Cover: Der Fisch und die Frau des Leoparden, oder warum der Fisch im Wasser lebt

Nigeria

Der Fisch und die Frau des Leoparden, oder warum der Fisch im Wasser lebt

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Nigeria
Alter
5–9 Jahre
Dauer
7 Min.
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Der Fisch und die Frau des Leoparden, oder warum der Fisch im Wasser lebt

Vor sehr langer Zeit, so lange, dass die Flüsse angeblich noch selbst ihre Betten auswählten, konnten die Tiere in der Gegend um Calabar mit menschlichen Stimmen sprechen.

Sie gingen auf Wegen zwischen den Dörfern umher und versammelten sich zu Beratungen, wenn es einen Streit gab.

Damals, so erzählt man, lebte der Fisch nicht nur im Wasser.

Er konnte ans Ufer kommen, über feuchtes Gras gehen und Freunde besuchen.

Sein bester Freund war der Leopard.

Der Leopard lebte mit seiner Frau im Schatten des großen Waldes.

In seinem Haus duftete es nach gerösteten Früchten, Kräutern und Rauch vom Feuer.

Wenn der Fisch zu Besuch kam, freute sich der Leopard.

„Komm herein, Freund! Erzähl, was es am Fluss Neues gibt.“

Der Fisch antwortete:

„Erzähl du zuerst, was im Wald geschieht. Unter Wasser hört man von euren Angelegenheiten nichts.“

So waren sie Freunde.

Der Leopard kannte jeden Waldweg.

Der Fisch kannte jede stille Bucht.

Mit der Zeit begann der Fisch sich jedoch merkwürdig zu verhalten.

Wenn der Leopard weit in den Wald ging, kam der Fisch immer häufiger unangekündigt zu seinem Haus.

Er unterhielt sich gern lange mit der Frau des Leoparden, brachte ihr glänzende Muscheln und erzählte lustige Geschichten.

Daran wäre nichts Schlimmes gewesen.

Doch der Fisch begann, diese Besuche zu verheimlichen.

„Sag dem Leoparden lieber nicht, dass ich hier war“, bat er. „Vielleicht versteht er es falsch.“

Die Frau des Leoparden fühlte sich damit immer unwohler.

„Wenn wir etwas vor deinem besten Freund verstecken müssen“, sagte sie eines Tages, „dann stimmt vermutlich etwas daran nicht.“

Der Fisch winkte ab.

„Was soll daran falsch sein? Wir reden doch nur.“

In der Nähe lebte eine alte Nachbarin.

Sie sah, wie der Fisch immer wieder zum Haus kam, sobald der Leopard im Wald verschwunden war.

Zunächst mischte sie sich nicht ein.

Doch als die geheimen Besuche immer häufiger wurden, sagte sie zum Leoparden:

„Ich möchte keine Freunde gegeneinander aufbringen. Aber du solltest den Fisch direkt fragen, warum er dein Haus immer nur besucht, wenn du nicht da bist.“

Der Leopard glaubte ihr nicht.

„Der Fisch? Mein Freund? Nein. Er würde nichts heimlich tun.“

„Dann werde nicht im Voraus wütend“, sagte die alte Frau. „Finde einfach heraus, was wahr ist.“

Am nächsten Tag tat der Leopard so, als gehe er weit in den Wald.

Er lief einige Wege entlang, umrundete einen großen Baobab und kehrte leise von der anderen Seite zurück.

Bei seinem Haus sah er den Fisch.

„Also stimmt es“, sagte der Leopard.

Der Fisch erschrak.

„Ich kann alles erklären.“

„Dann erklär mir, warum du darum gebeten hast, deine Besuche vor mir zu verheimlichen.“

Der Fisch öffnete den Mund.

Schloss ihn wieder.

Öffnete ihn noch einmal.

Doch ihm fiel keine gute Antwort ein.

Die Frau des Leoparden kam aus dem Haus.

„Ich habe dem Fisch schon gesagt, dass Geheimnisse Vertrauen zerstören. Ich selbst hätte dir auch früher davon erzählen müssen. Ich möchte nicht, dass ihr deshalb zu Feinden werdet.“

Der Leopard war sehr wütend.

Sein Schwanz schlug von einer Seite zur anderen, und seine Krallen kratzten über den Boden.

Doch statt einen Streit in Zorn auszutragen, erinnerte er sich an einen alten Brauch ihres Landes:

Wenn ein Konflikt groß wurde, brachte man ihn vor den Rat.

„König Eyo soll uns anhören“, sagte er. „Ich möchte nicht im Zorn entscheiden.“

Am nächsten Morgen versammelte sich die Gemeinschaft unter einem großen Baum.

Tiere aus dem Wald kamen.

Vögel.

Bewohner des Flussufers.

In der Mitte saß König Eyo.

Zuerst sprach der Leopard.

„Ich habe dem Fisch vertraut. Er war in meinem Haus immer willkommen. Doch er hat meine Abwesenheit genutzt und darum gebeten, seine Besuche vor mir zu verbergen.“

Dann wandte sich der König an den Fisch.

„Was sagst du dazu?“

Der Fisch schwieg lange.

„Ich wollte Aufmerksamkeit und dachte nur an mich selbst. Ich wusste, dass mein Freund es nicht gut finden würde. Darum bat ich darum, nichts zu erzählen. Also wusste ich selbst, dass ich nicht ehrlich handelte.“

Der König sah die Frau des Leoparden an.

„Und du?“

„Ich hätte früher Nein sagen und mich nicht auf ein Geheimnis einlassen sollen“, antwortete sie. „Ich möchte, dass diese Geschichte ohne Rache endet.“

König Eyo dachte lange nach.

„Vertrauen kann man nicht befehlen. Man kann es nur Schritt für Schritt wieder aufbauen. Im Moment braucht ihr Abstand, damit der Zorn kleiner werden kann.“

Er sprach zum Fisch:

„Du hast den Fluss immer mehr geliebt als trockenes Land. Von nun an soll das Wasser dein Zuhause sein. Komm nur dort ans Ufer, wo es sicher ist und alte Streitigkeiten nicht wieder aufflammen.“

Der Fisch senkte den Kopf.

„Das ist gerecht.“

Der Leopard schnaubte, aber er knurrte nicht mehr.

„Ich verspreche nicht, heute schon alles zu vergessen.“

„Das musst du auch nicht“, sagte der König. „Es genügt, aus einer Verletzung nicht die nächste zu machen.“

Noch am selben Tag ging der Fisch zum Fluss.

Das Wasser berührte seine Flossen.

Plötzlich fühlte es sich nicht kalt an, sondern vertraut.

Der Fisch tauchte tiefer.

Er sah silbrige Blasen.

Grüne Unterwasserpflanzen.

Kleine Steine, die im Sonnenlicht golden wirkten.

„Wie weit und ruhig es hier ist“, flüsterte er.

Früher war das Wasser für ihn nur ein Ort gewesen, den er betreten und wieder verlassen konnte.

Nun sah er den Fluss zum ersten Mal als Zuhause.

Er lernte, stille Buchten zu finden.

Sich vor starker Strömung zu schützen.

Zwischen Steinen Nahrung zu suchen.

Und dem Regen zuzuhören, wenn er auf die Wasseroberfläche trommelte.

Die Zeit verging.

An einem heißen Tag kam der Leopard zum Fluss, um zu trinken.

Im flachen Wasser sah er eine vertraute silberne Seite.

Auch der Fisch bemerkte ihn.

Eine Weile schwiegen beide.

Dann sagte der Fisch:

„Ich erwarte nicht, dass alles wieder so wird wie früher. Aber ich möchte mich noch einmal entschuldigen.“

Der Leopard beugte sich zum Wasser.

„Ich habe deine Entschuldigung schon damals gehört. Ich brauchte nur Zeit.“

„Das verstehe ich.“

Der Leopard trank und wollte schon gehen.

Da rief der Fisch:

„Sei auf dem nördlichen Weg vorsichtig. Nach dem Regen ist dort das Ufer weggebrochen.“

Der Leopard blickte zurück.

„Danke.“

Das war noch nicht die alte Freundschaft.

Aber es war eine erste kleine Brücke.

Seitdem lebte der Fisch im Wasser.

Dort wurden seine Kinder geboren.

Und die Kinder seiner Kinder.

Sie kannten jede Strömung, jede Bucht und jeden kühlen Schatten unter dem Ufer.

Alte Erzähler erklärten den Kleinen:

„Darum hat der Fisch das Wasser zu seinem Zuhause gemacht.“

Und sie fügten hinzu:

„Doch das Wichtigste an dieser Geschichte ist nicht, wo jemand lebt. Freundschaft lebt nicht von Geheimnissen, sondern von Vertrauen. Wenn du eine Handlung vor einem Freund verbergen möchtest, halte lieber einen Moment inne und frage dich, ob du sie überhaupt tun solltest.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨