Cover: Der fliegende Koffer

Dänemark

Der fliegende Koffer

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Dänemark
Alter
7–11 Jahre
Dauer
10 Min.
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Der fliegende Koffer

Ein reicher Kaufmann konnte besser mit Geld umgehen als jeder andere in der Stadt. Er kaufte klug ein, verkaufte ehrlich, verschwendete nichts und sammelte über viele Jahre ein beträchtliches Vermögen.

Als der Kaufmann starb, erbte sein einziger Sohn den ganzen Reichtum.

Leider war der Sohn seinem Vater überhaupt nicht ähnlich. Er liebte alles, was bunt, laut und teuer war. Er veranstaltete Feste, kaufte unnütze Dinge, bewirtete Menschen, die sich seine Freunde nannten, und dachte keinen Augenblick an morgen.

Ein Jahr verging, dann ein zweites. Das Geld verschwand immer schneller, als hätte der Münzbeutel ein Loch.

Eines Morgens sah der junge Mann in seine Geldkiste. Auf dem Boden lagen nur noch wenige Münzen.

Auch seine Freunde waren verschwunden.

„Merkwürdig“, sagte er. „Solange ich Feste gab, waren sie alle da. Und jetzt ist niemand mehr übrig.“

Nur ein alter Bekannter hatte Mitleid mit ihm. Er schickte ihm einen alten Koffer aus Holz und einen Zettel:

„Pack deine Sachen und fang ein neues Leben an.“

Der junge Mann lachte traurig.

„Welche Sachen? Ich habe doch fast nichts mehr.“

Er öffnete den Koffer, setzte sich hinein und scherzte:

„Dann packe ich eben mich selbst ein.“

Kaum drückte er auf das Schloss, zitterte der Koffer.

Dann hüpfte er.

Und schließlich flog er geradewegs in die Höhe.

„Oh!“, konnte der junge Mann gerade noch rufen.

Der Koffer sauste über die Dächer, stieg höher als die Kirchtürme, höher als die Wolken und flog über Felder, Wälder und das Meer.

Der junge Mann spähte durch einen Spalt.

„Das ist vielleicht ein Geschenk!“

Nach einigen Stunden landete der Koffer in einem Wald bei einer großen Stadt in einem fernen südlichen Land.

Der junge Mann versteckte ihn unter Zweigen und ging in die Stadt, um sich umzusehen.

Über den weißen Häusern erhob sich ein Palast. Seine Fenster lagen fast direkt unter dem Dach.

„Wer wohnt dort?“, fragte der junge Mann eine Frau, die vorbeikam.

„Die Königstochter“, antwortete sie. „Ihre Eltern behüten sie sehr. Einst wurde ihnen vorausgesagt, dass ein unvorsichtiger Bräutigam ihr viel Kummer bringen werde. Deshalb empfängt die Prinzessin kaum jemanden.“

Sofort dachte der junge Mann an seinen fliegenden Koffer.

In der Nacht kehrte er in den Wald zurück, setzte sich hinein und flog direkt zum hohen Fenster des Palastes.

Die Prinzessin war sehr überrascht, als sie einen Gast sah, der aus dem Himmel kam.

„Wer seid Ihr?“

Der junge Mann überlegte kurz. Früher hatte er gern übertrieben, doch diesmal beschloss er, nichts hinzuzuerfinden.

„Ein Reisender, den ein Zauberkoffer hierhergebracht hat“, antwortete er. „Und anscheinend der glücklichste Reisende der Welt, denn ich habe Euch gesehen.“

Die Prinzessin lachte.

„Zumindest sprecht Ihr interessanter als die Hälfte der Höflinge.“

Sie unterhielten sich lange. Der junge Mann konnte Geschichten erfinden, und die Prinzessin hörte gern zu. Er erzählte von Städten, die er nie gesehen hatte, von Fischen mit goldenen Kronen und von Bäumen, die nachts mit dem Mond flüsterten.

„Kommt am Samstag wieder“, sagte die Prinzessin. „Mein Vater und meine Mutter werden mit mir Tee trinken. Wenn Ihr ihnen gefallen wollt, erzählt ihnen ein Märchen. Meine Mutter mag Geschichten mit einem guten Gedanken, und mein Vater mag solche, über die man lachen kann.“

Der junge Mann kehrte in den Wald zurück und begann zu überlegen.

Das erwies sich als viel schwieriger, als das Geld seines Vaters auszugeben.

Er ging zwischen den Bäumen umher, setzte sich auf einen Baumstumpf, stand wieder auf, begann eine Geschichte und gab sie nach der Hälfte wieder auf.

Endlich hatte er eine Idee.

Am Samstag flog er zum Palast. König und Königin warteten schon.

„Nun, Reisender aus dem Himmel“, sagte der König, „womit willst du uns überraschen?“

Der junge Mann verneigte sich.

„Ich erzähle von einer Küche, in der eines Abends alle Dinge beschlossen, dass gerade sie die wichtigsten auf der Welt seien.“

Und er begann.

Auf einem Regal lag eine Schachtel Streichhölzer. Die Hölzer waren sehr stolz auf ihre Herkunft.

„Wir stammen aus einem alten Wald!“, sagten sie. „Unser Ahne war eine hohe Fichte. Wir sind dazu bestimmt, Licht zu geben!“

Neben ihnen stand ein schwerer eiserner Topf.

„Licht ist gut und schön“, brummte er. „Aber versucht einmal, ohne mich das Abendessen zu kochen.“

Der Krug erklärte, ohne Wasser könne niemand leben. Der Teekessel hielt sich für den musikalischsten, denn er konnte pfeifen. Die Kohlenzange prahlte, dass sie am besten tanze. Und die alte Bürste war überzeugt, dass ohne Sauberkeit keine Küche ein freundliches Wort verdiene.

Immer lauter stritten sie darüber, wer am wichtigsten sei.

„Wir veranstalten einen Wettbewerb!“, riefen die Streichhölzer.

Der Krug erzählte eine Geschichte. Die Zange tanzte. Der Teekessel versuchte zu singen. Sogar der Holzkorb hielt eine lange Rede darüber, wie man alles neu einrichten müsse.

Genau da kam das Dienstmädchen in die Küche.

Sofort hielten alle Dinge still.

Das Mädchen nahm ein Streichholz, strich es an, entzündete das Feuer und stellte den Topf auf den Herd.

Das Streichholz flammte hell auf.

„Seht ihr?“, schien es zu sagen. „Ich kann wirklich Licht geben.“

Doch einen Augenblick später war seine Flamme erloschen.

Der Topf erwärmte inzwischen das Wasser. Der Teekessel wartete, bis er an die Reihe kam. Der Krug stand daneben, und die Bürste lag bei der Tür.

Hätten die Küchendinge darüber nachdenken können, so hätten sie verstanden: Jedes von ihnen wurde auf seine eigene Weise gebraucht. Darüber zu streiten, wer von allen am wichtigsten war, war einfach lächerlich.

Die Königin lächelte.

„In diesem Märchen steckt ein guter Gedanke.“

Der König lachte laut.

„Und die Küche gefällt mir! Besonders der Teekessel.“

Die Prinzessin sah den jungen Mann so freudig an, dass er sich wie ein richtiger Märchenerzähler fühlte.

König und Königin waren einverstanden, dass die beiden heiraten durften, wenn sie es sich nicht anders überlegten. Ein Hochzeitstag wurde festgelegt.

Am Abend zuvor schmückte man die ganze Stadt mit Laternen.

Auch der junge Mann wollte etwas Besonderes tun.

Er kaufte Feuerwerk, packte es in seinen Zauberkoffer und stieg in den Nachthimmel hinauf.

Über der Stadt erblühten goldene, silberne und grüne Lichter.

Die Menschen liefen auf die Straßen, zeigten nach oben und riefen:

„Seht nur! Der Himmel feiert!“

Der junge Mann flog über den Dächern umher und war höchst zufrieden.

Dann kehrte er in den Wald zurück, stellte den Koffer unter einen Baum und beschloss, in die Stadt zu gehen. Er wollte hören, was die Menschen über seine Vorführung sagten.

Er hörte Dutzende unglaubliche Erklärungen. Einer hatte einen Feuervogel gesehen. Ein anderer ein Sternenschiff. Wieder einer versicherte, der Mond selbst sei herabgekommen.

Der junge Mann lachte und dachte:

„Morgen kehre ich zur Prinzessin zurück. Nach der Hochzeit fliegen wir dann zusammen, wohin wir wollen.“

Doch als er in den Wald kam, empfing ihn nur Stille.

Der Koffer war fort.

Auf dem Boden lag lediglich ein Häufchen Asche.

Ein kleiner Funke vom Feuerwerk war im Koffer geblieben und hatte das trockene Holz langsam in Brand gesetzt.

Der junge Mann setzte sich auf die Erde.

Zum ersten Mal verstand er wirklich, dass Sorglosigkeit ihren Preis hatte.

Der Zauberkoffer hatte ihm eine zweite Chance gegeben. Und er war wieder unvorsichtig gewesen.

Nun konnte er den Palast nicht mehr erreichen. Das hohe Fenster lag weit über dem Boden.

Die Prinzessin wartete auf dem Dach auf ihn: einen Tag, einen zweiten, einen dritten.

Der junge Mann aber machte sich zu Fuß auf den Weg.

Er hatte weder Reichtum noch einen fliegenden Koffer. Doch etwas war ihm geblieben, das er früher an sich selbst kaum geschätzt hatte: Er konnte Geschichten erzählen.

Von da an wanderte er von Stadt zu Stadt und verdiente seinen Lebensunterhalt mit Märchen.

Die Menschen lachten, staunten, dachten nach und baten:

„Erzähl noch eine Geschichte.“

Und jedes Mal, wenn der junge Mann die Geschichte vom Zauberkoffer begann, erinnerte er sich an die Prinzessin und an den Abend, an dem der Himmel vom Feuerwerk erblüht war.

Am Ende fügte er immer hinzu:

„Das wertvollste Geschenk kann durch einen einzigen unvorsichtigen Augenblick verloren gehen. Wenn euch das Leben also eine zweite Chance gibt, hütet sie besser, als ich meinen fliegenden Koffer gehütet habe.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨