Cover: Der Hirte Pál

Ungarn

Der Hirte Pál

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Ungarn
Alter
5–9 Jahre
Dauer
12 Min.
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Der Hirte Pál

In einem grünen Land, in dem sich die Wiesen bis zum Horizont zogen, lebte ein alter Hirte. Eines Morgens hörte er im hohen Gras ein Baby weinen und fand dort ein Kind, das in ein einfaches Tuch gewickelt war.

Der Hirte nahm den Jungen zu sich und nannte ihn Pál. Er zog ihn zwischen Schafen, Hügeln und Wind groß. Nach der alten Erzählung gab eine sanfte Mutterschaf dem Kind so lange Milch, dass Pál außergewöhnlich stark heranwuchs.

Wenn andere Kinder einen Stein mit beiden Händen hoben, konnte Pál ihn mit dem Fuß zur Seite rollen. Wenn mehrere Hirten gemeinsam versuchten, einen Wagen aus dem Schlamm zu ziehen, fasste Pál an die Deichsel und half, als wäre der Wagen leer.

Der alte Hirte sagte jedoch immer:

„Kraft ist nur dann etwas Gutes, wenn du weißt, wofür du sie einsetzt.“

Pál merkte sich diese Worte.

Als er erwachsen geworden war, sagte er eines Tages:

„Ich möchte die Welt sehen. Hier kenne ich jeden Weg und jedes Schaf. Hinter den Hügeln muss es vieles geben, was ich noch nicht verstehe.“

Der alte Hirte gab ihm einen Beutel mit Brot und wünschte ihm eine gute Reise.

Schon am ersten Tag begegnete Pál einem sonderbaren Mann. Er stand neben einem riesigen Baum und kämmte mit bloßen Händen dessen Äste, als wären sie Flachs.

„Wer bist du?“, fragte Pál erstaunt.

„Man nennt mich Baumkämmerer. Und bist du nicht zufällig der berühmte Hirte Pál?“

„Pál bin ich. Wie berühmt ich bin, weiß ich allerdings nicht.“

„Dann prüfen wir deine Kraft!“

Sie rangen auf dem weichen Gras miteinander. Der Boden dröhnte unter ihren Füßen. Mal wich der eine einen Schritt zurück, mal der andere. Schließlich gelang es Pál, den Baumkämmerer an Ort und Stelle festzuhalten.

„Genug!“, lachte der Mann. „Du bist wirklich stark. Lass uns zusammen weiterziehen.“

Bald trafen sie den Steinbrecher, der Felsbrocken so fest zusammendrücken konnte, dass sie in seinen Händen zerbröselten. Auch er wollte sich mit Pál messen. Nach einem langen freundschaftlichen Ringen gab er zu:

„Offenbar ist es besser, dein Gefährte zu sein als dein Gegner.“

Als Dritten begegneten sie dem Eisenkneter. Er bog Eisen so mühelos, als würde er Teig kneten.

Nun waren sie zu viert.

Eines Tages machten die Freunde in einem Wald Rast. Der Baumkämmerer blieb zurück, um das Abendessen zu kochen, während die anderen Pilze, Beeren und trockenes Holz suchten.

Das Sauerkraut war fast fertig, als hinter einem Busch ein kleiner Mann mit einem sehr langen, spitzen Bart hervorkam.

„Das riecht gut“, sagte er. „Gibst du mir etwas zu essen?“

Statt höflich zu antworten, schnaubte der Baumkämmerer:

„Geh weiter.“

Der bärtige Mann kniff listig die Augen zusammen. Als der Baumkämmerer sich umdrehte, schnappte er sich flink den Topf, aß beinahe das ganze Kraut auf und verschwand.

Der Baumkämmerer schämte sich. Er setzte eine neue Portion auf, doch bevor seine Freunde zurückkamen, wurde sie nicht fertig.

Am nächsten Tag geschah dem Steinbrecher dasselbe, und einen Tag später dem Eisenkneter. Keiner wollte zugeben, dass der kleine Bartträger ihn überlistet hatte.

Am vierten Tag sagte Pál:

„Hier stimmt etwas nicht. Heute bleibe ich beim Essen.“

Der Bärtige kam wieder.

„Gibst du mir etwas?“

„Du bekommst eine Schüssel, wenn du ehrlich darum bittest“, antwortete Pál.

Doch der kleine Mann griff bereits nach dem Topf.

Pál packte ihn am Gürtel und band ihn mit einem langen Riemen an einen kräftigen Baum.

„Bleib hier, bis meine Freunde zurückkommen. Dann reden wir alle miteinander.“

Als die anderen jedoch eintrafen, war der Baum verschwunden. Über den Boden zog sich eine breite Spur, als hätte jemand den ganzen Stamm durch den Wald geschleift.

Sie folgten ihr und kamen zu einer tiefen Grube.

„Er ist dort unten verschwunden“, sagte Pál.

Die Freunde ließen ihn in einem stabilen Korb an einem Seil hinab.

Unter der Erde befand sich kein dunkler Keller, sondern ein weites, seltsames Land mit steinernen Straßen und Schlössern, die leuchteten, als hätten sie Sonnenlicht gespeichert.

Im ersten Schloss traf Pál eine junge Frau.

„Lauf fort“, sagte sie. „Dieses Schloss wird von einem sechsköpfigen Drachen bewacht. Er lässt mich nicht nach Hause zurück.“

„Wenn du gehen möchtest, darf dich niemand gegen deinen Willen festhalten“, antwortete Pál.

Kurz darauf dröhnten die Türen. Der Drache trat ein und sah den Fremden.

„Wer sitzt da in meinem Schloss?“

„Der Hirte Pál. Ich bin gekommen, um diejenige mitzunehmen, die hier nicht bleiben will.“

„Dann beweise zuerst, dass du stärker bist als meine Tore!“

Der Drache zeigte auf einen riesigen Steinblock, mit dem er jeden Abend die Tür abstützte.

Pál hob ihn hoch, trug ihn quer durch den Saal und stellte ihn an der anderen Wand ab.

Der Drache versuchte dasselbe, doch der Stein bewegte sich nicht.

„Gut“, brummte er. „Geht. Aber weiter unten leben meine Brüder. Sie sind nicht so nachgiebig wie ich.“

Die junge Frau nahm einen goldenen Stab, berührte damit das Schloss, und im selben Augenblick verwandelte es sich in einen goldenen Apfel.

„Es ist ein Zauberschloss“, erklärte sie. „So lässt es sich leichter an die Oberfläche bringen.“

Im zweiten Schloss wartete ihre Schwester. Dort lebte ein zwölfköpfiger Drache.

Er schlug Pál eine Prüfung vor: Wer einen schweren Eisenbalken länger über dem Kopf halten könne.

Die junge Frau gab Pál ein verzaubertes Seidenhemd, das ihm Ausdauer verlieh. Pál hielt den Balken lange. Der Drache prahlte zuerst mit allen zwölf Stimmen, dann nur noch mit neun, später mit drei, und schließlich riefen alle Köpfe gleichzeitig:

„Genug! Verschwindet!“

Auch das zweite Schloss wurde zu einem goldenen Apfel.

Im dritten Schloss lebte die jüngste Schwester. Sein Herr war ein achtzehnköpfiger Drache, der sich auf der Erdoberfläche in denselben kleinen Bartträger aus dem Wald verwandeln konnte.

„Du hast also unser Sauerkraut gegessen“, sagte Pál.

„Und du hast mich an einen Baum gebunden“, antwortete der Drache mit mehreren Stimmen zugleich.

Sie musterten einander.

„Wir werden nicht kämpfen“, sagte Pál. „Ich bin wegen der jungen Frau gekommen. Sie möchte nach Hause.“

„Dann besiege mich in drei Dingen“, antwortete der Drache. „Kraft, Geschick und Verstand.“

Zuerst rollten sie einen gewaltigen steinernen Ring über den Boden. Pál gewann.

Danach mussten sie über eine schmale Brücke gehen, jeder mit einer bis zum Rand gefüllten Schale Wasser, ohne einen Tropfen zu verschütten. Pál ging langsam und gewann erneut.

Die dritte Aufgabe war ein Rätsel:

„Was wird größer, wenn man es teilt?“

Pál dachte nach. Er erinnerte sich an den alten Hirten, der Brot, Rat und Fürsorge mit anderen geteilt hatte.

„Güte“, sagte er. „Und Vertrauen ebenfalls, wenn man es nicht verrät.“

Alle achtzehn Köpfe des Drachen verstummten.

„Geht“, sagte er schließlich. „Heute habe ich ehrlich verloren.“

Auch das dritte Schloss verwandelte sich in einen goldenen Apfel.

Pál und die drei Schwestern kehrten zur Grube zurück. Der Korb war zu klein für alle.

„Steigt ihr zuerst hinauf“, sagte Pál. „Danach ziehen meine Freunde mich hoch.“

Eine Schwester nach der anderen wurde an die Oberfläche gebracht.

Als die drei Gefährten jedoch die goldenen Äpfel sahen und von den Schlössern hörten, erwachte in ihnen der Neid.

„Wenn Pál heraufkommt, wird jeder nur ihn feiern“, sagte der Steinbrecher.

„An uns wird sich niemand erinnern“, fügte der Eisenkneter hinzu.

Sie nahmen das Seil mit und gingen fort. Pál blieb unter der Erde zurück.

Die Schwestern protestierten, doch die drei Kraftmänner sagten:

„Wir kommen später wieder.“

Sie kamen nicht wieder.

Pál irrte lange durch das unterirdische Land. Er war stark, doch zum ersten Mal begriff er, dass es Orte gab, aus denen Muskelkraft allein keinen Menschen herausbrachte.

Plötzlich fiel ein feuriger Regen vom Himmel. In den Felsen entdeckte Pál ein Greifennest. Der erwachsene Vogel war nicht da, und die Jungen zitterten schutzlos unter dem offenen Himmel.

Pál breitete seinen Mantel über das Nest und blieb darunter sitzen, bis der Feuerregen vorüber war.

Bald kehrte ein riesiger Greif zurück.

„Du hast meine Jungen gerettet“, sagte er. „Was wünschst du dir?“

„Zurück an die Oberfläche zu gelangen.“

„Setz dich auf meinen Rücken.“

Der Flug dauerte drei Tage und drei Nächte. Unterwegs gab Pál dem Greif zu essen und reichte ihm Wasser, wenn der Vogel den Kopf zu ihm zurückdrehte.

Am vierten Morgen flogen sie in die helle Welt unter der Sonne hinaus.

Pál suchte seine ehemaligen Gefährten. Als Baumkämmerer, Steinbrecher und Eisenkneter ihn sahen, wurden sie bleich.

„Wir dachten, du würdest irgendwie herauskommen“, begann der Baumkämmerer.

„Aber ihr habt das Seil mitgenommen“, antwortete Pál.

Keiner fand eine Entschuldigung.

Da sagte Pál:

„Ich könnte den Rest meines Lebens meinen Groll mit mir herumtragen. Aber er ist schwerer als jeder Stein. Ihr seid nicht länger meine Gefährten. Geht euren eigenen Weg und denkt daran: Kraft ohne Treue ist nicht viel wert.“

Die drei gingen mit gesenkten Köpfen davon.

Die Schwestern hatten die goldenen Äpfel aufbewahrt. Sie suchten einen schönen Ort, berührten die Äpfel mit dem goldenen Stab, und vor ihnen standen wieder die drei Schlösser.

Nun waren sie keine Gefängnisse mehr. Die Türen blieben offen, in den Gärten blühten Blumen, und jede Schwester entschied selbst, wo sie leben und was sie mit ihrem Leben tun wollte.

Die jüngste sprach oft mit Pál. Sie erinnerten sich an die unterirdische Welt, lachten über den achtzehnköpfigen Drachen, der manchmal mit sich selbst zu diskutieren schien, und stritten darüber, was schwieriger sei: einen Felsblock zu heben oder einen eigenen Fehler rechtzeitig zuzugeben.

Mit der Zeit wurden sie die engsten Freunde. Noch später beschlossen sie, ihr Leben miteinander zu teilen.

Pál vergaß den alten Hirten jedoch nie. Er kehrte zu den grünen Wiesen zurück, umarmte seinen Pflegevater und erzählte ihm alles, was er erlebt hatte.

Der alte Mann hörte zu und fragte:

„Was hat sich nun als die größte Kraft der Welt erwiesen?“

Pál lächelte.

„Nicht meine Arme. Nicht der Baumkämmerer. Nicht die Drachen und nicht einmal der Greif. Am stärksten ist das, was einen Starken dazu bringt, einem Schwächeren zu helfen, und einen Verletzten davon abhält, aus Rache selbst grausam zu werden.“

Der alte Hirte nickte.

„Jetzt hast du die Welt wirklich gesehen.“

Und wenn Pál später noch Bäume anhob, dann nur, wenn sie quer über einen Weg gefallen waren und den Menschen das Vorankommen versperrten. Denn nun wusste er sehr genau, wozu er seine große Kraft gebrauchen wollte.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨