Cover: Der geizige Reisegefährte

Armenien

Der geizige Reisegefährte

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Armenien
Alter
7–11 Jahre
Dauer
12 Min.
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Der geizige Reisegefährte

Zwei Männer machten sich gemeinsam auf den Weg in eine weit entfernte Stadt. Die Reise sollte mehrere Tage dauern, also nahm jeder eine Tasche mit Brot, Käse, getrockneten Früchten und Nüssen mit.

Der erste Reisende hieß Aram, der zweite Vardan.

Vor der Abreise vereinbarten sie:

„Zuerst essen wir aus deiner Tasche, Aram“, schlug Vardan vor. „Wenn sie leer ist, öffnen wir meine. Das ist einfacher, als jeden Tag alles genau zu teilen.“

„Abgemacht“, sagte Aram.

Die ersten Tage verliefen gut. Abends setzten sie sich am Wegesrand nieder, Aram holte Essen heraus und legte es vor sie beide.

„Nimm noch ein Stück“, sagte er.

„Danke, mein Freund“, antwortete Vardan.

Am dritten Tag war Arams Tasche leer.

Mittags machten sie an einem Bach Halt.

Vardan setzte sich in den Schatten, öffnete seine Tasche und nahm ein frisches Fladenbrot heraus.

Aram streckte die Hand aus.

„Nun gut, jetzt essen wir aus deiner Tasche.“

Vardan zog rasch die Schnur zu.

„Aus meiner?“

„Ja. So haben wir es doch vereinbart.“

„Ich habe es mir anders überlegt.“

Aram hielt das zuerst für einen Scherz.

„Mach keine Witze. Die halbe Reise lang haben wir von meinem Essen gelebt.“

„Eben deshalb muss ich meines jetzt sparen“, sagte Vardan. „Was, wenn es für mich bis zur Stadt nicht reicht?“

„Und was ist mit mir?“

„Du hättest besser rechnen sollen.“

Aram glaubte seinen Ohren nicht.

„Ich habe jeden Tag mit dir geteilt.“

„Das war deine Entscheidung.“

Vardan brach ein Stück Brot ab und begann zu essen.

Aram bat wenigstens um ein wenig Brot, doch sein Reisegefährte gab nicht nach.

Schließlich stand Vardan auf.

„Ich gehe schneller weiter. Bis zur Stadt ist es noch weit.“

Und er ließ Aram allein auf der Straße zurück.

Aram ging, solange er konnte. Er trank aus Bächen und pflückte einige saure Beeren, doch gegen Abend war er völlig erschöpft.

Als es bereits dämmerte, entdeckte er am Weg eine alte, verlassene Mühle.

Das Dach war undicht, das Mühlrad hatte sich lange nicht mehr gedreht, und die Tür hing schief in den Angeln. Doch innen war es trocken.

„Ich verbringe die Nacht hier“, beschloss Aram. „Morgen werde ich weitersehen.“

An der Wand hing eine alte Rahmentrommel. In einer Ecke stand ein großer hölzerner Getreidekasten. Aram kletterte hinein, deckte sich mit seinem Mantel zu und versuchte zu schlafen.

Um Mitternacht knarrte die Tür der Mühle.

Ein Bär kam herein.

Aram erstarrte.

Wenig später erschien ein Wolf. Danach kam ein Fuchs.

Die drei Tiere setzten sich mitten in die Mühle, als wären sie alte Bekannte, die sich zu einem Gespräch verabredet hatten.

„Nun, Bär“, fragte der Wolf, „wie kommst du zurecht, wenn es wenig zu fressen gibt?“

„Gar nicht schlecht“, antwortete der Bär. „Am Nordhang wächst eine Wurzel, die man essen kann. Man muss nur wissen, welche. Sie schmeckt leicht süßlich und ist sehr nahrhaft.“

„Das merke ich mir“, dachte der hungrige Aram.

Der Fuchs wandte sich an den Wolf.

„Warum bist du so missmutig?“

„Ich komme einfach nicht an die Herde beim Grünen Dorf heran“, klagte der Wolf. „Ein großer schwarzer Hund bewacht sie. Er ist aufmerksam und mutig und lässt niemanden in die Nähe.“

„Das ist doch gut“, sagte der Bär. „Eine Herde sollte schließlich bewacht werden.“

„Mag sein“, brummte der Wolf. „Übrigens wächst bei diesem Pferch ein seltenes Bergkraut. Die Menschen bemerken es kaum, weil es sich zwischen den Steinen versteckt. Man sagt, alte Heiler hätten daraus stärkende Tränke für Menschen gemacht, die lange krank gewesen waren.“

Aram wurde hellhörig.

In den Dörfern hatte er gehört, dass der Sohn eines Herrschers in einer fernen Stadt schon seit vielen Monaten schwach war und die Ärzte ihm seine Kräfte nicht zurückgeben konnten.

Nun fragte der Bär den Fuchs:

„Und welche Neuigkeiten hast du?“

Der Fuchs schlug stolz mit dem Schwanz.

„Ich bin zwar nicht so stark wie ihr, Freunde, aber ich weiß interessante Dinge zu finden. Unter der alten Platane in der Nähe ist ein Krug mit alten Münzen vergraben. Und ein weiterer steht direkt unter der Schwelle dieser Mühle.“

Aram hätte beinahe laut aufgestöhnt.

Die Tiere redeten noch eine Weile und legten sich dann mitten in der Mühle schlafen.

Aram begriff: Wenn sie bis zum Morgen blieben, würde er nicht hinauskommen.

Also streckte er vorsichtig die Hand nach der Trommel aus, die in seiner Nähe hing, und begann plötzlich zu spielen:

Bumm-bumm! Kling! Bumm-bumm-bumm!

Der Bär sprang auf.

Der Wolf fuhr herum.

Der Fuchs rief:

„Menschen! Ein Fest! Weg hier!“

Und alle drei stürmten aus der Mühle.

Aram wartete, bis es ringsum still geworden war. Dann kletterte er aus dem Getreidekasten.

Als Erstes suchte er unter der Schwelle und fand tatsächlich einen Krug voller Münzen.

Doch statt alles mitzunehmen, nahm Aram nur einige wenige.

„Das reicht für Reise und Essen“, sagte er. „Fremdes Gold kann Hunger sehr leicht in Gier verwandeln.“

Bei Tagesanbruch ging er zum Nordhang und fand die Wurzel, von der der Bär gesprochen hatte. Vorsichtig probierte er ein kleines Stück. Dann aß er etwas mehr und spürte, wie seine Kräfte zurückkehrten.

Danach machte er sich auf den Weg zum Grünen Dorf.

Am Pferch begrüßte ihn ein großer schwarzer Hund.

„Ruhig, mein Freund“, sagte Aram und vermied jede hastige Bewegung.

Ein Hirte kam heraus.

„Was suchst du hier?“

Aram erklärte, dass er nach einem ungewöhnlichen Bergkraut suche, das in der Nähe wachsen sollte. Der Hirte kannte die Pflanze.

„Meine Großmutter hat sie gesammelt“, sagte er. „Aber nimm nicht zu viel. Sie ist selten.“

Gemeinsam fanden sie einige Büschel. Aram nahm nur so viele Blätter, wie der Hirte ihm erlaubte, und ließ die Wurzeln in der Erde.

„Damit sie wieder wachsen kann“, erklärte er.

Der Hund saß inzwischen daneben und beobachtete alles aufmerksam.

„Ein guter Wächter“, sagte Aram.

„Der beste“, antwortete der Hirte stolz.

Als Aram die Stadt erreichte, erfuhr er, dass der Sohn des Herrschers tatsächlich schon lange krank war. Er gab sich nicht als Arzt aus und versprach kein Wunder.

„Ich habe von einer Bergpflanze gehört“, sagte er zu den Hofheilern. „Vielleicht kennt ihr sie und könnt selbst entscheiden, ob sie euch nützlich sein kann.“

Unter den älteren Ärzten war einer, der die Pflanze sofort erkannte.

„Danach suche ich seit Monaten!“, rief er. „Sie ist selten, aber in alten Büchern wird sie tatsächlich erwähnt.“

Die Ärzte selbst bereiteten einen sicheren Trank zu und kümmerten sich weiter um den jungen Mann. Nach einiger Zeit gewann er allmählich seine Kräfte zurück.

Der Herrscher wollte Aram reich belohnen.

„Wünsche dir Gold, Land oder ein Haus.“

Aram dachte nach.

„Gebt mir genug, um meine Familie hierherzuholen und eine kleine Herberge für Reisende zu eröffnen. Und erlaubt mir außerdem, dieses nützliche Kraut im Palastgarten anzupflanzen, damit man es nicht jedes Mal in den Bergen suchen muss.“

Dem Herrscher gefiel diese Antwort.

So erhielt Aram ein kleines Haus an der Straße. Dort stand immer ein Krug Wasser bereit, und im Ofen wurde Brot gebacken. An die Tür hängte er ein einfaches Schild:

„Kein Reisender soll an einem fremden Tisch hungrig bleiben.“

Einige Monate vergingen.

Eines Tages kam ein erschöpfter Wanderer in die Herberge.

Es war Vardan.

Er hatte lange in verschiedenen Städten Arbeit gesucht, seine Vorräte aufgebraucht und besaß nun kaum noch genug Geld für ein Abendessen.

Als er Aram sah, blieb er wie angewurzelt stehen.

„Du? Wie bist du hierhergekommen? Woher hast du dieses Haus?“

Aram bat ihn an den Tisch und stellte eine Schüssel heiße Suppe vor ihn.

„Iss zuerst.“

Vardan aß schweigend. Erst als die Schüssel leer war, fragte er wieder:

„Wie hattest du nur so viel Glück?“

Aram erzählte von der Mühle, den Tieren, der Wurzel, dem Kraut und den versteckten Münzen.

Vardans Augen begannen zu leuchten.

„Also liegt bei der Mühle noch mehr Gold?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Aram. „Und ich glaube auch nicht, dass das der wichtigste Teil der Geschichte ist.“

Doch Vardan hörte schon kaum noch zu.

Noch in derselben Nacht ging er zur alten Mühle.

Er kletterte in den Getreidekasten und wartete.

Um Mitternacht kamen wieder der Bär, der Wolf und der Fuchs.

Der Fuchs schnupperte sofort.

„Beim letzten Mal hat uns jemand belauscht. Danach waren Münzen verschwunden. Heute sehen wir uns erst einmal überall um.“

Die Tiere durchsuchten die Mühle.

Vardan saß so still, wie er konnte, doch vor Angst musste er niesen.

„Aha!“, rief der Fuchs.

Vardan sprang aus dem Kasten und rannte zur Tür.

Der Bär stampfte drohend mit der Tatze. Der Wolf knurrte. Der Fuchs jagte hinterher und versuchte, den Saum von Vardans Mantel zu erwischen.

Vardan rannte so schnell, dass er seine Tasche, seine Mütze und einen Schuh verlor. Erst bei Tagesanbruch blieb er stehen.

Als er schließlich in die Stadt zurückkehrte, sah er aus, als hätte er mit dem Wind um die Wette laufen wollen und verloren.

Aram entdeckte ihn am Tor.

„Hast du das Gold gefunden?“

Vardan schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich habe mit Mühe mich selbst wiedergefunden.“

Aram lächelte und reichte ihm Wasser.

Vardan schwieg lange.

„Ich dachte, dein Glück hätte mit dem Krug voller Münzen angefangen“, sagte er schließlich.

„Nein“, antwortete Aram. „Es begann in dem Moment, als ich einen nützlichen Hinweis hörte und beschloss, ihn so zu verwenden, dass niemand dadurch Schaden nimmt.“

Vardan senkte den Blick.

„Und ich habe dich damals wegen ein paar Fladenbroten hungrig zurückgelassen.“

„Das stimmt.“

„Und trotzdem hast du mich gefüttert.“

„Weil ich sehr gut weiß, wie es sich anfühlt, hungrig auf einer Straße unterwegs zu sein.“

Am nächsten Morgen ging Vardan nicht auf Schatzsuche. Er bat Aram um Arbeit in der Herberge.

Zuerst schleppte er Wasser und hackte Holz. Später lernte er, Brot zu backen. Und jedes Mal, wenn ein müder Reisender zur Tür hereinkam, stellte Vardan ihm selbst einen Teller hin.

Man erzählt, dass lange Zeit verging, bis er aufhörte, jedes Stück zu zählen, das er mit anderen teilte. Doch schließlich gelang es ihm.

Und die alte Vereinbarung von ihrer Reise vergaß er nie mehr:

Wer einen Weg mit jemandem teilt, sollte nicht nur die leichten Kilometer teilen, sondern auch Brot, Verantwortung und Fürsorge.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨