Cover: Der blinde Mann

Laos

Der blinde Mann

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Laos
Alter
7–10 Jahre
Dauer
9 Min.
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Der blinde Mann

In einem kleinen Dorf lebte ein junger Mann, der seit seiner Geburt blind war.

Er kannte die Stimmen seiner Nachbarn, fand Wege nach dem Klang von Schritten und dem Rauschen der Bäume und konnte viele Arbeiten mit den Händen sehr geschickt erledigen.

Doch eine Schwäche hatte er:

Er gab nur ungern zu, wenn er bei etwas Hilfe brauchte.

Nicht weit entfernt lebte ein wohlhabender Mann mit seiner Tochter.

Als die Zeit kam, über ihre Zukunft nachzudenken, sagte der Vater:

„Ich wünsche mir, dass du einen fleißigen und ehrlichen Menschen an deiner Seite hast. Die Hände von Menschen, die viel arbeiten, sind oft rau. Sieh nicht nur auf schöne Worte, sondern auf Taten.“

Der junge Mann hörte von diesem Rat und wollte der jungen Frau unbedingt gefallen.

Doch statt offen von sich zu erzählen, versuchte er zu tricksen.

Er rieb seine Handflächen mit rauen Reisschalen, damit sie noch stärker nach schwerer Arbeit aussahen, und ging um ihre Hand bitten.

Die junge Frau berührte seine Hände und dachte:

„Er arbeitet bestimmt sehr viel.“

So heirateten sie.

Am Anfang ging alles gut.

Der Mann kannte sich im Haus schnell aus.

Er wusste, wo jedes Ding stand.

Seine Frau bemerkte lange nicht, wie viel er vor ihr verbarg.

Eines Tages stellte sie mehrere Schalen mit verschiedenen Speisen auf den Tisch.

Der Mann tastete zufällig nur eine Schüssel und aß den ganzen Mittag daraus.

„Warum probierst du nichts von den anderen Sachen?“, fragte seine Frau.

Sofort erfand er eine Antwort.

„Wenn etwas gut schmeckt, wozu zwischen vielen Schalen hin und her wechseln?“

Er sagte es so ernst, dass seine Frau nur lächelte.

Ein anderes Mal bat sein Schwiegervater ihn um Hilfe auf dem Feld.

Er sollte den Pflug in geraden Furchen führen.

Der junge Mann wollte nicht sagen, dass er dafür jemanden brauchte, der ihm die Richtung angab.

Also begann er allein.

Zuerst ging er gerade.

Dann ein wenig zur Seite.

Dann noch mehr.

Bald schlängelten sich die Furchen über das Feld, als hätte dort eine riesige Schlange getanzt.

„Was ist das für eine Art zu pflügen?“, fragte der Schwiegervater erstaunt.

„Eine besondere“, antwortete der Mann schnell. „So bleibt das Regenwasser länger auf dem Feld.“

Der Schwiegervater kratzte sich am Kopf, sagte aber nichts.

Damit waren die Abenteuer nicht vorbei.

Eines Tages trug der Mann einen Korb Reis und stolperte neben einem großen Getreidehaufen.

Er fiel bis zur Hüfte hinein.

„Hast du dich verletzt?“, fragten die Leute.

„Nein, nein“, sagte er und stand schnell auf. „Ich habe nur geprüft, ob genug Reis da ist.“

Als es einmal im Nachbarhof brannte und alle zu Hilfe liefen, wusste der Mann nicht genau, wo er sich befand, und geriet beinahe in den Rauch.

Jemand hielt ihn rechtzeitig zurück.

„Ich wollte nur herausfinden, aus welcher Richtung der Wind kommt“, erklärte er wieder.

Je mehr er die Wahrheit versteckte, desto schwieriger wurde alles.

Denn jede Ausrede brauchte die nächste.

Schließlich begann sein Schwiegervater zu ahnen, dass nicht seltsame Gewohnheiten hinter all dem steckten.

Eines Morgens hängte er einem Büffel ein Glöckchen um den Hals.

„Hilf mir, das Tier aus dem Hof zu holen.“

Der Mann hörte die Glocke und ging sicher auf den Klang zu.

Doch der Schwiegervater nahm die Glocke heimlich ab und hielt sie einmal rechts, dann links.

Der Schwiegersohn folgte dem Geräusch.

Da verstand er, dass man ihn prüfte.

Er blieb stehen.

„Genug“, sagte der Schwiegervater. „Ich bin nicht böse, weil du blind bist. Ich bin böse, weil du von Anfang an Angst hattest, die Wahrheit zu sagen.“

Der junge Mann senkte den Kopf.

„Ich dachte, man würde mich für schwach halten.“

„Um Hilfe zu bitten, wenn man sie braucht, ist keine Schwäche“, sagte der Schwiegervater. „So zu tun, als bräuchte man niemals Unterstützung, kann dagegen gefährlich werden. Für dich und für andere.“

Der Mann schämte sich.

Er beschloss, für einige Zeit fortzugehen und über diese Worte nachzudenken.

Mit seinem Stock tastete er den Weg vor sich ab.

Nach einer Weile hörte er schweres Atmen.

„Wer ist da?“, fragte er.

„Ein Reisender“, antwortete eine Männerstimme. „Ich kann den Weg gut sehen, aber meine Beine gehorchen mir kaum. Mehr als ein paar Schritte schaffe ich nicht.“

Der blinde Mann dachte nach.

„Dann können wir uns vielleicht gegenseitig helfen. Du wirst meine Augen, und ich werde deine Beine.“

Er nahm den neuen Bekannten auf den Rücken.

Gemeinsam gingen sie weiter.

„Vor uns liegt eine Wurzel. Etwas nach links“, sagte der Mann oben.

„Halt dich fest, hier geht es bergauf“, antwortete der andere.

Ein Weg, der für jeden allein schwierig gewesen wäre, wurde gemeinsam viel leichter.

Am Abend trafen sie einen alten wandernden Weisen.

Er hörte ihre Geschichte und lächelte.

„Ihr habt bereits etwas Wichtiges gefunden“, sagte er. „Niemand muss alles allein können. Manchmal können zwei sehr verschiedene Menschen gemeinsam etwas schaffen, das keiner allein geschafft hätte.“

Vor dem Abschied fügte er geheimnisvoll hinzu:

„Und wenn euch etwas Seltsames begegnet, greift nicht gleich nach der Angst. Haltet zusammen. In Märchen kommt Hilfe manchmal in einer völlig unerwarteten Gestalt.“

Am nächsten Tag gingen die Freunde durch einen dichten Wald.

In einem großen Baum hörten sie junge Vögel piepsen.

„Dort ist ein Nest“, sagte der Mann auf den Schultern. „Eine große Schlange kriecht hinauf.“

„Dann müssen wir sie von den Jungen fernhalten.“

Sie gingen näher.

Der blinde Mann nahm einen langen Ast und schlug damit gegen den Boden.

Die Schlange zischte, bog ab und verschwand im Gras.

Bevor sie ganz fort war, berührte sie den Ast.

Ein warmes Schimmern lief durch das Holz, wie Sonnenlicht im Wasser.

Das Licht glitt über die Hände des Mannes zu seinem Gesicht.

Für einen Augenblick wurde es so hell, dass er die Augen schloss.

Als er sie öffnete, sah er etwas völlig Neues.

Grüne Blätter.

Braune Rinde.

Blauen Himmel zwischen den Zweigen.

Er blieb reglos stehen.

„Ich ... sehe“, flüsterte er.

Sein Freund glaubte es zunächst nicht.

Doch das magische Licht zitterte noch auf dem Ast.

Es berührte auch seine Beine.

Plötzlich spürte er darin eine Kraft, die er lange nicht gekannt hatte.

Vorsichtig setzte er die Füße auf den Boden.

Ein Schritt.

Dann ein zweiter.

Dann ein dritter.

Mitten im Wald standen beide Männer und lachten vor Freude.

„Das ist nun wirklich ein Märchen“, sagte der eine.

„Der Weise hat uns gewarnt“, antwortete der andere.

Gemeinsam kehrten sie zum Dorf zurück.

Die Frau des Mannes sah ihn auf der Straße und lief ihm entgegen.

„Du bist zurück!“

„Ja“, sagte er. „Und diesmal möchte ich mit der Wahrheit anfangen.“

Er erzählte alles.

Wie er Angst gehabt hatte zu sagen, dass er blind war.

Wie er immer neue Ausreden erfunden hatte.

Wie er einen Freund getroffen hatte, mit dem beide gelernt hatten, einander zu helfen.

Und wie im Wald das Wunder geschehen war.

Der Schwiegervater hörte schweigend zu.

Dann nickte er.

„Jetzt hast du verstanden, was ich von Anfang an meinte. Ehrlichkeit ist wichtiger, als stark zu wirken.“

„Ja“, sagte der Mann. „Und noch etwas: Ein Mensch kann viele Dinge auf seine eigene Weise tun. Aber das bedeutet nicht, dass er verstecken muss, wenn er Unterstützung braucht.“

Sein Freund blieb noch einige Tage im Dorf.

Dann zog er weiter.

Sie verabschiedeten sich als gute Freunde.

Von da an schämte der Mann sich nicht mehr, offen zu sagen, was er konnte und was nicht.

Auch nach dem wunderbaren Zauber vergaß er die wichtigste Lektion seiner Reise nicht.

Wahre Stärke bedeutet nicht, so zu tun, als wäre man unfehlbar.

Wahre Stärke bedeutet, sich selbst zu kennen, anderen zu vertrauen und keine Angst vor der Wahrheit zu haben.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨