

Südafrika
Der Hasenprinz
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Südafrika
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 10 Min.

Märchen anhören
Der Hasenprinz
Auf einer weiten Ebene, auf der die Morgensonne goldene Streifen über das Gras legte, lebten ein Hase und eine kleine Duikerantilope als Nachbarn.
Der Hase war ausgesprochen schlau. Manchmal sogar ein bisschen zu schlau. Er liebte Abkürzungen, besonders dort, wo andere lange und geduldig arbeiteten. Duiker dagegen war ruhig, vertrauensvoll und tat die Dinge gern ehrlich und gründlich.
Eines Tages sagte der Hase:
„Warum bauen wir nicht selbst Mais, Kürbisse und Erdnüsse an? Dort am Bach ist wunderbarer Boden.“
„Eine gute Idee“, freute sich Duiker.
Sie räumten zwei kleine Felder frei und säten ihre Samen aus. Duiker goss jeden Tag seine Pflanzen, jätete Unkraut und sprach freundlich mit den jungen Halmen.
Auch der Hase arbeitete. Doch sobald die Sonne zu heiß wurde, fand er plötzlich etwas Wichtigeres: eine Wolke musste genauer betrachtet werden, der Schatten unter einem Baum geprüft werden oder ein fünfminütiges Nickerchen gemacht werden, das sich auf geheimnisvolle Weise über eine ganze Stunde zog.
So stand Duikers Feld im Herbst hoch und grün, während die Pflanzen des Hasen deutlich magerer ausfielen.
Dem Hasen war das peinlich. Aber statt seinen Freund um etwas von der Ernte zu bitten, nahm er heimlich ein paar Mal einen Maiskolben von Duikers Feld.
Duiker bemerkte bald, dass etwas fehlte.
„Freund, weißt du, wer auf mein Feld geht?“, fragte er.
Der Hase ließ die Ohren hängen.
Schon wollte er sich eine besonders kluge Erklärung ausdenken, doch dann sah er Duikers Blick. Nicht wütend. Nur traurig.
„Ich war es“, gestand der Hase. „Entschuldige. Ich habe weniger gearbeitet und trotzdem genauso viel Hunger gehabt. Ich hätte dich einfach fragen sollen.“
Duiker schwieg eine Weile und sagte dann:
„Nächstes Jahr arbeiten wir zusammen. Und dieses Jahr teilen wir die Ernte. Aber versteck die Wahrheit nicht noch einmal.“
Der Hase nickte. Sofort fühlte er sich leichter.
Doch in derselben Nacht geschah etwas Seltsames auf dem Feld. Jemand hatte Maiskolben verstreut und eine lange silbrige Feder auf dem Boden zurückgelassen.
„Das war diesmal wirklich nicht ich“, sagte der Hase am Morgen.
„Ich glaube dir“, antwortete Duiker. „Wir sollten herausfinden, wer es war.“
Die Freunde legten eine einfache Schlinge aus dünnen Grasfasern. Sie sollte niemanden verletzen, sondern den unbekannten Gast nur einen Augenblick festhalten.
Am nächsten Morgen hatte sich darin ein wunderbarer Vogel verfangen.
Seine Flügel schimmerten blau, golden und rot. In einem Flügel leuchtete eine lange Feder, heller als der Morgenstern.
„Hab keine Angst“, sagte Duiker. „Wir möchten nur wissen, warum du auf unser Feld kommst.“
Der Vogel flatterte und sprach plötzlich mit menschlicher Stimme:
„Ich komme aus dem Land über den Wolken. Ich wollte euch nichts Böses tun. Ich habe nur den Mais der Erde vermisst.“
Der Hase löste vorsichtig die letzte Schlinge.
„Dann frag beim nächsten Mal“, sagte er und musste selbst lächeln, weil ihm vor Kurzem dasselbe gesagt worden war.
Der Vogel flog davon, kehrte aber schon am folgenden Tag freiwillig zurück.
„Ich möchte euch danken“, sagte er.
Er berührte mit der langen Feder den Boden, und im selben Augenblick verwandelte er sich in eine junge Prinzessin.
Hase und Duiker setzten sich vor Staunen fast auf den Boden.
„Ich bin die Prinzessin des Himmelslandes“, erklärte sie. „Diese Feder hilft mir, zwischen Erde und Wolken zu fliegen.“
Von da an besuchte sie ihre neuen Freunde oft. Der Hase zeigte ihr, wie man Pfade im hohen Gras findet. Duiker bewirtete sie mit dem süßesten Mais. Und die Prinzessin erzählte von Flüssen, die über den Wolken flossen, und von Bäumen, in deren Kronen Sterne nisteten.
Eines Tages berührte die Prinzessin den Hasen mit der Zauberfeder.
Licht wirbelte um ihn herum. Seine langen Ohren verschwanden, die Pfoten wurden zu Händen, und vor den Freunden stand ein junger Mann in einfacher Reisekleidung.
„Von nun an bist du der Hasenprinz“, lachte die Prinzessin. „Aber vergiss nicht, wer du vorher warst. Gerade deine Klugheit und deine Fähigkeit, Fehler einzugestehen, machen dich besonders.“
Duiker ging einmal um ihn herum.
„Merkwürdig“, sagte er. „Die Stimme ist dieselbe.“
„Und der Appetit bestimmt auch“, antwortete der Hasenprinz.
Bald darauf sagte die Prinzessin:
„Ich möchte euch meiner Familie vorstellen.“
Sie stellte die Zauberfeder auf die Erde. Die Feder begann zu wachsen, wurde länger und länger, bis sie die Wolken erreichte.
„Was für eine Leiter“, flüsterte der Hase.
Mit ihnen kamen auch eine kleine Maus und ein Specht, zwei Nachbarn, die für ihren Einfallsreichtum bekannt waren.
Sie stiegen lange hinauf. Unter ihnen wurde die Erde immer kleiner, Flüsse verwandelten sich in silberne Fäden und Bäume in grüne Punkte.
Schließlich gelangten die Reisenden über die Wolken. Vor ihnen erhob sich ein gewaltiges Steintor.
„Hier gibt es gar keine Tür“, sagte der Hase enttäuscht.
„Fast überall gibt es eine Tür“, sagte die Maus. „Man muss nur herausfinden, wo sie beginnt.“
Sie lief um den Stein herum und schnupperte an den Ritzen, fand aber nichts.
Da klopfte der Specht mit dem Schnabel:
Tock-tock, tock-tock, tock!
„Hier ist es hohl!“
Hinter einem kleinen Vorsprung verbarg sich ein steinerner Hebel. Der Specht drückte ihn, und eine riesige Steinplatte glitt lautlos zur Seite.
Hinter dem Tor lag das Himmelsland.
Dort wuchsen silberne Bäume. In den Bächen spiegelte sich der Himmel, und die Menschen konnten sich, wenn sie wollten, in Vögel verwandeln.
Die Eltern der Prinzessin freuten sich sehr über ihre Tochter. Doch als sie den Gast von der Erde sahen, wurden sie besorgt.
„So etwas hat es bei uns noch nie gegeben“, sagte der Herrscher des Himmels. „Menschen der Wolken leben mit Menschen der Wolken.“
„Vielleicht ist diese Gewohnheit einfach noch nicht entstanden“, erwiderte die Prinzessin.
Der Herrscher dachte nach.
Er wollte seine Tochter nicht verletzen, aber einem Fremden auch nicht sofort vertrauen.
„Gut“, sagte er schließlich. „Der Prinz von der Erde soll drei Prüfungen bestehen. Keine gefährlichen. Wir wollen nur sehen, ob er auch an andere denken kann.“
Die erste Prüfung verlangte Aufmerksamkeit.
Auf einem langen Tisch standen Dutzende gleiche Krüge. Nur einer enthielt frisches Quellwasser.
Die Maus flüsterte:
„Bei einem Krug rieche ich Minze. Wahrscheinlich wurde er gerade von der Quelle gebracht.“
Der Hase lächelte.
„Danke. Aber diese Prüfung muss ich selbst bestehen.“
Er betrachtete alle Krüge genau und bemerkte auf einem von ihnen kalte Tautropfen. Diesen wählte er.
Die zweite Prüfung verlangte Mut.
Er sollte eine weite Ebene überqueren, während heftiger Hagel fiel.
Doch der Hase rannte nicht blindlings los. Er wartete, bis der Specht ihm einen schmalen Baumstreifen zeigte, unter dem man Schutz vor den Eiskörnern finden konnte. Dann ging er ruhig seinen Weg.
„Mut bedeutet nicht, direkt in eine Gefahr hineinzulaufen“, sagte er. „Manchmal bedeutet er, rechtzeitig einen vernünftigen Weg zu finden.“
Die dritte Prüfung war die wichtigste.
Der Herrscher des Himmels gab ihm drei kleine Säcke mit Zauberkorn.
„Säe es dort aus, wo du es für richtig hältst.“
Der Hase hätte alles neben seinem zukünftigen Haus pflanzen und eine reiche Ernte für sich haben können.
Doch er teilte das Korn in drei Teile.
Einen gab er alten Menschen, die weit entfernt lebten.
Den zweiten einer großen Familie, deren Felder ein Sturm zerstört hatte.
Den dritten säte er gemeinsam mit der Prinzessin aus.
Der Herrscher sah ihn lange an und lächelte dann.
„Jetzt sehe ich, dass du nicht nur gelernt hast, schlau zu sein. Du hast auch gelernt zu teilen.“
Im Himmelsland wurde ein großes Fest gefeiert.
Doch der Hasenprinz und die Prinzessin beschlossen, auf der Erde zu leben.
„Dort hat unsere Geschichte begonnen“, sagte sie.
Gemeinsam mit der Maus und dem Specht stiegen sie an der Zauberfeder wieder hinab.
Unten wartete Duiker.
„Na endlich!“, rief er. „Ich dachte schon, ich müsste die ganze Ernte allein einbringen.“
Von da an lebten sie in der Nähe voneinander und halfen sich gegenseitig.
Der Hase nahm nie wieder etwas, das ihm nicht gehörte, ohne zu fragen.
Duiker schämte sich nicht zu sagen, wenn er Hilfe brauchte.
Die Maus fand fast jede verborgene Tür.
Und der Specht konnte selbst im dicksten Stein hören, wo sich ein Hohlraum befand.
Von Zeit zu Zeit stellte die Prinzessin ihre Feder auf die Erde, und sie wuchs bis zu den Wolken hinauf.
Dann stiegen die Freunde ins Himmelsland, tranken Wasser aus den Bächen über den Wolken und waren bis zum Abend wieder zu Hause.
Man erzählt, dass eine sehr lange goldene Linie am Himmel nach einem Regen nicht immer ein Sonnenstrahl ist.
Vielleicht hat die Zauberfeder der Prinzessin gerade wieder die Erde berührt.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
