

Indien
Der Affe und das Krokodil
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Indien
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

Märchen anhören
Der Affe und das Krokodil
Am Ufer eines breiten, warmen Flusses wuchs ein großer Baum. Seine Zweige hingen fast bis zum Wasser, und zwischen den dichten Blättern reiften süße Früchte.
In diesem Baum lebte ein geschickter Affe. Er kannte jeden Ast, jede Gabelung und jeden Weg durch die Blätter.
Wenn die Sonne über dem Fluss aufging, frühstückte er reife Früchte und saß danach gern auf dem höchsten Ast, um auf das glitzernde Wasser zu schauen.
Im Fluss lebten Krokodile.
Eines Tages schwamm ein junges Krokodil zum Baum und hörte den Affen sagen:
„Wenn ich nur einmal auf diese Insel mitten im Fluss käme! Man sagt, dort seien die Früchte noch süßer.“
Das Krokodil hob den Kopf.
„Ich kann dich hinüberbringen. Setz dich auf meinen Rücken.“
Der Affe staunte.
„Du wirfst mich wirklich nicht ins Wasser?“
„Warum sollte ich? Ich kann gut schwimmen. Und du zeigst mir dafür, wo die besten Früchte wachsen.“
Der Affe wollte die Insel unbedingt sehen.
Er kletterte herunter, sprang vorsichtig auf den Rücken des Krokodils, und sie schwammen los.
Anfangs war alles wunderbar.
Das Wasser plätscherte, am Ufer bewegte der Wind die Blätter, und der Affe freute sich über sein Abenteuer.
Doch mitten im Fluss tauchte das Krokodil plötzlich unter.
„He!“, rief der Affe, als sie wieder auftauchten. „Ich bin doch kein Fisch! Sag vorher Bescheid!“
Das Krokodil schwieg.
„Was ist los?“, fragte der Affe misstrauisch.
Da gestand das Krokodil:
„Meine Mutter hat von dir gehört. Sie glaubt, das Herz eines Affen habe besondere Kräfte. Sie hat mir befohlen, dich zu ihr zu bringen. Deshalb habe ich dir angeboten, dich zu tragen.“
Dem Affen wurde kalt.
Doch er schrie nicht.
Er bettelte auch nicht.
Stattdessen kratzte er sich nachdenklich am Kinn.
„Ihr braucht also mein Herz?“
„Ja.“
„Ach, Krokodil! Warum hast du das nicht gleich gesagt?“
Das Krokodil war verwirrt.
„Wieso?“
„Ich habe mein Herz auf dem Baum gelassen.“
„Was heißt das?“
„Ganz einfach“, sagte der Affe ernst. „Wenn Affen eine weite Reise machen, lassen sie ihr Herz an einem sicheren Ort. Meines liegt in einer Baumhöhle auf dem höchsten Ast. Hättest du mich gewarnt, hätte ich es mitgenommen.“
Das Krokodil war nicht besonders schlau und glaubte ihm.
„Dann müssen wir zurück!“
„Natürlich. Sonst war die ganze Reise umsonst.“
Das Krokodil drehte um.
Sobald sein Rücken das Ufer berührte, sprang der Affe auf die Wurzeln, raste den Stamm hinauf und verschwand im Laub.
Das Krokodil wartete.
„Nun? Wo ist dein Herz?“
Von oben erklang Lachen.
„Es ist dort, wo auch dein Herz ist! Wer lässt denn sein Herz auf einem Ast liegen? Du wolltest mich täuschen, und ich habe dich ausgetrickst. Schwimm nach Hause und sag deiner Mutter, dass Freundschaft nicht mit einer Falle beginnt.“
Beschämt tauchte das Krokodil die Schnauze ins Wasser und schwamm davon.
Später zog der Affe etwas weiter flussabwärts.
Dort fand er einen noch größeren Baum.
Gegenüber lag wieder eine Insel voller Früchte. Zwischen Ufer und Insel ragte ein großer Stein aus dem Wasser.
Der Affe lernte schnell, vom Ufer auf den Stein und vom Stein auf die Insel zu springen.
Einige Zeit verging.
Eines Abends kam er nach einem langen Tag auf der Insel zurück.
Plötzlich bemerkte er etwas.
Der Stein sah anders aus.
Er wirkte höher.
„Seltsam“, dachte der Affe. „Steine wachsen nicht über Nacht.“
Da ahnte er, dass sich das Krokodil auf dem Stein versteckt hatte.
Aber er wollte sicher sein.
„Guten Abend, lieber Stein!“, rief er laut.
Stille.
„Warum antwortest du heute nicht? Normalerweise begrüßt du mich doch immer!“
Das Krokodil hörte das und dachte:
Also muss der Stein ihm sonst antworten. Wenn ich schweige, wird er misstrauisch.
Mit tiefer Stimme sagte es:
„Guten Abend, Affe!“
Der Affe musste sich beherrschen, nicht laut loszulachen.
„Aha! Du bist es also, Krokodil.“
„Ja“, brummte es. „Und diesmal entkommst du mir nicht. Es gibt keinen anderen Weg ans Ufer.“
Der Affe betrachtete das dunkle Wasser, das Krokodil und dann den Weg zum Baum.
Schließlich sagte er fröhlich:
„Gut. Du hast gewonnen. Mach dein Maul weit auf, dann springe ich direkt hinein.“
Das Krokodil freute sich und öffnete das Maul so weit es konnte.
Wenn Krokodile ihr Maul weit öffnen, sehen sie allerdings nicht besonders gut, was direkt vor ihrer Nase geschieht.
Der Affe nahm Anlauf.
Er sprang nicht ins Maul.
Er landete auf dem Kopf des Krokodils, stieß sich ab und erreichte mit einem zweiten großen Satz das Ufer.
Eine Sekunde später saß er bereits im Baum.
Das Krokodil sah lange zu ihm hinauf.
Schließlich sagte es:
„Du hast mich zweimal überlistet. Ich werde dir nicht mehr nachstellen.“
„Das ist eine kluge Entscheidung“, antwortete der Affe. „Noch klüger wäre es, niemanden zu betrügen, der dir vertraut.“
Das Krokodil hielt diesmal sein Wort.
Der Affe sprang weiterhin zur Insel, um süße Früchte zu holen.
Doch bevor er auf den Stein setzte, sah er immer genau hin, ob dieser über Nacht plötzlich größer geworden war.
Denn Klugheit hilft, aus Schwierigkeiten herauszukommen.
Vorsicht hilft oft schon dabei, gar nicht erst hineinzuraten.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
