Cover: Der Adler und das Huhn

Philippinen

Der Adler und das Huhn

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Philippinen
Alter
4–8 Jahre
Dauer
5 Min.
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Der Adler und das Huhn

Als die Vögel noch häufig miteinander sprachen, lebte über grünen Hügeln ein Adler. Er flog so hoch, dass er gleichzeitig den Fluss, die Felder und kleine Häuser weit unten sehen konnte.

Auf einem Hof lebte ein Huhn. Es war fröhlich, fleißig und liebte es, unter den Büschen in der Erde zu scharren, denn dort fand sich fast immer etwas Interessantes.

Eines Tages kam der Adler aus dem Himmel herab und setzte sich auf den Zaun.

„Huhn, ich beobachte dich schon lange von oben“, sagte er. „Du bist mutig und aufmerksam. Möchtest du einmal mit mir über die Hügel fliegen?“

Das Huhn sah auf seine breiten Flügel und dann auf die eigenen kleinen.

„Ich würde gern, aber meine Flügel sind längst nicht so stark.“

„Ich bringe dir einige leichte Federn und zeige dir Übungen“, versprach der Adler. „Bis dahin nimm diesen Ring. Er soll das Zeichen unserer Abmachung sein. Wenn ich zurückkomme, zeigst du ihn mir.“

Das Huhn war einverstanden und hängte den Ring vorsichtig an ein dünnes Band um den Hals.

„Ich werde gut darauf aufpassen“, versprach es.

Der Adler schlug mit den Flügeln und flog davon.

Am nächsten Tag kam ein Hahn auf den Hof.

„Was für einen schönen Ring du hast!“, rief er. „Woher ist er?“

Das Huhn erzählte von dem Adler und ihrer Abmachung.

Der Hahn legte den Kopf schief.

„Hoch zu fliegen klingt spannend. Aber brauchst du wirklich einen fremden Ring, um mutig zu sein?“

Das Huhn wurde nachdenklich. Es drehte das Band mit dem Schnabel und nahm den Schmuck schließlich ab.

„Vielleicht nicht.“

Doch statt den Ring sicher aufzubewahren, legte es ihn achtlos auf eine Bank beim Garten.

Ein Windstoß kam. Das Band rutschte hinunter. Der Ring rollte über das Brett, fiel ins Gras und verschwand zwischen trockenem Laub.

Das Huhn bemerkte nichts.

Eine Woche später glitt eines Morgens ein großer Schatten über den Hof. Der Adler war zurück.

Im Schnabel trug er einige schöne leichte Federn.

„Ich habe gebracht, was ich versprochen habe“, sagte er. „Wo ist der Ring?“

Das Huhn berührte seinen Hals und erstarrte.

Der Ring war fort.

Es lief zur Bank, sah darunter nach und suchte zwischen den Büschen.

Nichts.

Dem Huhn wurde heiß vor Scham. Einen Augenblick lang wollte es eine Geschichte erfinden: Der Wind habe den Ring gestohlen oder ein Bach habe ihn fortgetragen.

Dann seufzte es.

„Ich habe ihn abgenommen, unachtsam liegen gelassen und offenbar verloren. Ich hatte versprochen, ihn zu hüten, aber ich habe mein Wort nicht gehalten.“

Der Adler schwieg lange.

„Nicht der Ring macht mich traurig“, sagte er schließlich. „Dinge können verloren gehen. Aber wenn man ein Versprechen gibt, sollte man sorgfältig damit umgehen. Und wenn man seine Meinung ändert, sagt man es besser offen.“

Das Huhn senkte den Kopf.

„Ich verstehe.“

Der Adler legte die Federn auf den Zaun.

„Ich lasse sie dir. Du kannst deine Flügel auch ohne mich trainieren. Aber unsere alte Abmachung ist damit beendet.“

Er breitete die Flügel aus und stieg in den Himmel.

Das Huhn begann sofort, nach dem Ring zu suchen.

Es scharrte im Gras neben der Bank.

Scharr-scharr.

Dann unter dem Busch.

Scharr-scharr-scharr.

Dann im trockenen Laub am Zaun.

„Irgendwo muss er doch sein!“

Bis zum Abend fand es den Ring nicht. Am nächsten Tag suchte es weiter. Und am folgenden ebenfalls.

Später bekam das Huhn Küken. Sie liefen ihrer Mutter hinterher und fragten:

„Mama, was suchst du eigentlich immer?“

„Einen alten Ring und ein wichtiges Versprechen“, antwortete sie.

Die Küken verstanden nicht recht, wie man ein Versprechen in der Erde finden konnte, halfen aber begeistert mit.

Scharr-scharr-scharr.

Mit der Zeit gewöhnten sich die Hühner so sehr ans Scharren, dass sie es sogar taten, wenn sie gar nicht mehr an den Ring dachten. Unter Blättern fanden sie Körner, Samen und kleine Leckerbissen. Die Gewohnheit erwies sich also als nützlich.

Man erzählt, deshalb scharren Hühner bis heute so eifrig im Boden, als hofften sie noch immer, einen kleinen verlorenen Ring zu finden.

Und wenn ein großer Vogel hoch über den Hof fliegt, ruft eine Henne ihre Küken gern näher zu sich. Nicht aus Angst vor einer alten Drohung, sondern weil gute Mütter wissen möchten, wo ihre Kleinen sind.

Wer dem leisen Scharren der Hühner zuhört, kann sich dabei an etwas Einfaches erinnern:

Einen verlorenen Schmuck findet man vielleicht wieder. Vertrauen schützt man am besten von Anfang an.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨