

Myanmar
Der gestohlene Schatz
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Myanmar
- Alter
- 7–11 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Der gestohlene Schatz
In einer ruhigen Waldgegend lebten vier weise Männer.
Viele Jahre hatten sie gelernt, waren gereist und hatten Menschen mit Rat geholfen.
Im Laufe der Zeit hatten sie eine kleine Truhe mit Silber, Goldmünzen und einigen Edelsteinen angesammelt.
Der Schatz war nicht zum Prahlen gedacht.
Sie bewahrten ihn für lange Reisen, Krankheit, schlechte Ernten oder für den Fall auf, dass jemand dringend Hilfe brauchte.
Anfangs versteckten sie die Truhe sehr sorgfältig.
Doch jahrelang geschah nichts.
Mit der Zeit wurden sie weniger vorsichtig.
Eines Tages kam ein junger Mann zu ihrem Haus.
„Ich habe viel von eurer Weisheit gehört“, sagte er. „Darf ich manchmal euren Gesprächen zuhören und lernen?“
Er war höflich.
Aufmerksam.
Er stritt nie.
Er holte Wasser, half im Haus und stellte kluge Fragen.
Die vier Männer gewöhnten sich an ihn und begannen, ihm zu vertrauen.
Doch der junge Mann war nicht wegen des Wissens gekommen.
Zufällig hatte er von der Truhe erfahren.
Von da an nickte er, wenn die Weisen über Ehrlichkeit sprachen.
In Wirklichkeit dachte er nur noch an das Gold.
Bald machten sich die vier Freunde zu einer Reise auf.
„Wir sind einige Tage fort“, sagten sie. „Pass bitte auf Haus und Garten auf.“
„Macht euch keine Sorgen. Alles wird in Ordnung sein.“
Kaum waren die Männer hinter der Straßenbiegung verschwunden, suchte der junge Mann das Versteck.
Er nahm die Truhe heraus.
Die wertvollen Dinge brachte er an einen anderen Ort.
Die leere Truhe stellte er zurück.
Er hoffte, die Veränderung würde nicht sofort auffallen.
Als die Männer heimkehrten, öffnete einer das Versteck.
„Die Truhe ist leer!“
Alle sahen einander an.
Natürlich dachten sie sofort an den jungen Mann.
Er kannte das Haus sehr gut.
Doch Verdacht ist kein Beweis.
„Wenn wir ihn ohne Beweise beschuldigen“, sagte der Älteste, „handeln wir selbst ungerecht.“
Also gingen sie zum König und baten um Hilfe.
Der König hatte eine Tochter, die für ihren scharfen Verstand bekannt war.
Sie liebte Rätsel, hörte Menschen aufmerksam zu und zog nie zu schnell eine Schlussfolgerung.
Nachdem sie die Weisen angehört hatte, sagte sie:
„Ihr glaubt zu wissen, wer den Schatz genommen hat. Aber wir müssen es nicht glauben. Wir müssen es wissen.“
„Wie?“, fragte der König.
„Wir lassen ihn selbst zeigen, was er verbirgt.“
Der junge Mann wurde auf Befehl des Palastes zu einem scheinbar ganz gewöhnlichen Gespräch eingeladen.
Die Prinzessin empfing ihn freundlich.
„Man sagt, du hast viel Zeit mit den Weisen verbracht.“
„Ja“, antwortete er stolz. „Ich habe viel Interessantes von ihnen gehört.“
„Dann bist du sicher ein überlegter Mensch.“
Der junge Mann richtete sich auf.
„Das denke ich.“
Die Prinzessin erwähnte den Diebstahl nicht.
Sie sprach über Straßen, Handel und ferne Städte.
Einige Tage später lud sie ihn wieder ein.
Dann noch einmal.
Der junge Mann wollte immer stärker wie ein wichtiger und wohlhabender Mann erscheinen.
Schließlich sagte die Prinzessin:
„Ich plane eine weite Reise. Dafür brauche ich einen zuverlässigen Helfer, der selbstständig handeln kann. Schade nur, dass die Reise teuer wird. Man braucht einen eigenen Geldvorrat.“
Der junge Mann konnte nicht widerstehen.
„Das ist kein Problem! Ich habe Gold, Silber und Edelsteine. Mehr, als Ihr denkt.“
Die Prinzessin machte ein erstauntes Gesicht.
„Wirklich? Ich dachte, du lebst eher bescheiden.“
„Ich zeige meinen Reichtum nur nicht jedem.“
„Dann bring morgen einige Stücke mit. Ich muss wissen, ob für eine solche Reise wirklich genug vorhanden ist.“
Der junge Mann ging sehr zufrieden nach Hause.
„Jetzt kommt mein Glückstag“, dachte er.
Am nächsten Abend erschien er im Palast mit einer kleinen Tasche.
Die Prinzessin bat ihn, die Dinge auf den Tisch zu legen.
Eine Münze nach der anderen.
Silberschmuck.
Edelsteine.
„Schön“, sagte sie. „Woher hast du all das?“
Der junge Mann stockte.
„Ich ... habe lange gesammelt.“
Da öffnete sich die Tür.
Der König und die vier Weisen traten ein.
Einer der Männer erkannte sofort einen kleinen Stein mit einer weißen Linie.
„Der gehört uns.“
Ein anderer nahm eine silberne Schließe.
„Auch die kenne ich.“
Ein dritter nannte die genaue Zahl der Goldmünzen in einem kleinen Beutel, noch bevor er geöffnet wurde.
Der junge Mann wurde blass.
Jetzt lagen die Beweise vor ihnen.
„Warum hast du das getan?“, fragte der König.
Der junge Mann senkte den Blick.
„Ich sah den Schatz und dachte, damit würde mein Leben besser.“
„Und wurde es besser?“, fragte die Prinzessin.
Er betrachtete die Dinge, wegen derer er seit Tagen gelogen, sich gefürchtet und bei jedem Klopfen an der Tür erschrocken hatte.
„Nein“, sagte er. „Es wurde schlimmer.“
Die vier Weisen nahmen ihr Eigentum zurück.
Sie wünschten ihm nichts Böses.
Doch sie sagten:
„Vertrauen kehrt nicht durch eine einzige Entschuldigung zurück.“
Der König verlangte, dass der junge Mann alles ersetzte, was beschädigt oder verloren gegangen war.
Danach sollte er eine Zeit lang fern vom Palast arbeiten und durch sein Verhalten zeigen, dass er Ehrlichkeit gelernt hatte.
Der junge Mann stimmte zu.
Als alles vorbei war, fragte der König seine Tochter:
„Du hast ihm nicht gedroht. Du hast sein Haus nicht durchsuchen lassen. Du hast ihn nicht ohne Beweise beschuldigt. Warum hat deine Methode funktioniert?“
Die Prinzessin lächelte.
„Weil eine Lüge sehr gern prahlt. Man muss ihr nur genug Zeit geben, und oft erzählt sie selbst mehr, als sie wollte.“
Die Weisen gingen zurück nach Hause.
Von da an schützten sie die Truhe wieder sorgfältig.
Noch sorgfältiger achteten sie aber auf Gerechtigkeit.
Die Geschichte vom gestohlenen Schatz wurde lange erzählt als Erinnerung daran:
Ein Verdacht kann eine Richtung zeigen.
Aber eine Entscheidung sollte man erst treffen, wenn man die Wahrheit kennt.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
