

Laos
Der giftige Mund
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Laos
- Alter
- 9–12 Jahre
- Dauer
- 8 Min.

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Der giftige Mund
In einem kleinen Dorf zwischen grünen Hügeln lebte eine arme Familie: Vater, Mutter und eine kleine Tochter.
Das Mädchen war lebhaft, aufmerksam und besaß eine seltsame Gabe, von der zunächst niemand etwas wusste.
Sie konnte die Worte der Erwachsenen sehr genau wiederholen.
Daran wäre noch nichts Ungewöhnliches gewesen.
Kinder wiederholen oft, was sie hören.
Doch bei diesem Mädchen wurden die gesprochenen Worte manchmal Wirklichkeit.
An einem heißen Tag war die Mutter von der Arbeit erschöpft.
Eine Kuh war in den Gemüsegarten gelaufen.
Eine zweite hatte einen Korb umgestoßen.
Eine dritte wollte einfach nicht in den Stall.
„Wenn ihr doch wenigstens eine Minute lang alle stillstehen würdet!“, rief die Mutter ärgerlich.
Das Mädchen, das daneben saß, wiederholte fröhlich:
„Alle sollen stillstehen!“
Im selben Augenblick blieben die Kühe stehen.
Eine am Tor.
Eine mitten im Hof.
Eine mit einem Grashalm im Maul.
Sie fielen nicht um.
Sie litten nicht.
Sie standen einfach da wie große Holzfiguren.
Die Mutter erschrak.
„Was ist denn jetzt passiert?“
Auch das Mädchen bekam Angst.
Es hatte niemandem etwas antun wollen.
Nach einigen Minuten löste sich der Zauber, und die Kühe bewegten sich wieder, als wäre nichts geschehen.
Die Mutter atmete erleichtert auf.
Doch über ihre eigenen Worte dachte sie noch nicht lange nach.
Ein anderes Mal sah sie auf die leeren Krüge und murmelte:
„Wenn die Bienen uns doch selbst so viel Honig brächten, dass das ganze Haus davon voll wäre.“
Die Tochter lachte.
„Das ganze Haus soll voller Honig sein!“
Aus dem Garten kam plötzlich ein Summen.
Zuerst flogen einige Bienen heran.
Dann Dutzende.
Dann Hunderte.
Sie kreisten am Dach, setzten sich auf Blumen und flogen weiter.
Auf dem Tisch, auf den Regalen und sogar neben der Tür erschienen goldene Tropfen Honig.
Nach kurzer Zeit war so viel da, dass die Mutter kaum wusste, wohin mit all den Töpfen.
„Genug! Genug!“, rief sie.
Das Mädchen wiederholte:
„Genug!“
Und sofort hörte alles auf.
Jetzt begann die Mutter wirklich nachzudenken.
„Deine Worte haben Kraft“, sagte sie zu ihrer Tochter. „Du musst vorsichtig sein.“
Doch die Mutter selbst sprach noch immer häufig, ohne vorher nachzudenken.
Bald hörte der Herrscher der Gegend von dem ungewöhnlichen Kind.
Er war nicht mehr jung und liebte kluge Geschichten.
„Wenn das Mädchen wirklich eine solche Gabe besitzt“, sagte er zu seinen Helfern, „sagt den Eltern, sie sollen gut auf sie achten, ihr freundliche Sprache beibringen und niemandem erlauben, ihre Kraft für Gier oder Rache zu benutzen. Wenn sie größer ist, darf sie mit meinen Schreibern und Beratern lernen.“
Er schickte zwei Diener mit dieser Botschaft ins Dorf.
Als sie ankamen, war die Mutter schlecht gelaunt.
Gerade hatte sie Reis verschüttet und wollte niemanden sehen.
„Ständig kommen Leute hierher“, brummte sie. „Warum steht ihr vor der Tür wie zwei Wachhunde?“
Das Mädchen hörte die Worte und wiederholte, ohne die Folgen zu verstehen:
„Zwei Hunde!“
Puff!
An der Stelle der Boten standen plötzlich zwei verwirrte Hunde.
Einer sah den anderen an.
Der andere sah zurück.
Beide bellten so überrascht, dass die Mutter beinahe ihren Krug fallen ließ.
„Zurück! Sofort zurück!“, rief sie.
Das Mädchen wiederholte:
„Zurück, wie vorher!“
Im nächsten Augenblick standen die Boten wieder an der Tür.
Unverletzt.
Aber sehr verärgert.
„Sagt dem Herrscher“, sagte einer und ordnete seine Kleidung, „dass das Kind wirklich eine ungewöhnliche Gabe besitzt. Und dass in diesem Haus alle etwas sorgfältiger mit ihren Worten umgehen sollten.“
Einige Tage später schickte der Herrscher andere Menschen.
Doch die Mutter sagte erneut etwas Scharfes, ohne nachzudenken, und wieder kam es zu einem kurzen magischen Durcheinander.
Da erschien eines Tages ein alter Wanderer im Dorf.
Er trug keine kostbare Kleidung, hatte keine Wachen und keinen großen Titel.
Nur einen Wanderstab, eine Tasche und eine sehr ruhige Stimme.
Er setzte sich mit dem Mädchen unter einen Baum.
„Sag mir, Kleine: Wozu haben Menschen eine Zunge?“
„Zum Sprechen“, antwortete sie.
„Und noch?“
Das Mädchen dachte nach.
„Zum Singen. Zum Rufen. Zum Geschichten erzählen.“
„Richtig. Kann man mit Worten jemanden verletzen?“
Das Mädchen erinnerte sich an die erstarrten Kühe und die Boten, die kurz Hunde gewesen waren.
„Ja“, sagte sie leise.
„Und kann man mit Worten helfen?“
„Bestimmt auch.“
Der Alte lächelte.
„Genau das ist das Wichtigste. Worte sind nicht nur dazu da, alles hinauszulassen, was gerade durch den Kopf schießt. Mit Worten kann man beruhigen, unterstützen, sich entschuldigen, vor Gefahr warnen, lehren und danken. Wenn deine Worte besondere Kraft besitzen, ist auch deine Verantwortung besonders groß.“
„Aber ich wiederhole oft nur, was die Erwachsenen sagen“, sagte das Mädchen.
Der Alte blickte zu ihrer Mutter, die in der Nähe stand und alles hörte.
„Gerade deshalb sollten Erwachsene sich daran erinnern: Kinder lernen Sprache nicht nur aus Büchern. Sie hören uns zu.“
Die Mutter wurde rot.
„Das stimmt“, gab sie zu. „Ich habe oft aus Ärger gesprochen, und meine Tochter hat nur wiederholt.“
Von diesem Tag an lernten beide gemeinsam.
Wenn die Mutter sagen wollte:
„Dieser Regen soll verschwinden!“
hielt sie inne und sagte:
„Ich wünsche mir für morgen einen klaren Himmel.“
Wenn das Mädchen wütend wurde, sagte es nicht:
„Alles soll verschwinden!“
sondern:
„Ich bin gerade sehr ärgerlich. Gebt mir bitte einen Moment.“
Als ein Nachbarskind hinfiel und sich das Knie stieß, lachte das Mädchen nicht.
Sie sagte:
„Ich hoffe, es tut dir bald weniger weh.“
Diesmal geschah kein lautes Wunder.
Aber das weinende Kind beruhigte sich tatsächlich.
Nach einiger Zeit brachte der alte Wanderer das Mädchen zum Herrscher.
Nicht als Kuriosität.
Nicht als magisches Werkzeug.
Sondern als Schülerin.
Dort lernte sie lesen, Menschen zuzuhören und Worte zu finden, die nicht erniedrigen, sondern erklären.
Man zeigte ihr, wie man einen Streit ohne Schreien löst, wie man die Wahrheit ohne Grausamkeit sagt und wie man keine Versprechen gibt, die man nicht halten kann.
Die Jahre vergingen.
Ihr alter Spitzname, Giftmund, blieb noch lange in Erinnerung.
Doch mit der Zeit sprach man ihn nicht mehr mit Angst aus.
Man lächelte dabei.
Denn alle wussten:
Das Mädchen hatte gelernt, die Kraft ihrer Worte für Gutes zu verwenden.
Eines Tages fragte der Herrscher sie:
„Was ist das größte Wunder, das du heute vollbringen kannst?“
Sie lächelte.
„Ein Wort aufzuhalten, bevor es meinen Mund verlässt, wenn ich weiß, dass ich es später bereuen würde.“
Der Herrscher lachte.
„Das ist tatsächlich eine seltene Gabe.“
Und von da an wiederholten die Menschen in der Gegend einen einfachen Rat:
Bevor du ein Wort in die Welt schickst, denk darüber nach, was es dort tun wird.
Denn ein Wort kann ein Funke sein, der einen Streit entzündet.
Oder eine kleine Laterne, die jemandem hilft, den Weg zu finden.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
