Cover: Der Bambusschneider und das Mondkind

Japan

Der Bambusschneider und das Mondkind

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Japan
Alter
6–10 Jahre
Dauer
11 Min.
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Der Bambusschneider und das Mondkind

Nicht weit von grünen Hügeln in Japan lebte ein alter Bambusschneider mit seiner Frau.

Jeden Tag ging er in den Bambushain. Er schnitt gerade, kräftige Stängel, trug sie nach Hause und fertigte daraus Körbe, Becher, kleine Kästchen und andere Dinge, die er später auf dem Markt verkaufte.

Das Paar lebte bescheiden. Sie hatten eine kleine Hütte, einen Garten und alles, was man für ein einfaches Leben brauchte. Doch ein alter Kummer begleitete sie: Sie hatten keine Kinder.

Eines Morgens arbeitete der Mann wie gewöhnlich im Hain. Sonnenlicht fiel durch die schmalen Blätter, und hoch über ihm rauschte der Wind.

Plötzlich bemerkte er zwischen den gewöhnlichen grünen Halmen einen, der von innen in sanftem goldenen Licht leuchtete.

„Was ist das für ein Wunder?“, flüsterte er.

Vorsichtig beugte er sich hinunter und schnitt den Bambus auf.

In einer kleinen Höhlung saß ein winziges Mädchen. Es war kaum größer als seine Hand und leuchtete so zart, als hätte sich ein Strahl des Mondes im Bambus versteckt.

Der alte Mann erstarrte vor Staunen.

„Haben die Himmel unsere Gebete gehört?“

Er wickelte das Kind in den Ärmel seines Gewands und eilte nach Hause.

Als seine Frau das Mädchen sah, füllten sich ihre Augen mit Freudentränen.

„Sie ist nicht zufällig zu uns gekommen“, sagte sie. „Wir werden sie lieben wie unsere eigene Tochter.“

So zog ein Mondkind in ihre Hütte ein.

Von diesem Tag an geschahen noch weitere Wunder. Wenn der Bambusschneider im Hain einen leuchtenden Halm entdeckte, fand er darin manchmal eine kleine Goldmünze oder einen Edelstein. Nach und nach musste das Paar keine Not mehr leiden. Ihr größter Schatz blieb jedoch das Mädchen.

Sie wuchs nicht wie ein gewöhnliches Kind. Innerhalb weniger Monate war sie so groß wie andere Mädchen erst nach vielen Jahren. Ihr Haar war dunkel und glänzend, ihr Gesicht hell wie der Nachthimmel neben dem Vollmond.

Sie erhielt den Namen Prinzessin Mondglanz.

Doch noch mehr als ihre Schönheit freuten die alten Leute sich über ihr sanftes Wesen. Sie half ihrer Mutter, lauschte gern dem Rascheln des Bambus und blickte oft lange zum Mond hinauf, ohne erklären zu können, warum er ihr so vertraut vorkam.

Die Nachricht von dem außergewöhnlichen Mädchen verbreitete sich weit. Reiche und vornehme junge Männer kamen zur Hütte. Jeder wollte die Prinzessin sehen, und manche baten sofort um ihre Hand.

Prinzessin Mondglanz hatte es nicht eilig, jemandem zuzustimmen.

„Sie kennen mich kaum“, sagte sie zu ihrem Vater. „Wie kann man versprechen, sein ganzes Leben mit jemandem zu verbringen, nur weil man von seiner Schönheit gehört hat?“

Der Alte verstand sie. Doch fünf besonders hartnäckige Bewerber gaben auch nach Monaten nicht auf.

Da sagte die Prinzessin:

„Wenn sie behaupten, für mich zu allem bereit zu sein, sollen sie nicht ihren Reichtum beweisen, sondern ihre Ehrlichkeit und Ausdauer. Jeder bekommt eine Aufgabe.“

Der erste sollte Buddhas steinerne Bettelschale aus dem fernen Indien bringen.

Der zweite sollte einen wundersamen Zweig vom Berg Hōrai finden, wo der Legende nach Bäume mit silbernen Wurzeln, goldenen Stämmen und Früchten aus Edelsteinen wachsen.

Der dritte sollte das Fell einer Feuermaus bringen, das angeblich im Feuer nicht brennt.

Der vierte sollte eine kostbare Perle vom Hals eines Meeresdrachen holen.

Der fünfte sollte einen seltenen Schatz finden, der bei einem Schwalbennest verborgen war.

Die Bewerber zogen los.

Einige Zeit verging.

Der erste wollte die lange Reise nicht auf sich nehmen. Er fand in einem Tempel eine alte Steinschale, polierte sie und gab sie als heilige Reliquie aus.

Die Prinzessin sah sie nur kurz an.

„Eine echte heilige Schale müsste durch Wahrheit glänzen, nicht durch Polieren. Ihr wolltet mich täuschen.“

Beschämt zog der Mann davon.

Auch der zweite Bewerber versuchte es mit einer List. Er bezahlte Handwerker dafür, einen prächtigen goldenen Zweig mit silbernen Blättern und Edelsteinfrüchten herzustellen.

Das Kunstwerk war tatsächlich wunderschön.

„Hier ist der Schatz vom Berg Hōrai!“, verkündete er stolz.

Doch genau in diesem Moment erschienen die Handwerker.

„Verehrter Herr“, sagten sie, „Ihr habt diesen Zweig bei uns bestellt, aber uns noch immer nicht bezahlt.“

Vor allen kam die Wahrheit ans Licht.

Die Prinzessin gab dem Mann den Zweig zurück.

„Eine schöne Sache kann man mit Gold herstellen. Eine wahre Geschichte kann man mit Gold nicht kaufen.“

Der dritte Bewerber kaufte einem Händler ein seltenes Fell ab. Der Verkäufer versicherte ihm, dass es nicht brennen könne.

„Dann prüfen wir es“, schlug die Prinzessin vor.

Man hielt das Fell an eine Flamme, und sofort begann es zu schwelen.

„Also hat man Euch betrogen“, sagte sie. „Aber Ihr selbst wolltet mir etwas bringen, das Ihr nicht einmal überprüft habt.“

Der vierte Bewerber segelte tatsächlich hinaus, um einen Drachen zu suchen. Doch ein heftiger Sturm zog auf. Das Schiff ächzte in den Wellen, und plötzlich begriff der Mann, dass keine Perle das Leben seiner Leute wert war.

Er befahl umzukehren.

Als die Prinzessin davon hörte, verspottete sie ihn nicht.

„Wenigstens habt Ihr rechtzeitig verstanden, dass die Sicherheit anderer wichtiger ist als Stolz“, sagte sie.

Der fünfte Bewerber beeilte sich bei seiner Aufgabe so sehr, dass er beinahe von einer hohen Leiter stürzte. Danach gab auch er das sinnlose Risiko auf.

So verließen die fünf Bewerber einer nach dem anderen das Haus des Bambusschneiders.

Wieder verging Zeit, und schließlich hörte sogar der Kaiser von der außergewöhnlichen Prinzessin.

Er wollte das Mädchen kennenlernen, über das im ganzen Land gesprochen wurde. Zunächst lehnte sie ein Treffen ab, weil sie müde von Menschen war, die in ihr nur ihre ungewöhnliche Schönheit sahen.

Eines Tages kam der Kaiser dennoch in die Gegend, und sie begegneten einander im Garten.

„In der Hauptstadt gäbe es einen ehrenvollen Platz für Euch“, sagte er.

Die Prinzessin verbeugte sich.

„Ich danke Euch. Aber mein Zuhause ist hier, bei den Menschen, die mich großgezogen haben.“

Der Kaiser war überrascht, akzeptierte jedoch ihre Antwort.

„Dann werde ich Euch nicht zwingen.“

Von da an tauschten sie gelegentlich Briefe und Gedichte aus. Der Kaiser schätzte den Verstand der Prinzessin ebenso sehr wie ihre Schönheit.

Das Leben schien ruhig geworden zu sein.

Doch eines Sommers bemerkte der Bambusschneider, dass seine Tochter sich verändert hatte.

An warmen Abenden ging sie in den Garten und sah lange zum Mond hinauf. Manchmal glänzten Tränen in ihren Augen.

„Meine Tochter, was macht dich traurig?“, fragte ihre Mutter.

„Nichts“, antwortete sie zunächst.

Doch je näher der Vollmond im August rückte, desto schwerer konnte sie ihren Kummer verbergen.

Schließlich setzte sie sich mit ihren Adoptiveltern zusammen.

„Ich muss euch die Wahrheit sagen.“

Die beiden sahen sie besorgt an.

„Ich wurde nicht auf der Erde geboren. Meine wahre Heimat ist das Reich des Mondes. Einst wurde ich geschickt, eine Zeit lang unter den Menschen zu leben. Deshalb habt ihr mich im leuchtenden Bambus gefunden.“

Ihre Mutter drückte ihre Hand fester.

„Aber du bist unsere Tochter.“

„Und in meinem Herzen werde ich es immer bleiben“, antwortete die Prinzessin. „Doch in der fünfzehnten Nacht dieses Monats werden sie kommen, um mich zu holen. Ich kann nicht bleiben, so sehr ich es auch möchte.“

Der Bambusschneider wollte es nicht glauben.

„Wir schließen die Tore! Ich rufe Wachen! Niemand wird dich fortbringen!“

Die Nachricht erreichte den Kaiser. Er schickte Soldaten, die das Haus bewachen sollten.

In der bestimmten Nacht standen Hunderte Menschen rund um die Hütte. Die Tore waren verriegelt. Bogenschützen blickten zum Himmel.

Der Vollmond stieg über die Berge.

Zunächst blieb alles still.

Dann wurde der Himmel heller, als bräche der Morgen an. Aus dem Mondlicht sank langsam eine weiße Wolke herab. Darauf standen himmlische Boten, und neben ihnen wartete ein leichter, leuchtender Wagen.

Die Soldaten wollten ihre Waffen heben, doch ihre Arme wurden schwer. Niemand wurde verletzt. In diesem Augenblick konnte sich irdische Kraft einfach nicht mit der des Mondes messen.

Die Türen des Hauses öffneten sich von selbst.

Die Prinzessin trat zu ihren Eltern hinaus.

„Weint nicht“, flüsterte sie, obwohl sie selbst kaum die Tränen zurückhalten konnte. „Ihr habt mir etwas gegeben, das man weder im goldenen Bambus noch in Palästen finden kann. Ihr habt mir eine Familie gegeben.“

Ihre Mutter umarmte sie.

„Wirst du uns auf dem Mond vergessen?“

„Niemals.“

Sie ließ ihren Eltern ein wunderschönes Gewand als Andenken zurück und schrieb dem Kaiser einen Abschiedsbrief.

Dem Brief legte sie ein kleines Gefäß mit einem Elixier langen Lebens bei.

„Gebt es dem Kaiser“, sagte sie. „Und sagt ihm, dass ich für seinen Respekt und seine Freundschaft dankbar bin.“

Die himmlischen Boten legten ihr einen leichten Mantel um die Schultern. Man sagt, dieser Mantel konnte irdischen Kummer lindern. Doch bevor die Prinzessin in den Wagen stieg, blickte sie noch einmal zurück auf die alte Hütte, den Bambushain und die beiden Menschen, die zu ihrer wirklichen Familie geworden waren.

Dann stieg der Wagen in den Himmel.

Höher und höher.

Schließlich wurde er zu einem kleinen hellen Punkt neben dem Vollmond und verschwand.

Als der Kaiser den Brief gelesen hatte, schwieg er lange.

Man brachte ihm das Elixier.

„Man sagt, wer davon trinkt, wird außergewöhnlich lange leben“, erklärte ein Diener.

Der Kaiser sah zum Mond.

„Was nützt mir ein endlos langes Leben, wenn die Menschen, die uns etwas bedeuten, trotzdem weit entfernt sein können?“

Er befahl, den Brief und das Elixier auf den Gipfel des höchsten Berges zu tragen, der dem Himmel am nächsten war. Dort sollten sie verbrannt werden, damit der Rauch seine Worte bis ins Mondreich trug.

So erhielt dieser Berg, einer alten Legende zufolge, einen besonderen Platz in der Erinnerung der Menschen. Man verband ihn mit Unsterblichkeit und mit dem Rauch, der einst vom Gipfel des Fuji aufgestiegen sein soll.

Der alte Bambusschneider und seine Frau gingen noch viele Jahre am Abend in den Garten.

Wenn der Vollmond über dem Bambus erschien, sagten sie nicht:

„Unsere Tochter ist fort.“

Sie sagten:

„Sieh nur. Heute ist ihr Licht wieder bei uns.“

Dann raschelte der Bambus leise im Nachtwind, als erinnere auch er sich an das winzige leuchtende Kind, das einst in einem grünen Halm erschienen war und den Menschen eine einfache Wahrheit gezeigt hatte:

Familie entsteht nicht nur durch Geburt. Familie entsteht durch Liebe, Fürsorge und die Zeit, die man miteinander teilt.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨