Cover: Der angelaufene Pfennig

Niederlande

Der angelaufene Pfennig

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Niederlande
Alter
5–9 Jahre
Dauer
10 Min.
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Der angelaufene Pfennig

Früher sahen Münzen in den Niederlanden ganz anders aus als heute. Manche Pfennige waren aus Silber und glänzten in der Hand wie kleine Stücke Mondlicht.

Die Menschen gewöhnten sich damals erst an Geld. Früher tauschten sie häufiger Dinge direkt miteinander: Fisch gegen Eisen, Salz gegen Fell, Stoff gegen Korn. Nun entstanden in den Städten Läden, Werkstätten und Märkte, auf denen man mit einer kleinen runden Münze viele verschiedene Dinge kaufen konnte.

Und fast sofort entdeckten die Menschen etwas Merkwürdiges.

Eine Münze kann man ausgeben.

Man kann sie aufbewahren.

Man kann mit ihr jemandem helfen.

Und man kann sie so lange anstarren, dass man vergisst, wozu sie überhaupt da ist.

Unter der Erde beobachteten all das die Kabouter, kleine niederländische Haus- und Erdgeister, die in gemütlichen Gängen bei Baumwurzeln und alten Fundamenten lebten.

Kabouter waren sehr verschieden. Manche halfen gern. Andere liebten Streiche. Und einige warteten nur darauf, dass ein Mensch etwas Törichtes tat, um ihn noch ein bisschen weiter in dieselbe Richtung zu schubsen.

Eines Abends versammelte sich ein großer Kabouterrat in einer unterirdischen Halle.

In der Mitte stand ein runder Tisch. Darauf lag ein einziger silberner Pfennig.

„Schaut“, sagte der älteste Kabouter. „Die Menschen glauben, diese kleine Scheibe könne sie glücklich machen.“

„Kann sie das?“, fragte ein junger Kabouter.

„Nicht von selbst“, antwortete der Alte. „Aber es ist sehr interessant zu sehen, was Menschen mit ihr tun.“

Dann erzählte er die Geschichte von drei Brüdern.

Jeder von ihnen verdiente am selben Tag seinen ersten silbernen Pfennig.

Der älteste hieß Vrek. Er nahm die Münze zwischen zwei Finger, hielt sie ins Licht und flüsterte:

„Meine.“

Er legte sie in einen kleinen Geldbeutel.

Am nächsten Tag verdiente er eine zweite.

„Meine.“

Dann eine dritte.

„Auch meine.“

Schon bald hatte Vrek Angst, auch nur eine einzige Münze auszugeben.

Wenn seine Frau bat, die gesprungene Schüssel zu ersetzen, sagte er:

„Sie hält doch noch.“

Wenn das Fenster undicht war:

„Wir stellen einen Eimer darunter.“

Wenn das Nachbarskind Geld für warme Handschuhe sammelte:

„Jemand anderes wird schon helfen.“

Die Zahl der Münzen wuchs.

Die Freude im Haus wurde kleiner.

Nachts holte Vrek seinen Beutel hervor und zählte.

Kling.

Kling.

Kling.

Ein besonders verspielter Kabouter hörte das und sagte:

„Wenn jemand Münzen mehr liebt als Menschen, sollten wir sehen, ob er einen Unterschied merkt, wenn eine davon fehlt.“

In der Nacht kletterte er durch den Kamin, fand Vreks allerersten Pfennig und versteckte ihn in einer Spalte eines alten Bootes am Hafen.

Am Morgen stellte Vrek das ganze Haus auf den Kopf.

„Wo ist meine erste Münze?!“

Er suchte in Töpfen, Schuhen, unter dem Bett und sogar im Zwiebelkorb.

Doch er fand sie nicht.

Und statt sich zu fragen, warum eine einzelne Münze wichtiger geworden war als die Ruhe seiner Familie, schloss er sein übriges Geld nur noch fester weg.

Der zweite Bruder hieß Erlik.

Auch er gab seinen ersten Pfennig nicht sofort aus.

„Er bleibt erst einmal liegen“, sagte er. „Vielleicht wird er morgen wichtiger sein als heute.“

Als er am nächsten Tag eine alte Nachbarin sah, der Brot fehlte, nahm er jedoch eine andere Münze und half ihr.

Als das Dach repariert werden musste, bezahlte er einen Handwerker.

Als ein Kind geboren wurde, kaufte er eine warme Decke.

Und einen Teil seines Verdienstes legte er regelmäßig in einen kleinen Krug.

„Für später“, erklärte er.

„Dann versteckst du also auch Geld?“, fragte seine Frau.

„Nein. Ich gebe ihm Aufgaben.“

„Welche?“

„Manche Münzen sollen uns an einem schweren Tag schützen. Andere sollen heute arbeiten. Und einige sollen jemand anderem etwas Gutes tun.“

Ein freundlicher Kabouter hörte diese Worte und freute sich.

In derselben Nacht schenkte er Erlik einen seltsamen Traum.

Erlik sah einen kleinen silbernen Pfennig eine Straße entlangrollen.

Zuerst verwandelte er sich in ein Buch für ein Kind.

Dann in eine Schüssel mit heißer Suppe.

Dann in ein Brett für die Wand eines neuen Hauses.

Schließlich in ein Bett in einem hellen Zimmer für Kinder, die Schutz und Fürsorge brauchten.

„Geld sollte nicht sinnlos liegen“, sagte der Kabouter im Traum. „Aber es muss auch nicht an einem einzigen Tag verschwinden. Eine gute Münze kennt drei Wege: bewahren, benutzen, teilen.“

Erlik wachte auf und vergaß diesen Traum nie.

Den dritten Bruder nannten die Leute Verschwender, weil sein Geld nie lange in seiner Tasche blieb.

Kaum verdiente er seinen ersten Pfennig, dachte er:

„Ausgeben! Wozu ist Geld sonst da?“

Er kaufte Süßigkeiten, obwohl zu Hause bereits Kuchen lag.

Dann sah er etwas Glänzendes und kaufte es.

Dann noch etwas.

Am Abend war das Geld fort.

In der nächsten Woche geschah dasselbe.

„Wir sollten deine Schuhe reparieren lassen“, erinnerte seine Frau ihn.

„Nächstes Mal.“

„Das Mehl geht aus.“

„Kaufen wir später.“

Doch „später“ verlor jedes Mal gegen die bunte Sache, die direkt vor seinen Augen lag.

Eines Tages hatte er schon vor Mittag alles Geld auf dem Jahrmarkt ausgegeben.

Dann sah er ein Holzpferd, das sein Kind sich sehr wünschte.

Er griff in die Tasche.

Leer.

In die andere.

Auch leer.

Zum ersten Mal fand er das überhaupt nicht lustig.

Zu Hause saß er lange vor der Tür.

„Ich dachte immer, Ausgeben sei dasselbe wie Freude“, sagte er.

„Manchmal ist es das“, antwortete seine Frau. „Aber wenn alles für den ersten Wunsch verschwindet, bleibt für echte Freude vielleicht nichts übrig.“

Am nächsten Morgen nahm der Verschwender drei kleine Krüge.

Auf den ersten schrieb er:

„Nötig.“

Auf den zweiten:

„Später.“

Auf den dritten:

„Freude.“

„Und ein vierter?“, fragte sein Kind.

Der Mann dachte nach und holte noch einen.

Darauf schrieb er:

„Teilen.“

Die Kabouter, die unter dem Fußboden lauschten, flüsterten:

„Das klingt schon besser.“

Die Jahre vergingen.

Vrek hielt sein Geld noch lange viel zu fest. Seine Truhe wurde schwerer, er selbst immer unruhiger.

Eines Tages begriff er plötzlich, dass er keine einzige gute Geschichte über seine Münzen erzählen konnte.

Keine war zu einem Geschenk geworden.

Keine zu einer Reparatur.

Keine zu Hilfe.

Keine zu einem Fest.

Zum ersten Mal öffnete er seine Truhe am hellen Tag.

„Wir reparieren das Fenster“, sagte er zu seiner Frau. „Und wir kaufen eine neue Schüssel.“

Sie war so überrascht, dass sie fast die alte fallen ließ.

Später brachte Vrek einige Münzen zum Handwerker und andere zu einer Familie, die Hilfe brauchte.

Die Truhe wurde leichter.

Doch das Haus fühlte sich plötzlich weiter und luftiger an.

Auch der Verschwender änderte sich.

Er liebte weiterhin Jahrmärkte und Geschenke, aber nun wusste er: Wenn jede Münze eine Aufgabe bekommt, kann man sich heute freuen, ohne morgen Angst haben zu müssen.

Erlik wiederum sparte weiterhin einen Teil seines Einkommens und half anderen.

In seinen Aufzeichnungen hinterließ er später den Wunsch, dass von seinem Ersparten einmal ein Haus für Kinder gebaut werden sollte, die Nahrung, Unterricht, Schutz und einen sicheren Schlafplatz brauchten.

Sehr viele Jahre vergingen.

Alte Holzboote verschwanden.

Flüsse änderten ihren Lauf.

Aus kleinen Siedlungen wurden Städte.

Eines Tages gruben Arbeiter einen Kanal und stießen auf die dunklen Bretter eines sehr alten Bootes.

In einer tiefen Holzspalte fanden sie einen Lederbeutel.

Darin lag ein silberner Pfennig.

Die Münze war dunkel, grünlich angelaufen und glänzte kaum noch.

„Ein verschimmelter Pfennig!“, lachten Kinder, die später im Museum davorstanden.

Der alte Museumswärter lächelte.

„Vielleicht. Interessanter ist aber etwas anderes: Diese Münze lag jahrhundertelang herum und tat gar nichts. Die Münzen, die Menschen vernünftig ausgaben, für das Nötige aufbewahrten oder für etwas Gutes teilten, sind längst zu Dächern, Büchern, Brot, Werkstätten, Schulen und warmen Zimmern geworden.“

Ein Junge an der Vitrine legte den Kopf schief.

„Dann ist die beste Münze nicht die, die am längsten liegen bleibt?“

„Und auch nicht die, die am schnellsten verschwindet“, antwortete der Wärter. „Die beste ist die, der du eine gute Aufgabe gibst.“

Man erzählt, irgendwo unter dem Museumsboden hätten die Kabouter diese Worte gehört und zufrieden genickt.

Denn selbst sie hatten nach all den Jahrhunderten etwas Einfaches gelernt:

Geld ist nur ein kleines Werkzeug.

Weisheit beginnt dort, wo ein Mensch entscheidet, was er damit tun will.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨