

Laos
Der große Prahler
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Laos
- Alter
- 6–9 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Der große Prahler
Im Süden von Laos lebte ein Mann, den alle im Dorf nur den Großen Prahler nannten.
Seinen wirklichen Namen benutzten die Leute kaum noch.
Denn wo immer er auftauchte, verwandelte sich jedes Gespräch sehr schnell in eine Geschichte über seine eigenen Heldentaten.
Sagte jemand:
„Gestern habe ich einen schweren Sack Reis bis ins Nachbardorf getragen“,
antwortete der Prahler sofort:
„Einen Sack? Ich habe einmal zwei getragen und war nicht einmal müde!“
Erzählte ein Jäger:
„Im Wald habe ich einen Tiger ganz in der Nähe gehört“,
winkte der Prahler ab.
„Das soll gefährlich sein? Ich habe einmal zwei Tiger gehört. Und wahrscheinlich hatten sie selbst Angst vor mir.“
Ganz gleich, ob jemand über einen langen Weg, starken Regen, einen steilen Hügel oder schwere Arbeit sprach:
Der Große Prahler kannte immer eine Geschichte, die länger, gefährlicher und unglaublicher war.
Anfangs hörten die Dorfbewohner interessiert zu.
Dann begannen sie zu zweifeln.
Später erfanden sie einfach dringende Aufgaben, wenn sie ihn von weitem kommen sahen.
„Da kommt der Prahler“, flüsterte jemand. „Wenn wir bleiben, erfahren wir bis zum Abend noch, wie er ganz allein einen Berg versetzt hat.“
Eines Tages kam ein junger Mann aus einer weit entfernten Gegend ins Dorf.
Er hörte vom Großen Prahler und fragte:
„Ist er wirklich so stark?“
„Vielleicht ist er stark“, sagten die Leute. „Aber seine Worte sind immer stärker als er selbst.“
Der junge Mann lächelte.
Er war ein schneller Läufer und konnte seine Kräfte gut einteilen.
Doch seine wichtigste Eigenschaft war eine andere:
Er prahlte nicht gern.
Am nächsten Morgen traf er den Großen Prahler in der Nähe des Marktes.
„Man sagt, du bist der ausdauerndste Mann in der ganzen Gegend“, sagte er.
Der Prahler richtete sich auf.
„Nicht nur in der Gegend. Wahrscheinlich noch viel weiter.“
„Dann laufen wir um die Wette.“
Sofort versammelten sich Menschen.
„Wohin?“, fragte der Prahler.
Der junge Mann zeigte auf einen niedrigen Hügel hinter dem Dorf.
„Bis zur Spitze. Ich werde versuchen, die ganze Strecke ruhig zu atmen und nur wenige tiefe Atemzüge zu machen.“
Der Prahler schnaubte.
„Wenige? Ich brauche noch weniger!“
„Das ist nicht nötig“, sagte der junge Mann ruhig. „Wichtig ist nur, oben anzukommen.“
„Für dich vielleicht. Ich werde echte Ausdauer zeigen.“
Die Dorfbewohner gingen entlang des Weges mit, damit alles fair blieb.
„Bereit?“, fragte der Dorfälteste.
Der junge Mann stellte sich an den Start.
Der Prahler holte tief Luft, blähte die Wangen auf und nahm sich vor, beinahe gar nicht mehr zu atmen.
„Los!“
Sie rannten.
Zuerst schoss der Prahler so schnell voraus, dass Staub aufwirbelte.
„Habt ihr das gesehen?“, rief er noch. „Das nenne ich Geschwindigkeit!“
Doch bald begann der Weg anzusteigen.
Der junge Mann lief gleichmäßig.
Schritt.
Schritt.
Einatmen.
Ausatmen.
Der Prahler dagegen wurde immer röter, weil er versuchte, sein eigenes unsinniges Versprechen einzuhalten.
Bald wurde er langsamer.
Noch einige Schritte später blieb er stehen und sog endlich laut Luft ein.
„Alles in Ordnung?“, fragte der junge Mann und blieb ebenfalls stehen.
Der Prahler stützte die Hände auf die Knie.
„Natürlich. Ich ... prüfe nur ... den Weg.“
„Wir können ohne seltsame Regeln weiterlaufen“, schlug der junge Mann vor. „Einfach bis zur Spitze.“
Um sie herum hörte man bereits leises Lachen.
Der Prahler richtete sich auf.
„Wenn wir bergab laufen würden, hätte ich leicht gewonnen!“
Ein Dorfbewohner konnte nicht widerstehen.
„Und wenn der Hügel eine Ebene und die Ebene ein Boot wäre, würdest du wahrscheinlich sogar durch den Himmel schwimmen!“
Die Leute lachten.
Der Prahler wurde noch röter.
Doch der junge Mann lachte nicht.
„Hör zu“, sagte er. „Du musst nicht jedes Mal der Stärkste sein. Niemand hat verlangt, dass du fast ohne Atmen läufst. Du hast dir selbst etwas Unmögliches auferlegt, nur weil du unbedingt etwas Größeres sagen wolltest als ich.“
Der Prahler wollte wie üblich eine Geschichte erzählen, wie er einmal einen noch höheren Berg hinaufgelaufen war.
Er öffnete bereits den Mund.
Dann hielt er inne.
Er blickte auf die Menschen um sich und bemerkte zum ersten Mal:
Sie bewunderten seine Geschichten nicht.
Sie glaubten ihnen schon lange nicht mehr.
„Meidet ihr mich wirklich wegen meines Prahlens?“, fragte er.
Ein alter Nachbar antwortete ehrlich:
„Nicht weil du von dir erzählst. Sondern weil neben dir niemand mehr Platz für seine eigene Geschichte hat.“
Diese Worte waren für den Prahler schwerer als jeder Sack Reis.
An diesem Tag erreichte er die Hügelspitze nicht als Erster.
Doch etwas Wichtigeres geschah.
Am Abend setzten sich die Leute zusammen und erzählten.
Jemand berichtete, wie er das Dach vor dem Regen repariert hatte.
Der Große Prahler wollte schon sagen, dass er einmal drei Dächer an einem Tag repariert habe.
Doch er hielt sich zurück.
„Wie hast du das so schnell geschafft?“, fragte er stattdessen.
Der Nachbar sah überrascht zu ihm.
Dann erzählte er weiter.
Später sprach ein anderer Mann.
Der Prahler hörte einfach zu.
So verging der ganze Abend.
Und etwas Merkwürdiges passierte:
Als er aufhörte, alle übertreffen zu wollen, hörten die Menschen auf, vor ihm wegzugehen.
Mit der Zeit wurde der Name „Großer Prahler“ nur noch im Scherz verwendet.
Und der Mann wurde wirklich stärker.
Nicht weil er lernte, ohne Atmen zu laufen.
Nicht weil er unglaubliche Lasten tragen konnte.
Sondern weil er zwei sehr schwierige Sätze aussprechen lernte:
„Das kann ich nicht.“
Und:
„Erzähl mir von dir.“
Denn echte Selbstsicherheit braucht keine lauten Beweise.
Und manchmal wird man zu einem viel interessanteren Gesprächspartner, wenn man nicht die nächste riesige Geschichte über sich selbst erfindet, sondern aufmerksam der Geschichte eines anderen zuhört.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
