

Laos
Der enttäuschte Priester
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Laos
- Alter
- 8–11 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Der enttäuschte Priester
Im Norden von Laos stand zwischen grünen Hügeln und Reisfeldern ein alter Tempel.
Am Morgen stieg Nebel über seinem Dach auf, am Tag rauschten Blätter im Hof, und am Abend hörte man die Insekten im Garten.
In diesem Tempel lebte ein Priester.
Er kannte viele Gebete, konnte Zeremonien leiten und stundenlang jüngeren Schülern erklären, wie wichtig Bescheidenheit und Selbstbeherrschung seien.
Doch er hatte eine Schwäche.
Er kaute sehr gern Betelnuss, eine alte Gewohnheit vieler Erwachsener in jener Gegend.
Und manchmal dachte er daran ein wenig zu oft.
Eines Tages waren die Betelvorräte im Tempel aufgebraucht.
Der Priester ging im Hof auf und ab, betrachtete immer wieder seine leere Dose und wurde zunehmend missmutig.
Schließlich rief er einen jungen Helfer.
„Hast du heute zufällig gehört, ob in irgendeinem Haus eine Gedenkzeremonie stattfinden soll?“
Der Junge hob überrascht die Augenbrauen.
„Nein, Lehrer. Soweit ich weiß, geht es allen gut.“
Der Priester seufzte schwer.
„Schade.“
Zur selben Zeit befand sich ein Mann aus einem Nachbardorf im Tempel.
Er war zum Gebet gekommen und hörte das Gespräch zufällig mit.
Zuerst glaubte er, sich verhört zu haben.
Doch auf dem Heimweg ließen ihn die Worte nicht los.
„Ist er wirklich enttäuscht, nur weil heute niemand Gaben für eine Trauerzeremonie bringt?“, dachte der Mann. „So sollte es nicht sein. Das Leid anderer darf kein Anlass sein, sich auf eine Leckerei zu freuen.“
Am Abend erzählte er seinen Nachbarn davon.
Einige waren empört.
Andere lachten.
Die älteste Frau im Dorf sagte:
„Schimpfen ist einfach. Besser wäre es, wenn der Mann selbst merkt, wie töricht sein Verhalten aussieht.“
„Und wie sollen wir das anstellen?“
Die Alte kniff die Augen zusammen.
„Wir führen ihm ein kleines Theaterstück vor.“
Am nächsten Tag erklang plötzlich lautes Weinen im Dorf.
„Welch ein Unglück! Was für ein Jammer!“, riefen die Leute vor dem Haus jenes Mannes.
Im Hof lagen Matten, Körbe standen herum, und alle trugen ernste Gesichter.
Jemand lief zum Tempel.
„Lehrer“, sagte der Bote, „in unserem Haus ist großes Unglück geschehen. Wir bitten Euch zu kommen und ein Gebet zu sprechen.“
Der Priester machte sich sofort fertig.
Unterwegs bemühte er sich um einen traurigen Gesichtsausdruck.
In Gedanken stellte er sich jedoch schon vor, dass die Familie nach der Zeremonie den Gästen etwas zu essen geben und vielleicht auch Betel anbieten würde.
Als er ankam, lag in der Mitte des Raumes ein Mann, in helles Tuch gewickelt.
In Wahrheit war er vollkommen gesund und musste sich sehr beherrschen, nicht zu lachen.
„Wir müssen alles ordentlich vorbereiten“, sagte die ältere Frau feierlich. „Wir richten draußen noch etwas her. Ihr, Lehrer, bleibt bitte hier und sprecht schon einmal die Gebete.“
„Natürlich“, antwortete der Priester.
Alle gingen hinaus.
Im Zimmer wurde es still.
Der Priester setzte sich neben den eingewickelten Mann und begann zu beten.
Zunächst klang seine Stimme ruhig.
Dann wurde es draußen dunkler.
Aus dem Garten hörte man das Zirpen der Insekten.
Irgendwo fiel ein trockenes Blatt.
Der Priester blickte zur Tür.
„Sie brauchen aber lange“, murmelte er.
Da bewegte der Mann unter dem Tuch ganz leicht einen Fuß.
Der Priester verstummte.
„Das habe ich mir eingebildet.“
Er betete weiter.
Eine Minute später bewegte sich das Tuch erneut.
„Äh ...“, sagte der Priester unsicher. „Verehrter ... Ihr seid doch eigentlich ...“
Unter dem Tuch erklang ein leises Stöhnen.
„Ooooh ...“
Der Priester rückte zurück.
„Ich wünsche Euch Frieden“, sagte er schnell. „Sehr großen Frieden. Außergewöhnlich großen Frieden.“
Der Mann setzte sich langsam auf.
Das Tuch glitt von seinem Kopf.
„Wasser, bitte“, sagte er mit völlig normaler Stimme.
Der Priester sprang so schnell auf, dass er beinahe die Lampe umgestoßen hätte.
„Du bist ... lebendig?!“
„Natürlich.“
In diesem Moment erschienen die Nachbarn in der Tür.
Einige konnten ihr Lächeln kaum noch verbergen.
Die alte Frau kam zuletzt herein.
„Seid nicht böse, Lehrer“, sagte sie. „Wir wollten Euch etwas zeigen.“
Der Priester sah sie an und verstand.
„Ihr habt mich getäuscht.“
„Ja“, antwortete die Alte ruhig. „Und besonders schön war das nicht. Aber noch trauriger ist es, wenn jemand auf das Unglück eines anderen hofft, nur weil danach vielleicht etwas Leckeres verteilt wird.“
Im Raum wurde es still.
Der Priester wollte zunächst widersprechen.
Dann erinnerte er sich an sein gestriges „Schade“ und senkte den Blick.
„Ihr habt recht“, sagte er schließlich. „Ich dachte an meinen eigenen Wunsch und vergaß, dass hinter jeder Zeremonie echte Menschen mit echten Gefühlen stehen.“
Der Mann, der den Kranken gespielt hatte, stand auf.
„Wir wollten Euch nicht demütigen. Wir wollten, dass Ihr es nicht nur von uns hört, sondern selbst merkt.“
Der Priester seufzte.
„Das habe ich.“
Ein junger Dorfbewohner, der bisher geschwiegen hatte, fragte scherzend:
„Sollen wir Euch trotzdem Betel bringen, Lehrer?“
Alle hielten den Atem an.
Der Priester sah auf die leere Dose in seiner Tasche.
Dann sah er die Menschen an.
Plötzlich lachte er.
„Nein. Heute wäre Tee besser.“
Nun lachten auch die anderen, und die Spannung verschwand.
Sie setzten sich gemeinsam in den Hof.
Der Hausherr brachte einen Teekessel.
Die Frauen stellten Reiskuchen und Früchte auf die Matten.
Es gab kein Trauermahl.
Niemand war gestorben, niemand musste trauern.
Es war einfach ein gewöhnlicher Abend.
Und gerade deshalb war es ein guter Abend.
Von diesem Tag an achtete der Priester mehr auf seine eigenen Wünsche.
Wenn er etwas besonders stark wollte, fragte er sich:
„Stelle ich gerade meine Laune über die Gefühle eines anderen?“
Und wenn ihm die Antwort nicht gefiel, hielt er inne.
Eines Tages fragte ihn der junge Helfer:
„Lehrer, was habt Ihr an jenem Abend gelernt?“
Der Priester lächelte.
„Der Hunger nach einer Leckerei vergeht. Die Scham über ein herzloses Wort kann viel länger bleiben. Darum muss man zuerst das Herz mit Güte nähren und erst danach an alles andere denken.“
Von da an ging er zu den Menschen im Dorf, wenn jemand Unterstützung brauchte.
Nicht wegen Geschenken.
Nicht wegen Essen.
Sondern einfach, um da zu sein.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
