

Dänemark
Däumelinchen
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Dänemark
- Alter
- 5–9 Jahre
- Dauer
- 11 Min.

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Däumelinchen
In einem kleinen Haus mit einem Garten und Blumen am Fenster lebte eine Frau, die sich mehr als alles andere ein Kind wünschte. So gern hätte sie Kinderlachen in ihrem Haus gehört.
Eines Tages ging sie zu einer alten Zauberin.
„Reichtum brauche ich nicht“, sagte die Frau. „Ich wünsche mir nur ein kleines Mädchen oder einen Jungen, um den ich mich kümmern kann.“
Die Zauberin lächelte und gab ihr ein Samenkorn.
„Pflanze es in einen Blumentopf und gieße es gut.“
Die Frau tat, was sie ihr geraten hatte.
Sogleich wuchs ein grüner Trieb aus der Erde. Nach einigen Tagen erschien eine große Knospe, die wie eine Tulpe aussah. Ihre Blütenblätter waren fest geschlossen.
„Was für eine schöne Blume“, sagte die Frau und küsste sie ganz behutsam.
Da öffnete sich die Knospe.
Mitten in der Blüte saß ein winziges Mädchen, nicht größer als ein Daumen.
„Du bist ja wirklich da!“, flüsterte die Frau.
Das Mädchen streckte ihr die Hände entgegen.
So kam Däumelinchen in das kleine Haus.
Als Bettchen bekam sie eine halbe Walnussschale. Veilchenblätter waren ihre Matratze und ein rosa Rosenblatt ihre Decke.
Tagsüber fuhr Däumelinchen auf einem Tulpenblatt in einem Teller voll Wasser umher. Zwei weiße Haare aus einer Pferdemähne dienten ihr als Ruder. Außerdem konnte sie wunderschön singen, so leise, dass ihre Stimme für Menschenohren wie ein winziges silbernes Glöckchen klang.
Eines Nachts sprang eine große Kröte durch das halb offene Fenster ins Zimmer.
Sie sah Däumelinchen, die in ihrer Nussschale schlief.
„Das wäre eine schöne Braut für meinen Sohn!“, beschloss die Kröte.
Ohne jemanden zu fragen, packte sie das Bettchen und trug es in den Garten.
Hinter dem Garten floss ein breiter Fluss. Zwischen dem Schilf setzte die Kröte die Nussschale auf ein großes Seerosenblatt, weit vom Ufer entfernt.
„Hier kann sie nicht weglaufen“, sagte sie zu ihrem Sohn. „Inzwischen richten wir unser Zuhause her.“
Als Däumelinchen morgens aufwachte, sah sie ringsum nur Wasser.
„Wo bin ich?“
Die Kröte tauchte zwischen den Schilfhalmen auf.
„Bald wirst du bei uns wohnen. Ich habe schon beschlossen, dass du wunderbar zu meinem Sohn passt.“
Däumelinchen wurde blass.
„Aber ich kenne euch doch gar nicht. Ich möchte nicht hier wohnen.“
Die Kröte schien sie nicht zu hören.
„Wir werden alles vorbereiten!“
Sie schwamm davon.
Däumelinchen setzte sich auf das Blatt und weinte.
Unter Wasser schwammen kleine Fische. Sie hatten das ganze Gespräch gehört.
„Das ist doch ungerecht“, sagte einer.
„Sie hat ganz deutlich gesagt, dass sie es nicht möchte“, stimmte ein anderer zu.
Die Fische schwammen zum Stängel der Seerose und bissen ihn durch.
Das Blatt löste sich und trieb mit der Strömung davon.
„Danke!“, rief Däumelinchen.
Der Fluss trug sie immer weiter. Über dem Wasser flogen Libellen, an den Ufern blühten Blumen, und in den Büschen sangen Vögel.
Ein weißer Schmetterling setzte sich auf das Blatt. Däumelinchen nahm ihren Gürtel ab und band ein Ende vorsichtig am Schmetterling fest, das andere am Blatt.
Der Schmetterling flog los, und ihr kleines Boot glitt schneller dahin.
Plötzlich packte ein großer Maikäfer Däumelinchen und trug sie auf einen Baum.
Er setzte sie auf ein grünes Blatt.
„Was für ein seltsames Geschöpf!“, sagte er.
Seine Bekannten kamen angeflogen.
„Sie hat nur zwei Beine!“
„Und keine Fühler!“
„Was für eine schmale Taille!“
Zunächst hatte dem Maikäfer Däumelinchen sehr gefallen. Doch als die anderen über ihr Aussehen spotteten, bekam er Zweifel.
„Vielleicht bist du wirklich nicht besonders schön“, sagte er.
Däumelinchen wunderte sich.
Eben noch hatte er sie wunderschön genannt, und nun sprach er nur die Worte der anderen nach.
„Dann lass mich gehen“, sagte sie.
Der Maikäfer trug sie auf eine Margerite und flog davon.
Däumelinchen blieb allein mitten auf dem Feld zurück.
Den ganzen Sommer lebte sie zwischen den Blumen. Sie trank Tau von den Blättern, aß Blütenstaub und schlief unter einer großen Klette.
Doch der Sommer ging zu Ende.
Die Blätter wurden gelb, die Blumen verwelkten, und ein kalter Wind kam auf.
Däumelinchen wickelte sich in ein trockenes Blatt, aber sie fror trotzdem.
Eines Tages entdeckte sie eine kleine Tür in der Erde.
Dahinter wohnte eine Feldmaus.
„Wer klopft da?“, fragte die Maus.
„Ich bin es. Darf ich mich bei dir ein wenig aufwärmen?“
Als die Maus die kleine, frierende Besucherin sah, ließ sie sie sofort herein.
„Komm nur. Ich habe Korn, ein warmes Zimmer und ein trockenes Bett.“
Däumelinchen war sehr dankbar. Sie half beim Aufräumen, erzählte Geschichten und sang.
Die Feldmaus gewann sie lieb.
„Bleib den ganzen Winter bei mir.“
Nicht weit entfernt lebte ein Maulwurf. Er war wohlhabend und besaß lange unterirdische Gänge und große Vorratskammern. Sonnenlicht mochte er nicht, und Blumen hielt er für unpraktisch.
Eines Tages kam der Maulwurf zu Besuch.
Däumelinchen sang.
Der Maulwurf hielt ganz still.
„Was für eine wunderbare Stimme.“
Von da an besuchte er sie oft.
Einmal bot er Däumelinchen an, ihr seinen Tunnel zu zeigen.
„Ich habe ihn bis zum Feld gegraben. Das ist viel bequemer, als oben umherzulaufen.“
Im Tunnel war es dunkel. Mitten im Gang lag eine Schwalbe.
„Der arme Vogel“, sagte Däumelinchen.
„Diese Vögel sind zu nichts nütze“, erwiderte der Maulwurf. „Den ganzen Sommer fliegen sie nur herum und singen. Und wenn die Kälte kommt, wissen sie nicht, was sie tun sollen.“
Däumelinchen antwortete nicht.
Am Abend ging sie zur Schwalbe zurück. Sie berührte ihre Brust und fühlte plötzlich einen schwachen Herzschlag.
„Sie lebt!“
Däumelinchen deckte den Vogel mit trockenen Blättern zu und brachte ihm Wasser.
Mehrere Tage lang pflegte sie die Schwalbe heimlich.
Eines Abends öffnete sie die Augen.
„Wo bin ich?“
„In einem unterirdischen Tunnel. Du warst ganz durchgefroren.“
Die Schwalbe erinnerte sich, wie sie nach Süden geflogen, von ihrer Schar zurückgeblieben und heruntergestürzt war.
„Du hast mich gerettet, kleines Mädchen.“
Den ganzen Winter blieb die Schwalbe in ihrem warmen Versteck. Däumelinchen brachte ihr Krümel und Wasser.
Im Frühling kam der Vogel wieder zu Kräften.
„Ich fliege der Sonne entgegen“, sagte die Schwalbe. „Setz dich auf meinen Rücken. Wir fliegen zusammen.“
Däumelinchen wäre gern mitgekommen. Doch sie dachte an die Feldmaus, die ihr in der kältesten Zeit ein Zuhause gegeben hatte.
„Ich kann nicht gehen, ohne mich zu verabschieden. Sie würde sich Sorgen machen.“
Die Schwalbe nickte.
„Dann leb wohl. Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder.“
Und sie flog davon.
Im Haus der Feldmaus entstand unterdessen ein neuer Plan.
„Der Maulwurf möchte dich heiraten“, verkündete die Maus fröhlich. „Er hat wunderbare Vorratskammern, geräumige Gänge, und nirgends zieht es. Du hast wirklich Glück.“
Däumelinchen schwieg.
Der Maulwurf war nicht böse. Aber er mochte die Sonne nicht, verstand die Vögel nicht und wollte sein ganzes Leben unter der Erde verbringen.
„Ich möchte ihn nicht heiraten“, sagte sie schließlich.
„Rede keinen Unsinn“, erwiderte die Maus. „Was könnte besser sein als ein warmes Zuhause unter der Erde?“
Däumelinchen wusste, dass es für die Maus wirklich der beste Ort der Welt war.
Aber nicht für sie.
Der Sommer verging. Die Maus und der Maulwurf bereiteten die Hochzeit vor, als wäre alles längst entschieden.
Jeden Tag ging Däumelinchen zu den Ähren hinaus und schaute zum Himmel.
„Liebe Sonne“, flüsterte sie, „vielleicht werde ich dich bald nicht mehr sehen.“
Der Herbst kam.
Und genau da erklang über dem Feld ein vertrauter Ruf.
„Däumelinchen!“
Die Schwalbe landete neben ihr.
„Ich fliege in warme Länder. Möchtest du mitkommen?“
Diesmal zögerte Däumelinchen nicht.
„Ja.“
Sie verabschiedete sich von der Feldmaus und dankte ihr für den Schutz im Winter.
„Du hast mich vor der Kälte gerettet. Das werde ich nie vergessen. Aber ich kann kein fremdes Leben führen, nur weil es jemand anderem bequem erscheint.“
Däumelinchen setzte sich auf den Rücken der Schwalbe und hielt sich gut an einer Feder fest.
Sie flogen über Felder, Wälder und Berge. Unten glänzten Flüsse, und die Wolken schwebten ganz nah an ihnen vorbei.
Endlich erreichten sie ein warmes Land, in dem Weintrauben, Zitronen und riesige Blumen wuchsen.
Die Schwalbe flog zu einem weißen Palast. Auf einer alten Säule hatte sie ihr Nest.
„Such dir eine Blume aus“, sagte sie. „Hier wird es dir gut gehen.“
Däumelinchen ging zu einer großen weißen Blüte.
In ihrer Mitte saß ein winziger junger Mann mit einer goldenen Krone. Auf seinem Rücken glänzten durchsichtige Flügel.
Er war nicht größer als Däumelinchen.
„Willkommen“, sagte er. „Ich bin der König der Blumenelfen.“
Aus den anderen Blüten flogen kleine Männer und Mädchen herbei. Sie lachten und tanzten und wunderten sich überhaupt nicht über ihre Größe.
Zum ersten Mal musste Däumelinchen niemandem erklären, warum sie so klein war.
Der König schenkte ihr ein Paar leichter Flügel.
„Jetzt kannst du von Blume zu Blume fliegen, wenn du möchtest.“
Er sagte ihr nicht, wo sie wohnen sollte. Er entschied nicht, wen sie heiraten musste. Er zeigte ihr einfach eine neue Welt.
Mit der Zeit wurden sie gute Freunde. Und als beide merkten, dass sie zusammenbleiben wollten, beschlossen sie zu heiraten.
Die Blumenbewohner sagten:
„Däumelinchen ist ein schöner Name. Aber du kannst dir jetzt auch einen neuen aussuchen, wenn du möchtest.“
Sie dachte nach.
„Ich möchte Maja heißen.“
Die Schwalbe saß in ihrem Nest und sah zu, wie das kleine Mädchen mit seinen Flügeln über den Blumen kreiste.
Im Herbst flog der Vogel wieder nach Norden.
Er fand das alte Häuschen, in dem einst aus einer Blume ein winziges Mädchen geboren worden war, und sang am Fenster.
Die Frau, die schon lange um das verschwundene Däumelinchen trauerte, hörte in dem Lied eine seltsame Freude.
Es kam ihr vor, als erzählte die Schwalbe:
„Dein kleines Mädchen lebt. Es hat einen Ort gefunden, an dem es ganz es selbst sein kann.“
Und das war wahr.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
