

Vereinigte Staaten
Der Angelhaken aus Perlmutt
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Vereinigte Staaten
- Alter
- 7–11 Jahre
- Dauer
- 10 Min.

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Der Angelhaken aus Perlmutt
Auf einer hawaiischen Insel, dort, wo die Morgensonne goldene Wege auf die Wellen malt, lebte ein Fischer namens Ku-ula.
Er kannte das Meer so gut, wie andere Menschen den Weg von ihrem Haus bis zum Tor kennen.
An der Farbe des Wassers erkannte Ku-ula, wo ein Fischschwarm zog.
Am Flug der Vögel sah er, wie sich die Strömung verändert hatte.
Und am Geruch des Windes konnte er sagen, ob der Tag ruhig bleiben würde.
Sein größter Schatz aber war ein kleiner Angelhaken aus hellem Perlmutt.
Er hieß Ka-hu-oi.
Im Sonnenlicht schimmerte er rosa, silbern und grün, als hätte sich ein winziger Regenbogen darin versteckt.
Diesen Haken hatte Ku-ula einst von dem Meeresvogel Ka-manu-wai erhalten.
Seitdem waren die beiden Freunde.
Wenn Ku-ula aufs Meer hinausfuhr, flog der Vogel über seinem Kanu, und der Fischer ließ immer einen Teil seines Fangs für ihn zurück.
Ka-hu-oi war kein gewöhnlicher Angelhaken.
Wenn Ku-ula ihn am richtigen Ort ins Wasser ließ, erschienen rund um das Kanu glänzende Aku-Fische.
Das Wasser funkelte von ihren silbernen Rücken, und bald war genug Fisch im Boot.
Ku-ula fing niemals mehr, als nötig war.
Einen Teil nahm er nach Hause.
Einen Teil teilte er mit den Nachbarn.
Und einige der besten Fische ließ er stets für Ka-manu-wai übrig.
Eines Tages hörte der Herrscher der Insel von dem wunderbaren Haken.
„Man sagt, der Fischer Ku-ula besitzt einen Perlmutt-Haken, vor dem das Meer selbst seine Vorräte öffnet“, sagte er. „Ich will ihn sehen.“
Ku-ula wurde in den Palast gerufen.
Er kam und brachte Ka-hu-oi mit.
Der Herrscher betrachtete den Haken lange.
„Ein schönes Stück“, sagte er. „Lass ihn hier.“
Ku-ula wurde unruhig.
„Das ist nicht nur ein Schmuckstück“, erklärte er. „Ka-hu-oi gehört zu meiner Familie und ist mit dem Meer und unserem Vogel verbunden. Ich kann Euch zeigen, wie er funktioniert. Aber ich kann ihn Euch nicht schenken.“
Der Herrscher war es nicht gewohnt, ein Nein zu hören.
„Von heute an wird der Haken in meiner Schatzkammer aufbewahrt“, sagte er kurz.
Und Ka-hu-oi wurde Ku-ula weggenommen.
Der Fischer kehrte mit leeren Händen nach Hause zurück.
Am nächsten Morgen fuhr er mit einem gewöhnlichen Haken hinaus.
Er fand die richtige Strömung.
Er erkannte die vertrauten Wolken.
Er hörte die Rufe der Vögel.
Doch die Aku-Fische kamen nicht.
Am zweiten Tag geschah dasselbe.
Am dritten ebenfalls.
Ka-manu-wai kreiste über dem Boot und rief unruhig, doch Ku-ula hatte nichts, was er mit ihm teilen konnte.
Die Wochen vergingen.
Im Haus des Fischers gab es immer weniger zu essen.
Bald bekamen Ku-ula und seine Frau einen Sohn.
Sie nannten ihn Ai-ai.
Die Eltern liebten ihn mehr als alles andere.
Doch es kamen so schwere Tage, dass sie nicht mehr wussten, wie sie das Kind satt bekommen sollten.
Eines Abends saß Ku-ula lange am Wasser.
Seine Frau schwieg neben ihm.
Schließlich sagte sie:
„Flussabwärts gibt es eine Stelle, an der jeden Tag Menschen aus dem Palast Wasser holen. Wenn wir Ai-ai in eine starke geflochtene Wiege legen und sie durch den ruhigen Seitenarm genau dorthin treiben lassen, wird ihn jemand finden. Hier hungert er mit uns. Dort hat er wenigstens eine Chance.“
Für die Eltern war es die schwerste Entscheidung ihres Lebens.
Sie flochten eine kleine Wiege aus leichten Ästen, legten weiche Blätter hinein und banden die Seiten sorgfältig fest.
Ku-ula wartete auf ruhiges Wasser und setzte die Wiege in den stillen Seitenarm.
„Meer, das unsere Familie ernährt hat, beschütze unseren Sohn“, flüsterte er.
Ka-manu-wai flog über der Wiege her, als würde er ihr den Weg zeigen.
Am Morgen kam die Tochter des Herrschers mit ihren Dienerinnen zum Wasser.
Sie entdeckte als Erste den seltsamen Korb zwischen den Uferpflanzen.
„Seht! Da ist ein Kind!“
Sie holten Ai-ai aus dem Wasser, wärmten und fütterten ihn und brachten ihn in den Palast.
Die Tochter des Herrschers gewann den Jungen so lieb, dass sie bat, ihn bei sich aufziehen zu dürfen.
So wuchs Ku-ulas Sohn im Palast auf.
Die Jahre vergingen.
Ai-ai wurde ein kluger, aufmerksamer junger Mann.
Das Meer zog ihn magisch an.
Stundenlang konnte er am Ufer sitzen, dem Rauschen der Wellen zuhören und sich wundern, warum ihm die Rufe der Meeresvögel so vertraut vorkamen.
Besonders oft kam ein alter Vogel zu ihm.
Er setzte sich in seine Nähe und betrachtete ihn mit glänzenden Augen.
„Du benimmst dich, als würdest du mich schon ewig kennen“, lächelte Ai-ai.
Es war Ka-manu-wai.
Als Ai-ai erwachsen war, heiratete er die Tochter des Herrschers, mit der er gemeinsam aufgewachsen war.
Eines Tages sagte sie:
„Ich habe noch nie frischen Aku-Fisch gegessen. Man sagt, früher gab es hier sehr viele.“
„Dann versuche ich morgen, einen für dich zu fangen“, antwortete Ai-ai.
Der Herrscher gab ihm einen schönen Haken aus seiner Schatzkammer.
Ai-ai fuhr hinaus, kam aber mit leeren Händen zurück.
„Seltsam“, sagte er. „Der Ort war richtig, das Wasser ruhig. Aber es war, als gäbe es keine Fische.“
Am nächsten Tag probierte er einen anderen Haken.
Wieder nichts.
Da flog der alte Ka-manu-wai direkt auf den Rand des Bootes und rief so laut, als wolle er den jungen Mann endlich auf etwas aufmerksam machen.
Ai-ai kehrte in den Palast zurück.
„Gibt es in der Schatzkammer noch irgendeinen alten Angelhaken? Vielleicht einen, den schon lange niemand benutzt?“
Die Diener durchsuchten Körbe, Truhen und altes Fischereigerät.
Ganz unten in einem alten Gefäß fanden sie einen kleinen Haken aus Perlmutt.
Kaum nahm Ai-ai ihn in die Hand, schrie Ka-manu-wai draußen am Fenster so laut, dass sich alle umdrehten.
„Diesen“, sagte der junge Mann leise. „Genau diesen nehme ich.“
Bei Tagesanbruch fuhr er aufs Meer hinaus.
Der Vogel flog voraus.
Plötzlich zog er einen Kreis und setzte sich aufs Wasser.
Ai-ai ließ Ka-hu-oi hinab.
Und das Meer erwachte.
Aus der Tiefe stiegen ganze Schwärme von Aku-Fischen auf.
Silberne Körper glitten neben dem Kanu vorbei.
Das Wasser leuchtete von ihren Flanken.
Bald hatte der junge Mann so viel gefangen, wie er sicher nach Hause bringen konnte.
Ai-ai fing nicht weiter.
„Genug“, sagte er. „Das Meer war großzügig. Man darf nicht mehr nehmen, als man braucht.“
Er legte einige Fische für Ka-manu-wai beiseite.
Der Vogel setzte sich auf den Rand des Kanus, pickte von seinem Anteil und griff plötzlich nach dem Perlmutt-Haken.
Dann flog er damit davon.
„He!“, rief Ai-ai. „Wo willst du mit dem Haken hin?“
Der Vogel flog am Ufer entlang.
Der junge Mann folgte ihm.
Ka-manu-wai führte ihn zu einem kleinen Haus.
Dort lebten Ku-ula und seine Frau, inzwischen grau geworden.
Der Vogel legte Ka-hu-oi direkt in die Hand des alten Fischers.
Ku-ula erstarrte.
„Unser Haken“, flüsterte er.
Ai-ai sah vom Fischer zum Vogel.
„Woher kennt Ihr ihn?“
Da erzählte Ku-ula alles.
Vom Zauberhaken.
Vom Befehl des Herrschers.
Von den Hungerjahren.
Von der kleinen Wiege auf dem stillen Wasser.
Und von dem Vogel, der dem Kind gefolgt war.
Ai-ai hörte schweigend zu.
Dann fragte er:
„War an der Wiege ein rotes geflochtenes Band befestigt?“
Ku-ulas Frau schlug die Hände vor den Mund.
„Ja. Ich habe es selbst angebunden.“
Ai-ai hatte dieses Band sein ganzes Leben lang aufbewahrt.
Es gehörte zu den wenigen Dingen, die man in der Wiege gefunden hatte.
So erkannten Eltern und Sohn einander.
Als die Wahrheit ans Licht kam, stellte sich die Tochter des Herrschers auf die Seite ihres Mannes.
„Man darf eine fremde Sache nicht behalten, nur weil man stärker ist“, sagte sie zu ihrem Vater. „Diese Familie hat wegen des Hakens nicht nur die Möglichkeit verloren, Fische zu fangen. Sie hat viele gemeinsame Jahre verloren.“
Dem Herrscher wurde klar, wie ungerecht er gehandelt hatte.
Er ging persönlich zu Ku-ula.
„Ich habe Unrecht getan“, sagte er. „Ka-hu-oi gehört dir und deiner Familie. Ich hatte kein Recht, anders zu entscheiden.“
Ku-ula nahm die Entschuldigung an.
Aber er sagte:
„Der Haken darf niemals der Gier dienen. Er soll den Menschen helfen, in Einklang mit dem Meer zu leben.“
Von da an blieb Ka-hu-oi bei der Familie von Ku-ula und Ai-ai.
Wenn nach einem Sturm Menschen Nahrung brauchten oder Nachbarn Hilfe benötigten, nahmen sie ihn mit aufs Meer.
Doch sie fingen nie mehr, als gebraucht wurde.
Ka-manu-wai flog weiterhin über ihrem Kanu.
Man erzählt, er wachte aufmerksam über den Perlmutt-Haken und ließ nicht zu, dass ihn noch einmal jemand fortnahm.
Und wenn über einer stillen hawaiischen Bucht plötzlich ein weißer Flügel aufblitzt und eine Welle für einen Augenblick perlmuttfarben schimmert, sagen alte Fischer:
„Schaut genau hin. Vielleicht prüft Ka-manu-wai gerade, ob die Menschen noch wissen, dass das Meer großzügig zu denen ist, die ein Geschenk nicht mit dem Recht verwechseln, alles zu nehmen.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
