Cover: Der Erbsenkönig

Rumänien

Der Erbsenkönig

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Rumänien
Alter
7–10 Jahre
Dauer
9 Min.
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Der Erbsenkönig

Ein junger Mann besaß fast nichts.

Er reiste viel, schlief manchmal unter einem Dach und manchmal unter freiem Himmel, nahm verschiedene Arbeiten an, doch reich wurde er nie.

Eines Tages fand er auf dem Heimweg drei Erbsen auf der Straße.

Er hob sie auf, legte sie auf die Handfläche und dachte nach.

„Wenn ich diese drei Erbsen pflanze, werden es nächstes Jahr hundert. Pflanze ich hundert, bekomme ich tausend. Und wenn ich jedes Jahr mehr aussäe, habe ich irgendwann ganze Felder voll Erbsen.“

Er lächelte über seine eigene Rechnung.

Dann dachte er:

„Nur wird das ziemlich lange dauern. Vielleicht sollte ich gleich groß anfangen.“

Mit diesem Gedanken ging er zum Königspalast.

Vor dem König verbeugte er sich tief.

„Majestät, ich brauche Fässer. Sehr viele Fässer. Bald werde ich so viele Erbsen haben, dass ich sie sonst gar nicht lagern kann.“

Der König staunte.

„Besitzt du denn so große Ländereien?“

Hier hätte der junge Mann sagen sollen:

„Bis jetzt habe ich nur drei Erbsen.“

Doch er geriet ins Reden.

Er erzählte von fernen Ländern, in denen er gewesen war, von Städten, Straßen und Meeren.

Dann bemerkte er selbst kaum, wie aus seinen Geschichten plötzlich große Güter, Herden und Paläste wurden, die ihm angeblich gehörten.

Der König hörte aufmerksam zu.

„Du hast offenbar viel gesehen und kannst gut erzählen. Bleib eine Weile als Gast am Hof.“

Der König hatte eine kluge, aufmerksame Tochter.

Sie sprach mehrere Male mit dem Reisenden und merkte schnell, dass er fröhlich, einfallsreich und keineswegs böse war.

Nur sein Mund lief oft schneller als seine Gedanken.

Die beiden mochten einander.

Bald wurde über eine Hochzeit gesprochen.

Eigentlich hätte unser Prahler glücklich sein müssen.

Doch je näher die Hochzeit rückte, desto schwerer wurde sein Herz.

„Was passiert, wenn alle erfahren, dass es weder Paläste noch Herden gibt und nicht einmal einen Sack Erbsen?“

Nach der Hochzeit verging eine Woche.

Dann zwei.

Dann drei.

Am Hof fragte man immer öfter:

„Wann sehen wir deine Ländereien?“

Der junge Mann, den man inzwischen scherzhaft Erbsenkönig nannte, wurde rot und wechselte das Thema.

Eines Morgens hielt er es nicht mehr aus und verließ den Palast.

Mit gesenktem Kopf ging er über die Felder.

Da erschien ein kräftiger Mann in Reisekleidung vor ihm.

„Warum siehst du so aus, als wären alle deine Schiffe gleichzeitig gesunken?“

Der Erbsenkönig seufzte und erzählte zum ersten Mal die ganze Wahrheit.

Von den drei Erbsen.

Von seinen Prahlereien.

Von seiner Angst, sich zu blamieren.

Der Fremde hörte zu.

„Wir sind neun Brüder, und jeder kennt ein Rätsel. Wenn du alle neun beantwortest, geben wir dir unsere Länder, unsere Herden und unseren Palast. Wenn nicht, arbeitest du ehrlich deine Schuld bei uns ab, bis wir sagen, dass es genug ist.“

Dem Erbsenkönig wurde mulmig.

Doch er sah keinen besseren Ausweg.

„Einverstanden.“

Der Fremde zeigte ihm große Wiesen, Schafherden, Pferde und einen wunderschönen Palast nahe einem Hain.

„Komm morgen“, sagte er. „In der Nacht beginnen die Rätsel.“

Auf dem Rückweg begegnete der Erbsenkönig einem alten Mann.

Der Alte ging mühsam und stützte sich auf einen Stock.

„Großvater, soll ich Euch helfen?“, fragte der junge Mann.

Er gab ihm Wasser, teilte sein Brot und bot ihm eine Pause an.

„Geld brauche ich nicht“, sagte der Alte. „Aber wenn du erlaubst, komme ich mit dir und helfe ein wenig im Haushalt.“

Der Erbsenkönig stimmte zu.

Er ahnte nicht, dass diese Begegnung wichtiger werden würde als all seine großen Geschichten.

Am nächsten Tag beschlossen der König und die Königin, ihre Tochter und ihren Mann in dessen angeblichen Ländereien zu besuchen.

Der Erbsenkönig saß bleich in der Kutsche.

Doch unterwegs sah alles genau so aus, wie der Fremde versprochen hatte.

Auf den Wiesen grasten Herden.

Auf den Feldern arbeiteten Menschen.

Wenn der König fragte:

„Wem gehört dieses Land?“

antworteten alle:

„Dem Erbsenkönig.“

Schließlich kamen sie zum großen Palast.

Musik spielte.

Lampen leuchteten.

Die Tische waren voller Speisen.

Der König war zufrieden.

„Jetzt sehe ich, dass meine Tochter gut lebt.“

Am Abend fuhr er wieder nach Hause.

Der Erbsenkönig konnte sich trotzdem nicht freuen.

In der Nacht warteten die neun Rätsel.

Als es dunkel wurde, sagte der alte Diener:

„Geh schlafen. Antworte niemandem, egal wer dich ruft. Ich bleibe hier.“

„Weißt du, was zu tun ist?“

Der Alte lächelte.

„Ein wenig mehr, als man mir ansieht.“

Um Mitternacht donnerte es vor den Fenstern wie bei einem fernen Gewitter.

„Erbsenkönig!“, rief eine tiefe Stimme.

Der Alte antwortete:

„Ich höre.“

„Wir rufen nicht dich!“

„Mein Herr schläft nach der langen Reise. Fragt mich.“

Nach einer Pause fragte die Stimme:

„Was gibt es einmal?“

„Ein Mond leuchtet am Nachthimmel.“

Das Donnern wurde schwächer.

Eine zweite Stimme fragte:

„Was gibt es zweimal?“

„Zwei Augen sehen die Welt.“

„Was gibt es dreimal?“

Der Alte dachte nach.

„Drei gute Ratschläge sind besser als ein unüberlegtes Versprechen.“

Hinter der Wand brummte jemand, widersprach aber nicht.

„Was gibt es viermal?“

„Vier Räder tragen einen Wagen.“

„Fünf?“

„Fünf Finger halten fest, was man bewahren muss.“

„Sechs?“

„Sechs Löcher hat eine Flöte, und zusammen machen sie Musik.“

„Sieben?“

„Sieben Tage ergeben eine Woche, und jeden sollte man mit gutem Gewissen leben.“

„Acht?“

„Acht kräftige Ochsen können einen großen Pflug ziehen.“

Nun blieb nur die neunte Stimme.

Sie war die lauteste.

„Und was gibt es neunmal?“

Der Alte antwortete:

„Neun Rätsel können einen Menschen erschrecken. Aber kein Rätsel ist stärker als ein klarer Verstand und ein gutes Herz.“

Der Donner rollte noch einmal durch die Nacht.

Dann wurde alles still.

Der Erbsenkönig lag im Bett und wagte kaum zu atmen.

Der Alte sagte ruhig:

„Jetzt kannst du schlafen. Das Schlimmste ist vorbei.“

Bei Sonnenaufgang wachte der junge Mann auf.

Der Alte war verschwunden.

Draußen standen rund um den Palast neun steinerne Säulen, die am Vortag nicht dort gewesen waren.

Leichter Morgennebel lag darüber.

Dann hörte er eine Stimme, als würde der Wind flüstern:

„Du hast einem alten Menschen geholfen, ohne zu wissen, ob du dafür etwas bekommst. Güte ohne Berechnung ist zu dir zurückgekehrt. Vergiss das nicht.“

Der Erbsenkönig blieb lange schweigend stehen.

Nun begriff er:

Nicht seine geschickte Rede hatte ihn gerettet.

Nicht seine großen Geschichten.

Es waren ein Stück Brot, ein Becher Wasser und Freundlichkeit gegenüber einem Fremden gewesen.

Als er zu seiner Frau zurückkehrte, erzählte er ihr alles.

Die drei Erbsen.

Die erfundenen Reichtümer.

Seine Angst.

Sie hörte zu.

„Ich habe schon lange geahnt, dass deine Paläste in deinen Geschichten etwas größer waren als in Wirklichkeit. Aber es ist gut, dass du selbst es jetzt verstanden hast.“

„Bist du böse?“

„Auf die Lüge ja. Auf dich nicht, wenn du dich nicht mehr dahinter versteckst.“

Von da an wurde der Erbsenkönig tatsächlich ein guter Hausherr.

Er verließ sich nicht auf zufälligen Reichtum.

Er bestellte Felder, kümmerte sich um die Menschen und lernte, echte Ernten zu zählen statt eingebildete Schätze.

Die drei Erbsen, mit denen alles begonnen hatte, ließ er beim Palast pflanzen.

Jeden Frühling wuchsen dort grüne Ranken und weiße Blüten.

Wenn er sie sah, erinnerte er sich:

Etwas Großes kann mit etwas sehr Kleinem beginnen.

Aber aufgebaut wird es nicht mit Prahlen.

Sondern mit Arbeit, Ehrlichkeit und einem guten Herzen.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨