Cover: Der Diener des Lama

China

Der Diener des Lama

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
China
Alter
7–10 Jahre
Dauer
8 Min.
Audioversion

Märchen anhören

Der Diener des Lama

Hoch in den tibetischen Bergen, wo schmale Pfade zwischen felsigen Hängen verliefen und der Wind die Gebetsfahnen zum Klingen brachte, lebte ein alter Lama. Sein kleines Haus stand fast auf der Spitze eines Hügels. Er liebte die Stille, schlichtes Essen und lange Stunden ruhigen Nachdenkens.

Ein junger Diener namens Rindzin half ihm.

Rindzin war fröhlich, erfinderisch und außergewöhnlich schlagfertig. Nur gleichmäßig und geduldig zu arbeiten, lag ihm weniger. Wenn sich eine Aufgabe auf einem kürzeren Weg erledigen ließ, suchte Rindzin ihn bestimmt. Und wenn es keinen kürzeren Weg gab, versuchte er manchmal, einen zu erfinden.

Der Lama aß sehr einfach: Gerstenmehl, Butter, Käse, Fladenbrot und Gemüse. Er lehrte Rindzin, keinem Lebewesen unnötig zu schaden.

„Essen soll uns stärken, nicht grausam machen“, sagte er.

Rindzin nickte, seufzte aber manchmal über seiner Schüssel Gerstenbrei.

Eines Tages verirrte sich ein Schaf aus einer Herde, die unten im Tal weidete, bis vor das Haus. Rindzin fing es ein und band es im unteren Raum fest, damit es nicht über den steilen Hang davonlief.

Dann stieg er zum Lama hinauf.

„Meister, ich habe ein fremdes Schaf gefunden. Haltet bitte kurz das Seil, während ich den Hirten suche.“

Der Lama nahm das Seil.

„Gut. Aber bleib nicht lange weg.“

Rindzin ging nach unten. Doch statt sofort ins Tal zu laufen, wollte er sich einen Spaß machen. Er zog das Schaf leicht in die eine Richtung, während der Lama, der die Spannung im Seil spürte, in die andere zog.

„Was für ein störrisches Tier!“, murmelte Rindzin.

Das Schaf erschrak, blökte laut, riss das Seil los und sprang hinaus.

Gerade in diesem Moment kam der Hirtenjunge, der nach seinem verlorenen Schaf suchte.

Er sah Rindzin mit dem Seil in der Hand.

„Was machst du da?“, fragte er ärgerlich.

Rindzin öffnete schon den Mund für eine neue Ausrede, doch der Junge kam ihm zuvor.

„Ich habe alles gesehen. Du wolltest die Verantwortung wieder mit einer List auf jemand anderen schieben.“

Das Schaf lief inzwischen ruhig zu seiner Herde zurück.

Am Abend erzählte der Hirtenjunge dem Lama, was geschehen war.

Der Alte schwieg lange.

„Rindzin, Klugheit ist etwas Gutes. Aber wenn man sie benutzt, um eine Unwahrheit zu verstecken, ist sie keine Weisheit mehr.“

Rindzin senkte den Kopf.

„Ich wollte doch nur einen Spaß machen.“

„Ein Spaß, für dessen Folgen ein anderer geradestehen soll, ist kein besonders guter Spaß. Du solltest eine Weile selbstständig leben und lernen, für dich selbst Verantwortung zu tragen.“

So packte Rindzin ein kleines Bündel und stieg vom Berg hinunter, um sein Glück zu suchen.

Zuerst war er traurig. Doch lange traurig sein konnte er nicht. Bald pfiff er schon wieder vor sich hin und betrachtete neugierig die Straße.

Gegen Abend holte er einen anderen jungen Mann ein.

„Wohin gehst du?“, fragte der Fremde.

„Wohin mich meine Füße tragen“, antwortete Rindzin. „Ich möchte etwas Geld verdienen und beweisen, dass ich auf eigenen Beinen stehen kann.“

Der Mann lächelte.

„Dann gehen wir zusammen. Ich suche auch nach einer Gelegenheit, Geld zu verdienen.“

Rindzin wusste noch nicht, dass sein neuer Begleiter ein diebischer Betrüger war.

Am Abend erreichten sie ein großes Haus in einem grünen Tal. Der Herr des Hauses war vor kurzem gestorben. Seine Tochter lebte nun dort allein. Früher hatte sie einen Bruder gehabt, der vor langer Zeit fortgegangen und nie zurückgekehrt war.

Rindzins Begleiter erfuhr davon und hatte sofort einen Plan.

„Hör zu“, flüsterte er. „Ich sage, ich sei der verschwundene Bruder. Du versteckst dich im dunklen Zimmer nebenan. Wenn ich laut frage, ob wirklich der Sohn des Hauses zurückgekehrt ist, antwortest du mit tiefer Stimme: ‚Ja.‘“

Rindzin kratzte sich am Kopf.

„Das ist Betrug.“

„Nur ein kleines Theater. Wir nehmen ein wenig Geld und gehen weiter.“

Rindzin zögerte. Er erinnerte sich an die Worte des Lama über Klugheit ohne Ehrlichkeit. Doch die Versuchung war stärker.

„Gut“, sagte er. „Aber dem Mädchen darf nichts geschehen.“

Der Plan funktionierte. Aus dem halbdunklen Zimmer antwortete Rindzin mit dumpfer Stimme, und die junge Frau glaubte, ihr lange vermisster Bruder sei zurückgekehrt. Sie gab dem vermeintlichen Bruder einen Beutel Gold für die Reise.

Der Betrüger versprach Rindzin die Hälfte.

Noch in derselben Nacht verschwand er jedoch mit dem ganzen Gold.

Am Morgen fragte Rindzin:

„Wo ist mein Gefährte?“

„Er ist in der Nacht gegangen“, antwortete die junge Frau. „Ich habe ihm den Beutel Gold gegeben.“

Rindzin pfiff leise.

„So viel also zum gerechten Teilen.“

Er schämte sich nicht nur, weil man ihn betrogen hatte. Er begriff, dass er selbst einer Lüge zugestimmt hatte und nun eine Lüge zurückbekommen hatte.

„Ich hole euer Gold zurück“, sagte er.

Die junge Frau sah ihn überrascht an.

„Weißt du, wohin er gegangen ist?“

„Ungefähr. Und ich weiß, dass er leichte Beute liebt.“

Rindzin lieh sich ein Pferd und ritt los.

Gegen Mittag sah er den Betrüger weit voraus. Der saß unter einem Baum und ruhte neben dem schweren Goldsack.

Rindzin näherte sich nicht. Er galoppierte vorbei, als hätte er es sehr eilig, und legte etwas weiter vorn einen neuen Stiefel mitten auf die Straße, den er in seinem Bündel getragen hatte.

Nach einigen weiteren Kurven legte er den zweiten Stiefel hin und versteckte sich hinter Büschen.

Bald kam der Betrüger mit dem Goldsack.

„Ein schöner Stiefel“, murmelte er beim ersten. „Schade, dass es nur einer ist. Mit einem kann ich nichts anfangen.“

Er ging weiter.

Dann entdeckte er den zweiten.

„Was für ein Glück! Ich muss den ersten holen.“

Weil der Goldsack schwer war, versteckte er ihn unter trockenem Gras und eilte zurück.

Sobald er hinter der Kurve verschwunden war, kam Rindzin aus seinem Versteck, nahm den Sack und ritt zum großen Haus zurück.

Die junge Frau konnte ihren Augen kaum trauen.

„Du hast alles zurückgebracht?“

„Bis zur letzten Münze“, sagte Rindzin. „Und ich glaube, ich habe noch etwas anderes gefunden.“

„Was?“

„Eine Erkenntnis. Wer mit einer Lüge beginnt, sollte sich nicht wundern, wenn die Lüge sich gegen ihn wendet.“

Sie dankte ihm und wollte ihn belohnen. Rindzin nahm jedoch nur etwas Essen für den Weg.

„Das reicht. Ich habe noch eine Sache zu erledigen.“

„Welche?“

„Zum Lama zurückzukehren und ehrlich zu sagen, dass er recht hatte.“

Als Rindzin wieder den vertrauten Hügel hinaufstieg, saß der alte Lama vor der Tür und blickte auf die fernen Berge.

„Du bist zurück“, sagte er.

„Ja, Meister.“

„Reich?“

Rindzin lächelte.

„Nicht besonders. Aber ein wenig weiser.“

Der Lama nickte.

„Das ist ein Reichtum, den man schwerer verliert.“

Rindzin blieb auch danach fröhlich und erfinderisch. Aber bevor er eine List anwendete, fragte er sich nun immer:

„Muss jemand anderes für meinen Spaß bezahlen?“

Wenn die Antwort Ja lautete, dachte Rindzin sich etwas anderes aus.

Denn wirkliche Klugheit hilft nicht nur, sich aus Schwierigkeiten herauszuwinden. Sie hilft auch dabei, gar nicht erst in die falschen Schwierigkeiten hineinzugeraten.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨