Cover: Der Gärtner und der kleine Vogel

Iran

Der Gärtner und der kleine Vogel

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Iran
Alter
5–9 Jahre
Dauer
7 Min.
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Der Gärtner und der kleine Vogel

In der alten Stadt Balch lag ein großer Garten. Im Frühling duftete er nach Blüten, im Sommer spendete er kühlen Schatten, und im Herbst bogen sich die Äste unter der Last reifer Früchte.

Ein aufmerksamer Gärtner kümmerte sich um alles. Er kannte jeden Baum, wusste, wo die Aprikosen zuerst reiften, welche Äpfel am süßesten waren und in welchen Zweigen sich die Vögel am liebsten vor der Mittagssonne versteckten.

Eines Morgens bemerkte der Gärtner etwas Merkwürdiges.

Unter einem der Bäume lagen viele Früchte. Einige waren noch völlig gut, doch irgendjemand warf sie eine nach der anderen von den Zweigen.

„Wer macht denn so etwas?“, wunderte sich der Gärtner.

Er versteckte sich hinter den Büschen und entdeckte bald einen kleinen Vogel. Er setzte sich auf einen Zweig, pickte gegen den Fruchtstiel, und schon fiel die Frucht zu Boden.

„Du bist also derjenige, der meine Ernte verdirbt!“, rief der Gärtner.

Am nächsten Tag spannte er ein leichtes Netz auf. Der Vogel kam wieder, verfing sich mit einem Flügel darin und konnte sich nicht gleich befreien.

Vorsichtig nahm der Gärtner ihn in die Hände.

„Was soll ich nun mit dir machen?“, fragte er. „Wenn ich dich freilasse, wirst du wieder Früchte herunterwerfen.“

„Hör mich zuerst an“, bat der Vogel. „Ich habe das nicht ohne Grund getan.“

Der Gärtner hob die Augenbrauen.

„Und was soll das für ein Grund sein?“

„Gestern habe ich den Wiedehopf mit der Nachtigall reden hören“, sagte der Vogel. „Der Wiedehopf war aus fernen Gegenden zurückgekehrt und warnte davor, dass man in diesem Jahr bei manchen Früchten vorsichtig sein müsse. Ich dachte, es sei besser, verdächtige Früchte herunterzuwerfen, als sie den Menschen zu überlassen.“

Der Gärtner dachte nach.

In alten Geschichten galt der Wiedehopf als ein Vogel, der weit reiste und Nachrichten aus fernen Ländern brachte. Deshalb klangen die Worte des kleinen Vogels durchaus glaubwürdig.

„Vielleicht wolltest du wirklich helfen“, sagte der Gärtner. „Aber woher soll ich wissen, ob du die Wahrheit sagst?“

Der Vogel legte den Kopf schief.

„Das ist eine sehr gute Frage. Wenn du mich freilässt, schenke ich dir drei Ratschläge. Sie können wertvoller sein als ein ganzer Korb voller Früchte.“

Der Gärtner lächelte.

„Drei Ratschläge von einem Vogel?“

„Warum nicht?“, antwortete er. „Ein kluger Gedanke wird nicht weniger klug, nur weil ihn jemand Kleines ausspricht.“

Diese Antwort gefiel dem Gärtner.

Er öffnete die Hände, und der Vogel flatterte auf einen niedrigen Ast.

„Ich höre“, sagte der Gärtner.

„Mein erster Rat: Glaube nicht jedes Wort, nur weil es mit großer Sicherheit ausgesprochen wird.“

Der Gärtner nickte.

„Das klingt vernünftig.“

„Der zweite: Wenn dir jemand etwas offensichtlich Unmögliches erzählt, denke zuerst nach und staune erst danach.“

„Auch das ist klug.“

„Und der dritte: Wenn etwas bereits geschehen ist und sich nicht mehr rückgängig machen lässt, quäle dich nicht endlos mit Reue. Zieh deine Lehre daraus und geh weiter.“

Der Gärtner wiederholte die drei Ratschläge, damit er sie nicht vergaß.

„Nicht gedankenlos glauben. Das Unmögliche nicht für wahr halten. Keine Kraft an etwas verschwenden, das sich nicht mehr ändern lässt.“

„Genau“, sagte der Vogel.

Er flatterte ein Stück höher.

Dann blitzten seine Augen plötzlich vergnügt.

„Eigentlich schade, dass du mich freigelassen hast.“

„Warum?“, fragte der Gärtner misstrauisch.

„Weil in mir ein riesiger Edelstein verborgen ist, größer als ein Entenei. Wenn du das gewusst hättest, wärst du jetzt der reichste Gärtner in ganz Balch!“

Der Gärtner sprang erschrocken auf.

„Ein Edelstein? In dir?“

Der Vogel setzte sich noch höher.

„Natürlich. Groß, glänzend und wunderschön.“

Der Gärtner streckte die Hände zum Ast aus.

„Komm zurück! Ich will ihn nur ansehen!“

Der Vogel flog bis in die Krone des Baumes.

„Und was ist mit meinen drei Ratschlägen?“

Der Gärtner erstarrte.

„Was meinst du?“

„Du hast sie schneller vergessen, als ich bis zum oberen Ast fliegen konnte.“

Der Gärtner runzelte die Stirn.

„Wieso?“

„Fangen wir mit dem zweiten Rat an“, sagte der Vogel. „Sieh mich genau an. Ich bin kleiner als ein Entenei. Wie sollte in mir ein Edelstein stecken, der größer ist als ein Entenei?“

Der Gärtner schaute genauer hin und kratzte sich am Kopf.

„Das geht überhaupt nicht.“

„Also hast du etwas Unmögliches geglaubt, nur weil ich es sehr selbstsicher behauptet habe.“

„Sieht ganz danach aus.“

„Und nun zum dritten Rat. Gerade eben dachtest du, du hättest einen riesigen Schatz verloren, und schon hast du bereut, mich freigelassen zu haben. Dabei gab es diesen Schatz gar nicht.“

Der Gärtner musste lachen.

„Gut. Damit hast du mich erwischt.“

„Und auch der erste Rat war nötig“, fuhr der Vogel fort. „Man sollte nicht jedes Wort glauben, nur weil es überzeugend klingt. Selbst dann nicht, wenn es von einem kleinen Vogel kommt.“

Der Gärtner setzte sich unter den Baum und wiederholte die drei Ratschläge noch einmal.

Nun hatte er sie wirklich verstanden.

„Und die Geschichte vom Wiedehopf und den gefährlichen Früchten?“, fragte er. „War die wahr?“

Der Vogel legte den Kopf auf eine schelmische Art schief.

„Was meinst du selbst?“

Der Gärtner sah zu den Früchten am Boden und dann hinauf zum Vogel.

„Ich denke, ich sollte es selbst überprüfen.“

„Jetzt hast du es wirklich gelernt“, zwitscherte der Vogel fröhlich.

Der Gärtner wurde nicht böse. Er sammelte die Früchte ein, sah sie sich sorgfältig an und achtete von da an noch besser auf seinen Garten.

Der kleine Vogel kam hin und wieder zu dem vertrauten Baum zurück. Er warf keine Früchte mehr ohne Grund herunter, und der Gärtner glaubte nicht mehr vorschnell an seltsame Geschichten.

Wenn ihm später jemand etwas Unglaubliches erzählte, lächelte er und sagte:

„Denken wir zuerst darüber nach, ob das überhaupt möglich ist.“

Denn ein kluger Mensch ist nicht jemand, der auf alles eine Antwort kennt.

Klug ist, wer im richtigen Moment die richtige Frage stellt.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨