

Laos
Der ehrgeizige Priester
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Laos
- Alter
- 8–11 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

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Der ehrgeizige Priester
An einem Tempel in Laos lebte ein älterer Priester.
Er kannte viele Gebete, konnte lange schweigend sitzen und erklärte den jüngeren Schülern gern, wie wichtig Geduld sei.
Doch er hatte eine Schwäche:
Er wollte unbedingt jemand sein, über den alle sprachen.
Jeden Morgen, sobald die Sonne die goldenen Ränder des Tempeldachs berührte, setzte er sich vor einen kleinen Altar und sprach dieselbe Bitte:
„Möge ich einen Edelstein erhalten, den sonst niemand besitzt. Er soll mir die Kraft geben, in den Himmel zu steigen und wie ein Vogel zu fliegen.“
Die jungen Priester hörten diese Worte fast täglich.
Am Anfang wunderten sie sich.
Dann gewöhnten sie sich daran.
Einer von ihnen, ein fröhlicher und ein wenig schelmischer junger Mann, dachte eines Tages:
„Unser Lehrer wünscht sich so sehr ein Wunder, dass er vermutlich jedem glänzenden Gegenstand glauben würde. Ob er das selbst bemerkt?“
An diesem Tag wurde in der Küche Fisch fürs Mittagessen vorbereitet.
Der junge Mann sah ein kleines rundes Fischauge glänzen wie eine Glasperle.
Er wickelte es vorsichtig in ein sauberes Blatt und legte es in ein kleines Kästchen.
Am nächsten Morgen betete der ältere Priester wieder:
„Wenn ich doch nur diesen Zauberstein bekäme! Ich würde höher steigen als die Palmen, höher als die Hügel, höher als die Wolken!“
Der junge Mann trat zu ihm und hielt feierlich die Schachtel hin.
„Lehrer“, sagte er, „heute habe ich etwas Ungewöhnliches gefunden. Vielleicht ist es genau das, worauf Ihr so lange gewartet habt.“
Der Priester öffnete die Schachtel.
Darin lag eine kleine glänzende Kugel.
„Er ist es!“, flüsterte er. „Endlich!“
„Seid Ihr sicher?“, fragte der junge Mann vorsichtig.
„Natürlich bin ich sicher! Würde etwas Gewöhnliches so glänzen?“
Der Schüler unterdrückte ein Lächeln.
„Und was wollt Ihr jetzt tun?“
„Fliegen!“
Der Priester lief in den Hof.
Er nahm zwei breite Palmblätter, band sie an seine Arme und bewegte sie wie große grüne Flügel.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Doch seine Füße blieben auf dem Boden.
„Merkwürdig“, murmelte er. „Vielleicht ist es hier zu niedrig.“
Der junge Mann neben ihm sagte:
„Vielleicht muss man für den Start höher hinauf?“
Es war nur eine unbedachte Bemerkung.
Doch der ältere Priester wurde sofort lebhaft.
„Natürlich! Genau! Vögel starten ja auch nicht mitten aus einem Zimmer. Ich muss aufs Dach.“
„Lehrer, ich bin nicht sicher, ob das eine gute ...“
Doch der Priester war schon bei der Treppe.
Er stieg auf das breite Tempeldach.
Unten liefen die jungen Schüler zusammen.
Einer rief, er solle stehenbleiben.
Ein anderer winkte mit beiden Armen.
Doch der Priester stand hoch über dem Hof, hielt seine Palmblätter und blickte auf die fernen blauen Berge.
„Jetzt“, sagte er, „werden alle sehen, wozu mein Zauberstein fähig ist!“
Da entdeckte der junge Schüler unten einen großen Haufen trockenes Gras, den man für Arbeiten am Tempel gebracht hatte.
„Wenn wir ihn schon nicht überzeugen können“, sagte er schnell zu den anderen, „ziehen wir wenigstens den Heuhaufen näher!“
Gemeinsam schoben sie das weiche trockene Gras direkt unter den Dachrand.
Der Priester breitete seine Palmflügel weit aus.
„Eins ... zwei ... drei!“
Er trat vor.
Die Palmblätter flatterten.
Seine Kleidung wehte.
Für einen winzigen Augenblick glaubte er wirklich zu fliegen.
Dann machte es:
Rasch!
Und er verschwand im Heuhaufen.
Es wurde still.
Nach einem Moment erschien sein Kopf zwischen den Halmen.
Dann die Schultern.
Ein Strohhalm hing an seiner Augenbraue, ein anderer steckte hinter seinem Ohr.
„Ich ... bin nicht geflogen“, sagte er erstaunt.
Der junge Mann trat näher und reichte ihm die Hand.
„Nein, Lehrer.“
„Dann war der Edelstein nicht magisch?“
„Lehrer“, sagte der Schüler leise, „es war überhaupt kein Edelstein. Ich wollte Euch zeigen, dass man aufhören kann, einfache Fragen zu stellen, wenn man unbedingt das hören möchte, woran man glauben will.“
Der Priester sah auf die glänzende Kugel in seiner Hand.
Im Tageslicht und ohne den Traum von Ruhm wirkte sie plötzlich gar nicht geheimnisvoll.
Er schwieg lange.
Auch die jungen Schüler lachten nicht.
Schließlich hob der Priester den Blick.
„Ich habe euch oft von Geduld erzählt“, sagte er. „Aber selbst wollte ich nicht geduldig nachdenken. Ich sprach über Weisheit und ließ mich von etwas Glänzendem täuschen. Ich wollte höher als alle anderen steigen und sah nicht, was direkt vor meiner Nase lag.“
Er löste die Palmblätter von seinen Armen.
Dann lächelte er.
„Gut, dass heute ausgerechnet ein Heuhaufen mein bester Lehrer war.“
Jetzt lachten alle.
Und der Priester lachte mit ihnen.
Von diesem Tag an bat er den Himmel nicht mehr um einen magischen Edelstein.
Wenn er sich etwas Außergewöhnliches wünschte, fragte er zuerst:
„Ist das wirklich wahr? Oder will ich nur sehr gern, dass es wahr ist?“
Auch seinen jungen Schülern gab er eine neue Regel mit:
„Nicht jedes Wunder glänzt. Und nicht alles, was glänzt, ist ein Wunder. Bevor du zu den Wolken aufbrechen willst, prüfe zuerst, ob deine Flügel echt sind.“
Man erzählt, dass es im Tempel danach etwas weniger laute Träume und etwas mehr aufmerksames Denken gab.
Und Palmblätter benutzte man von da an nur noch dort, wo sie hingehörten:
für Schatten, Fächer und Dächer.
Aber ganz bestimmt nicht zum Fliegen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
