaufen.
„Wie hübsch du bist! Wer bist du?“
„Ein kleines Stierkalb bin ich, mein Leib ist aus Stroh, und meine Seiten glänzen vom Pech.“
„Vom Pech? Darf ich vielleicht einen winzigen Tropfen haben? Mein Schwanz ist nach dem Regen ganz zerzaust.“
„Nimm dir etwas.“
Der Fuchs strich mit der Seite am Stierkälbchen entlang und blieb ebenfalls hängen.
„Da habe ich meinen Tropfen“, seufzte er.
Das Stierkälbchen brachte ihn nach Hause.
Der Fuchs sagte sofort:
„Ich habe verstanden. Ich hätte zuerst richtig fragen sollen, statt einfach zuzugreifen. Lasst mich frei, dann bringe ich euch Eier von einer Bäuerin, die ich kenne. Ich verscheuche oft die Krähen von ihrem Hühnerhof, deshalb kennt sie mich gut.“
Der Alte lachte.
„Keine Tricks, Füchslein.“
„Keine Tricks“, versprach der Fuchs.
Am nächsten Tag begegnete das Stierkälbchen einem Hasen. Der hatte es so eilig, dass er direkt dagegenlief und mit seiner flauschigen Seite am Pech hängen blieb.
„Ich habe es nicht absichtlich getan!“, rief der Hase sofort. „Ich wollte überhaupt nichts nehmen!“
Die Frau half ihm vorsichtig, sich zu lösen.
„Dann musst du auch nichts ersetzen“, sagte sie.
Der Hase dachte kurz nach.
„Ich bringe euch trotzdem einen Kohlkopf. Nicht weit von hier habe ich einen Garten, und die Ernte ist dieses Jahr gut. Einfach als Geschenk.“
Einige Tage vergingen.
Früh am Morgen hörte man vor der Tür:
Tapp, tapp, tapp.
Der Alte sah hinaus. Dort stand der Bär mit einem Korb voller Honigwaben.
„Wie versprochen. Für die Bienen ist mehr als genug übrig geblieben.“
Kaum hatten sie sich bedankt, meldete sich vor dem Tor der Hirte. Er brachte ein großes Bündel saubere Wolle.
„Der graue Wolf hat mir erzählt, dass er euch etwas schuldig ist. Hier ist Wolle für eine Decke.“
Hinter ihm kam die Bäuerin mit einem Korb Eier.
„Drei Abende lang hat der Fuchs die Krähen von meinem Hof ferngehalten. Er sagte, diese Eier seien für euch.“
Zuletzt hoppelte der Hase heran. Er trug einen Kohlkopf, der so groß war, dass man ihn dahinter kaum sehen konnte.
„Puh, ist der schwer!“, keuchte er. „Aber versprochen ist versprochen!“
Die Frau deckte den Tisch. Der Honig duftete nach Sommer, im Ofen buk schon ein Kuchen, und der Alte rollte die weiche Wolle auseinander.
„Siehst du“, sagte er zu seiner Frau, „was für ein seltsames Stierkälbchen dir da eingefallen ist.“
„Aber ein nützliches“, lächelte sie.
Das Stierkälbchen aus Stroh stand noch lange neben dem Haus. Mit der Zeit trocknete die Sonne jedoch das Pech, der Wind zerzauste das Stroh, und eines Tages nahm der Alte es auseinander und brachte das Stroh als Einstreu in den Stall.
Doch noch viele Jahre später erzählte die Frau gern:
„Was für ein Stierkälbchen wir damals hatten! Es fraß nichts, es muhte nicht, und trotzdem brachte es so viele Abenteuer auf unseren Hof.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
